Kolumne
Kolumne Insur­techs

Daten­ku­ra­tor – statt Daten­krake

Das Wort Datenkrake ist beliebt – es ist so schön plastisch. Große Webkonzerne werden gerne so tituliert. Datenkraken sammeln, so wird unterstellt, Informationen unkontrolliert, allumfänglich, womöglich illegitim. Und was ist mit Versicherern?

Unsere Branche beruht seit jeher auf der Analyse von Daten zur Risikokalkulation. Sie ist wie jede andere auch gefordert, sich dynamisch an die Digitalisierung anzupassen, ihre Chancen zu ergreifen und sie für völlig neue Angebote zu nutzen. Gerade wird in Fernost und im Silicon Valley besonders ungezwungen ausprobiert, wie weit man mit Blockchain, Künstlicher Intelligenz und digitaler Verhaltensanalyse gehen kann, um Kunden noch passgenauere und kostengünstigere Produkte anzubieten.

Vieles ist im Umbruch, vieles entsteht gerade jetzt vor unseren Augen

„Die Sichtweise hinsichtlich Datensicherheit und Privatsphäre unterscheidet sich von Land zu Land“, sagt der Chef des US-Insurtechs Metromile im Interview mit unserem Verbandsmagazin „Positionen“. „In vielen Fällen sind die Leute aber bereit, ihre Daten zu teilen, wenn sie den Wert dessen, was sie dafür bekommen, höher einschätzen als den Schutz ihrer Daten“, meint Dan Preston, der mit einfachen Telematik-Tarifen gerade im US-Markt für Kfz-Versicherungen auffällt.

Auf der einen Seite die USA, auf der anderen China – und Europas Versicherer mitten drin. So etwa stellt sich derzeit die Insurtech-Szene dar, die unsere Branche verändert, ihr neue Impulse gibt und völlig neue Angebote ermöglicht. Wir erleben eine bewegte Zeit: Vieles ist im Umbruch, vieles entsteht gerade jetzt vor unseren Augen. Der am Kapitalmarkt höchst bewertete Versicherer der Welt sitzt in China und steigt gerade indirekt über Beteiligungen an Insurtechs in den deutschen Markt ein.

Das neue „Positionen“-Heft spiegelt diese Entwicklung – inhaltlich und auch optisch: Erstmals mit chinesischen Schriftzeichen auf der Titelseite – und mit „Silicon Valley on the offensive“  auf dem Heftrücken. Wie wälzen Insurtechs und gestandene Versicherungskonzerne die Branche mit neuen digitalen Angeboten und Prozessen um? Und was haben deutsche Kunden schon jetzt davon?

Schöne neue Welt? Ja und nein – vieles was im Silicon Valley oder Shenzhen ausgeklügelt  wird, wird  in Europa durchaus kritisch hinterfragt. Und natürlich nutzen auch deutsche Versicherer die Chancen der Digitalisierung, treiben den Umbau ihres Geschäfts massiv voran und setzen sich für Rahmenbedingungen ein, die Unternehmergeist und die Chancen neuer Technologien konkurrenzfähig befördern – ohne dabei allerdings Errungenschaften wie adäquaten Datenschutz aufzugeben, der auf unserem Kontinent durch die Datenschutzgrundverordnung weitgehend geregelt wurde.

Die verschiedenen Anbietertypen – etablierte Versicherer, Insurtech-Startups sowie Newcomer aus anderen Branchen wie etwa Technologieunternehmen – verfügen dabei jeweils über spezifische Stärken. Insurtechs können ihre Angebote ohne Altlasten voll auf die digitale Welt zuschneiden. Die Bigtechs zeichnen sich durch ihre Expertise im Umgang mit neuen Technologien und umfangreichen Datenpools aus. Traditionelle Versicherer dagegen profitieren von ihren gewachsenen Kundenbeziehungen und ihrer umfassenden Versicherungs- und Regulierungskompetenz. Sie stehen aber vor der Herausforderung, ihre Strategie und ihren Geschäftsbetrieb an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Vernünftigen Abgleich zwischen Datenschatz und Datenschutz

Im Interview mit unserem Verband bemerkte kürzlich der Chef des Hasso-Plattner-Instituts: „Was nützt das moralisch gesehen beste Datenschutzgesetz, wenn es verhindert, dass zum Beispiel Medizinforschung hierzulande konkurrenzfähig betrieben werden kann?“ Christoph Meinel wünscht sich hier „mehr Sachverstand und mehr kontroverse Diskussion“ und findet: „Nur wer die Daten besitzt, kann auch leistungsfähige KI-Systeme entwickeln.“

Dabei wird es darum gehen, einen vernünftigen Abgleich zwischen Datenschatz und Datenschutz zu erzielen. Bei aller Detailkritik an der Gesetzeslage in Europa bin ich davon überzeugt, dass sich Datenschutz als Wettbewerbsvorteil nutzen lässt - und sich auch global durchsetzen wird.

Sind oder werden Versicherer also Datenkraken? Nein!

Ich würde für die Branche in Deutschland das Wort Datenkurator bevorzugen.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth

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