Kolumne
Kolumne - Digi­ta­li­sie­rung

Date­net­hik: Fair, nach­voll­zieh­bar, frei von Dis­kri­mi­nie­rung – und die Chan­cen im Blick

Algorithmen sind aus der Versicherung nicht mehr wegzudenken. Auch deshalb betrifft der heute vorgelegte Bericht der Datenethikkommission die Branche unmittelbar. Brauchen wir weitere Regulierungsmaßnahmen? Ich plädiere für Zurückhaltung und finde es besser, bereits vorhandene Regeln aus der analogen auch in der digitalen Welt sinnvoll anzuwenden.

Versicherungsunternehmen agieren auf einem hochregulierten Markt, der auch durch starke Verbraucherrechte gekennzeichnet ist. Die in der Versicherungswirtschaft verwendeten Formeln unterliegen nach geltendem Recht der Kontrolle der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Überdies schützen gesetzliche Regelungen wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und die EU-Datenschutz-Grundverordnung Verbraucher vor Diskriminierung und sichern ein hohes Datenschutzniveau mit umfangreichen Auskunftsrechten – selbstverständlich auch in der digitalen Welt.

Offene Debatte über den ethischen Einsatz von Algorithmen

Das ist gut so – allerdings: Mit der rasanten technologischen Entwicklung der vergangenen Jahre gehen auch verbraucherpolitische Vorbehalte einher: Deshalb brauchen wir  einen gesellschaftlichen Konsens, eine offene Debatte über den ethischen Einsatz von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz. Nur damit können wir für Akzeptanz der neuen Technologien sorgen.

Neue Impulse liefert nun das Gutachten der von der Bundesregierung eingesetzten Datenethikkommission. Das heute vorgestellte Papier empfiehlt eine am jeweiligen Risiko orientierte Regulierung für algorithmische Systeme. Hierzu werden fünf Kritikalitätsstufen vorgestellt, für die je nach Risiko unterschiedliche Vorgaben gelten sollen. Über Transparenzpflichten, Zulassungsverfahren bis hin sogar zu Verboten von Systemen.

Die Diskussion ist wichtig, aber wir sollten dabei zwei Punkte nicht vergessen. Zum einen haben wir bereits einen rechtlichen Rahmen, der auch in der digitalen Welt gilt und ethische Fragen berücksichtigt. Und zweitens – das kommt mir aus wirtschaftlicher Sicht immer zu kurz – wird die Debatte häufig auf die Risiken beschränkt. Das erschwert den Blick auf  die Chancen für Verbraucher und Unternehmen. Schließlich sind Daten seit jeher Grundlage für Versicherungsschutz. Neu ist, dass wir durch die Digitalisierung viel mehr Daten nutzen und analysieren können. Ein paar Beispiele?

  • Kunden oder die Autowerkstatt können bei Kfz-Schäden durch vollautomatisierte Prozesse von der  Einreichung  der Schadenbilder via App bis  zur Bewilligung der Schadenssumme deutlich schneller ihr Geld erhalten.
  • Systeme archivieren heute bereits Schadenfälle automatisch, dadurch  wird Papier und Arbeitszeitgespart; dies  kommt den  Kunden in Form von sinkenden Kosten zugute.
  • Durch  die  Zusammenführung  aller relevanten  Informationen in  einem  Algorithmus ist es möglich, Versicherungsinteressenten auf Basis ihrer individuellen Risikosituation unmittelbar ein Angebot für eine Berufsunfähigkeitsversicherung zu machen. Eine Entwicklung, die heute bereits in der Online-Vermittlung genutzt wird.
  • Chatbots und Sprachassistenten sind rund um die Uhr für Kunden verfügbar und reagieren mit kürzeren Reaktionszeiten auf Serviceanfragen, bei einer hohen einheitlichen Qualität.
  • Schäden können verhindert werden, etwa indem Wetterdaten rechtzeitig mit Handlungsempfehlungen an  Kunden via App gesendet werden.
  • Die Versichertengemeinschaft  kann noch besser vor Betrugsfällen geschützt werden, etwa durch intelligente Bilderkennung, die Fälschungen etwa bei vermeintlichen Kfz-Schäden besser und  schneller erkennt.

Ich wünsche mir eine sachliche, am Wohle der Menschen orientierte Diskussion: Fair, nachvollziehbar, frei von Diskriminierung – und mit einem Blick, der Risiken und Chancen gleichermaßen berücksichtigt - damit Verbraucher und Unternehmen profitieren können.

Versicherung basiert auf fairer Differenzierung

Entscheidend für unsere Kunden ist die Nachvollziehbarkeit, wie Entscheidungen von KI-Systemen zustande gekommen sind. Wichtig ist mir: Differenzierung ist nicht gleich Diskriminierung. Differenzierung ist fair, solange sie nicht zu Diskriminierung führt.

Der Ball liegt jetzt erstmal bei der Politik, aber auch wir werden die Empfehlungen diskutieren: auf unserem Verbraucherpolitischen Ausblick am 4. November, wenn wir  über präventiven Verbraucherschutz mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Verbraucherschutz und Wirtschaft sprechen.

Ich freue mich darauf.

Jörg von Fürstenwerth

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