Inter­na­tio­na­ler Heb­am­men­tag

Trai­ning gegen Geburts­schä­den

Kommt es bei einer Geburt zu Komplikationen, sind die Risiken für Mutter und Kind groß. Dank eines neuen Übungsprogramms können Kreißsaal-Teams jetzt realitätsnah den Ernstfall proben.

In einer medizinischen Notsituation zählt jede Sekunde. Im Idealfall sitzt jetzt jeder Handgriff. Kennen alle ihre Aufgaben. Hören auf ein Kommando. In Notaufnahmen ist diese reibungslose Zusammenarbeit zwischen Notärzten, Anästhesisten und Krankenpflegern alltägliche Praxis und damit Routine. In Kreißsälen ist der akute Notfall hingegen die große Ausnahme: „Eine Geburt ist in aller Regel ein normaler und völlig unproblematischer Vorgang. Wir haben praktisch nie Notfälle“, sagt Katharina Jeschke vom Deutschen Hebammenverband.

Komplikationen stellt Kreißsaal-Teams vor Probleme

Doch gerade weil ernsthafte Komplikationen so selten seien, würden sie die Kreißsaal-Teams aus Hebammen, Gynäkologen, Anästhesisten, Neugeborenen-Medizinern (Neonatologen) und Pflegekräften vor Probleme stellen. Das „Aktionsbündnis Patientensicherheit“ (APS) bietet daher seit Ende vergangenen Jahres ein spezielles Training für Kreißsaal-Teams an. Das „Simparteam“ getaufte Projekt, von Jeschke geleitet, soll die Sicherheit von Mutter und Kind bei Notfällen während der Geburt erhöhen.

Ausgangspunkt des Projekts war eine Auswertung von Geburtsschäden durch eine Arbeitsgruppe des Aktionsbündnisses, die sich mit Behandlungsfehlern befasst. Sie stellte fest, dass viele Fehler auf mangelnde Abstimmung und Kommunikation im Kreißsaal-Team, verzögerte Kaiserschnittentbindungen und falsche Interpretationen der Wehenschreiber-Daten (CTG) zurückzuführen waren. Um daraufhin ein möglichst realistisches Training zu konzipieren, griffen die Organisatoren wieder auf tatsächliche Fälle zurück. Außer Gutachtern des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung analysierten unter anderem die Beratungsärzte der Versicherungskammer Bayern mehrere dort bearbeitete Geburtsschäden und entwickelten mit dem Projektteam verschiedene Übungsszenarien.

Geburtssimulator erlaubt realitätsnahe Übungen

Im Mittelpunkt des Kreißsaal-Trainings steht die Arbeit an einem sogenannten Geburtssimulator, einer Puppe, in der nicht nur ein künstliches Herz schlägt und die eine Atmung imitiert. Sie kann zudem eine computergesteuerte Kinderpuppe gebären. Damit lassen sich am Geburtssimulator verschiedene Komplikationen bei einer Geburt nachahmen.

Mithilfe des Simulators üben die Teilnehmer unter anderem, auffällige Daten des CTG richtig zu interpretieren oder einen Nabelschnur-Katheter zu legen. Wichtigstes Ziel der Übungen ist aber eine gute Zusammenarbeit des Teams.

„Im Kreißsaal arbeiten viele verschiedene Fachdisziplinen, außerdem haben wir mit Mutter und Kind nicht nur einen, sondern gleich zwei Patienten zu versorgen, und dazu oft noch einen Kindesvater zu betreuen“, so Jeschke. zu, erklärt die Hebamme, kämen noch unklare Schnittstellen und Kompetenzen während einer Geburt: „Solange eine Geburt rund läuft, ist die Hebamme im Kreißsaal die erste Ansprechpartnerin“, erklärt Jeschke. „Auch wenn in der Klinik immer der Kreißsaal unter ärztlicher Leitung steht, so übernimmt der Arzt doch erst bei Komplikationen die tatsächliche Leitung der Geburt. Doch auch dann ist die Hebamme weiterhin mitverantwortlich an der Geburt beteiligt.“

„Alle Fachrichtungen profitieren“

Um die Zusammenarbeit zu schulen, werden alle Übungen an der Simulationspuppe auf Video festgehalten und von den anderen Teilnehmern beobachtet. Jede Simulation wird im Anschluss diskutiert und ausgewertet. „Wichtig ist, dass die Übungen nicht als Prüfungssituation begriffen werden. Wir wollen nicht dem Einzelnen Fehler nachweisen, sondern allen Beteiligten vor Augen führen, worin mögliche Probleme liegen und wie sie vermieden werden können“, sagt Jeschke.

Die bisherigen Erfahrungen aus dem Pilotprojekt sind laut Jeschke durchweg positiv: „Wir haben die Kreißsaal-Teams von sieben bayerischen Kliniken trainiert – überall gab es die gleichen Probleme und die gleichen Lerneffekte. Alle Beteiligten fühlten sich nach den Übungen deutlich sicherer und gaben an, viel besser auf einen Notfall vorbereitet zu sein.“ Die Auswertung eines ähnlichen Projekts in Dänemark ergab zudem, dass regelmäßige Notfall-Trainings den Krankenstand von Kreißsaal-Teams deutlich senken können.

Bundesweites Angebot

Nach dem erfolgreichen Auftakt in Bayern wurde das Projekt im April dieses Jahres mit dem Deutschen Preis für Patientensicherheit ausgezeichnet. Mittlerweile kann das Simparteam-Training von Krankenhäusern bundesweit gebucht werden. Damit möglichst viele Kliniken mitmachen können, werden derzeit zusätzliche Instruktoren ausgebildet. Der personelle Aufwand ist hoch: Für jede Disziplin eines Kreißsaal-Teams gibt es mindestens einen eigenen Instruktor, dazu kommen Techniker für die Bedienung des Geburtssimulators. „Trotzdem liegen die Kosten für die zwei- bis dreitägigen Seminare nur bei rund 200 Euro pro Person und Seminartag“, sagt Jeschke.

Geburtsschäden sind tragisch und teuer

Dieses Geld ist gut angelegt – zu allererst angesichts des Leids, das jeder vermiedene Behandlungsfehler einem Kind, seinen Eltern und den Verantwortlichen erspart. Darüber hinaus sind Geburtsschäden aber auch ein hohes finanzielles Risiko für alle an der Geburtshilfe Beteiligten. Nach Zahlen des GDV leisten die Versicherer für ein Kind mit schwerem Geburtsschaden im Durchschnitt 2,6 Millionen Euro – Tendenz steigend. Der Grund: Dank des medizinischen Fortschritts wächst die Lebenserwartung auch Schwerstgeschädigter. Pflege- und Therapiekosten fallen für einen deutlich längeren Zeitraum an, im Erwachsenenalter wird zusätzlich der Erwerbsausfall vom Versicherer ausgeglichen.

Auch wenn Geburtsschäden heute nur noch in seltenen Einzelfällen vorkommen, hofft Jeschke, durch die Simparteam-Trainings die Zahl der Behandlungsfehler im Kreißsaal weiter zu verringern. „Wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht“, sagt Katharina Jeschke. „Eine Null-Fehler-Quote werden wir nie erreichen können. Aber schon mit einem einzigen Fehler, der dank eines Simparteam-Trainings nicht passiert, hat sich das Projekt gelohnt.“

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