Infra­struk­tur

Stu­die belegt Kos­ten­ex­plo­sio­nen bei öffent­li­chen Bau­pro­jek­ten

Ein aktuelle Studie der Hertie School of Governance zeigt: Die Kosten öffentlicher Projekte laufen regelmäßig aus dem Ruder. Die Wissenschaftler plädieren daher für mehr Transparenz, bessere Planung und Kontrolle. Und für eine stärkere Einbindung privaten Kapitals, das zum Beispiel Versicherer bereitstellen könnten.

Wenn es um die Effizienz öffentlicher Großprojekte geht, hegt das gemeine Volk schon seit längerem einen bösen Verdacht: Dass nämlich regelmäßig eine Menge schief läuft und die Bauvorhaben am Ende nicht nur erheblich teurer, sondern auch deutlich später fertig werden. Als Beleg für diese Vermutung haben sich vor allem zwei Großprojekte ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt: die Elbphilharmonie in Hamburg und der Flughafen BER in Berlin.

Eine wissenschaftliche Studie bestätigt nun dieses allgemeine Bauchgefühl. Die Hertie School of Governance hat öffentliche Großprojekte seit 1960 analysiert und anhand von 170 abgeschlossenen und noch laufenden Projekten untersucht, wie es um die Kostendisziplin bestellt ist. Das Ergebnis ist ernüchternd: Um 59 Milliarden Euro überstiegen die Kosten den Plan, statt der kalkulierten 141 Milliarden Euro verschlangen die Projekte 200 Milliarden Euro – mindestens. Denn bei den noch laufenden Projekten handelt es sich ja nur um eine Zwischenrechnung.

Erste Studie zur Kostendisziplin überhaupt

Für Studienleiterin Genia Kostka sind Zeit- und Kostenüberschreitungen kein rein deutsches Problem, und an sich auch kein neues Phänomen. Umso überraschter sei sie bei der Recherche gewesen, dass es hierzulande noch keine Untersuchung dazu gab. „Unsere Studie ist die erste, die versucht zu analysieren, wie groß das Problem ist“, sagt die Professorin für Governance von Energie und Infrastruktur an der Hertie School of Governance. Die Dimension lässt sich nun gut in einer Zahl zusammenfassen: Die Kosten der bereits abgeschlossenen Großprojekte stiegen durchschnittlich um 73 Prozent im Vergleich zur Kalkulation. Und mit dieser Bilanz steht Deutschland selbst im internationalen Vergleich schlecht da.

Doch so groß wie die Probleme, so vielfältig sind auch die Ursachen für die regelmäßigen Budgetüberschreitungen. Oft spielen politische Faktoren eine entscheidende Rolle: bewusst zu niedrig angesetzte Budgets, schlechte Planung, unklare Verantwortlichkeiten und mangelhafte Kontrolle. Dazu kämen psychologische Faktoren, so Kostka. Risiken würden oft unterschätzt, die eigenen Fähigkeiten überschätzt. Fehlkalkulationen lassen sich aber auch mit Pionierrisiken erklären, weil mit Projekten technologisches Neuland betreten wird. Beispiele dafür seien die Offshore-Windenergie oder die Kommunikationstechnologie, so Kostka. Und mitunter sind auch Bürgerproteste für teure Bauverzögerungen verantwortlich.

Viele Defizite setzen eine Fehlerspirale in Gang

Und allzu oft kommen viele Ursachen zusammen, die eine nicht mehr zu kontrollierende Fehlerspirale in Gang setzen. So wie beim Bau des BER, dem die Studienautoren für eine Fehleranalyse gar ein eigenes Kapitel widmen. Statt der ursprünglich veranschlagten 2,5 Milliarden Euro wird der Flughafen mindestens 5,4 Milliarden Euro kosten. Das erste Flugzeug hebt nach aktuellem Stand frühestens Ende 2017 ab – fünf Jahre später als geplant. „Es entsteht ein dauerhafter Reputationsschaden für die öffentliche Hand, wenn Großprojekte ständig aus dem Ruder laufen“, sagt Jobst Fiedler, Resident Senior Fellow der Hertie School und Mitautor der Studie. Das könne nicht länger hingenommen werden.

Die Wissenschaftler regen deshalb Änderungen an. So schlagen sie nach dem Vorbild Großbritanniens die Einführung einer öffentlichen Datenbank für große Infrastrukturprojekte vor. Sie würde mehr Transparenz schaffen und dabei helfen, Referenzklassen zu bilden, anhand derer sich Risikoaufschläge für einzelne Projekte bestimmen ließen. Laut Fiedler braucht es in den Aufsichtsgremien aber auch mehr privatwirtschaftliches Know-how. Er plädiert zudem für eine stärkere Einbindung privaten Kapitals: „Es geht dabei auch um die Übernahme von Risiken und Verantwortung.“

Einbindung privater Investoren gefordert

Wie sinnvoll die Einbindung privater Investoren sein kann, belegt die Studie. Sie enthält auch einen Kostenvergleich rein öffentlicher Projekte mit öffentlich-privaten Partnerschaften (ÖPP), bei denen sich Investoren an Infrastrukturvorhaben beteiligen und Risiken mittragen. Beim Bau von Gebäuden und Straßen steht das ÖPP-Modell mit durchschnittlichen Kostensteigerungen von drei und neun Prozent relativ gut da – verglichen mit den 45 beziehungsweise 34 Prozent bei der konventionellen Umsetzung. Bei der Bewertung der Zahlen müsse man jedoch vorsichtig sein, so Kostka. Den Ergebnissen lägen nur wenige Fälle zugrunde, zudem umfasse der Kostenvergleich keine Analyse über den gesamten Lebenszyklus eines Projekts.

Text: Karsten Röbisch

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