Ver­si­che­rungs­tag 2014

Rede von Wolf­gang Huber


Die Rede von Wolfgang Huber im Wortlaut:

 
Sehr verehrter Herr Präsident Erdland,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

„Die Jugend liebt heute den Luxus, sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten, sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer.“ Ich merke schon, meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie kennen alle dieses Zitat. Sie wissen auch alle, von wem es stammt, nämlich von dem Philosophen Sokrates, der – wie auch alle wissen – zwischen 470 und dem Jahre 399 vor Christi Geburt lebte. Ein altes und doch so modern klingendes Zitat.

Um die Werte – so würden wir heute sagen – war es schon damals schlecht bestellt. Die Klage über den Werteverlust ist also alt. Sie ist sogar älter als das Wort „Wert“, das über Jahrhunderte, ja über Jahrtausende in ethischen Debatten überhaupt keine Rolle spielte. Seit es auftrat, war es auf den Bereich der Ökonomie beschränkt und erst im vergangenen Jahrhundert schwappte es plötzlich in ethische Debatten über, aus Gründen, über die man lange nachdenken kann, was ich aber heute nicht tue.

Was wir heute als Werteverlust bezeichnen, war schon früheren Zeiten vertraut. Dieser Vorgang wurde vor allem mit dem Wechsel der Generationen verbunden. Die Jüngeren wenden sich von den Werten der Älteren ab und gehen ihren eigenen Weg. Die Klage wiederholt sich von Generation zu Generation. Hätte sie sich in den 2413 Jahren seit dem Tod des Sokrates – also nach landläufiger Berechnung in der Abfolge von 80 Generationen – jedes Mal bewahrheitet, müssten wir heute vor einem ethischen Abgrund stehen. Trifft das zu? Natürlich ist der Verfall der Werte kein unabänderliches Geschichtsgesetz. Aber dass derzeit von Werten so viel die Rede ist, signalisiert ein Problem. Immer wieder werden Feststellungen laut, die sich ungefähr so anhören: Seit jedes Unternehmen einen Wertekompass und jede Branche einen Ethikkodex hat, ist es um Werte und Ethik schlecht bestellt.

Veranschaulicht wird ein solches Urteil auf vier Ebenen: dem individuellen Verhalten, den problematischen Anreizsystemen, den strukturellen Problemen einer zugleich digitalisierten und globalisierten Wirtschaft und schließlich einer Erosion des gesellschaftlichen Ethos insgesamt.

Individuelles Fehlverhalten als Erstes: es wird in den Medien immer wieder an einzelnen prominenten Fällen erörtert. Untreue und Korruption, Manipulationen an Zinsen oder Bilanzen, die ungerechte Behandlung von Untergebenen oder unzureichende Arbeitsbedingungen und Sozialstandards werden als Beispiele genannt. Es gibt gute Gründe, über das Fehlverhalten in Einzelfällen öffentlich zu klagen. Wenn dabei spektakuläre Fälle mit einem Deal nach dem Modell Ecclestone enden, breitet sich begreifliche Empörung aus. Aber solche Empörung trägt auch immer einen Alibifaktor in sich. Das eigene Verhalten braucht man nicht zu überprüfen, wenn man sich über das Verhalten anderer aufregen kann. Individuelles Fehlverhalten ist nicht das Problem Weniger. „Wer unter Euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“, heißt ein weiser Satz Jesu. Der Gebrauch menschlicher Freiheit geht nicht ohne Schuld ab.

Problematische Anreizsysteme als Zweites: Sie prämieren Verhaltensweisen, die sich entweder für ein Unternehmen selbst oder für dessen Kunden als problematisch erweisen. Provisionssysteme können Berater dazu veranlassen, nicht etwa den Kunden das für sie beste Produkt zu verkaufen, sondern dasjenige mit der höchsten Provisionsmarge. Bonussysteme können dazu führen, dass hohe Risiken eingegangen werden, für die derjenige, der sie herbeiführt, nicht selbst haften muss. Und jeder weiß: Eine solche Entkopplung von Risiko und Haftung ist ein großes Risiko für die Freiheit selbst. Solche Anreizsysteme erweisen sich in derartigen Fällen als unvereinbar mit den Grundsätzen des „ehrbaren Kaufmanns“. Egoismus und Profitinteresse gelten als systemadäquate Haltungen.

Die Globalisierung der Wirtschaft als Drittes: Sie führt bei allen Chancen auch zu Ergebnissen, die als ungerecht empfunden werden. Sie verstärkt den Gegensatz zwischen wachsenden Gewinnmargen und Spitzengehältern auf der einen Seite und stagnierenden oder gar rückläufigen Einkommen aus Arbeit oder kargen Sozialleistungen auf der anderen Seite. Politische Maßnahmen, die solche Effekte abmildern sollen, werden ihrerseits kritisiert, weil beispielsweise ein flächendeckender Mindestlohn die Beschäftigungschancen gering qualifizierter Arbeitskräfte mindern kann und verbesserte Sozialleistungen zusätzliche Belastungen der Beschäftigten, der Unternehmen sowie der Steuerzahler insgesamt hervorrufen. Solche Debatten zeigen, dass wir mit der Frage nach den richtigen Antworten auf diese Herausforderungen noch längst nicht am Ende sind.

Und viertens schließlich: der Wandel des gesellschaftlichen Ethos insgesamt. Der Wandel der Wirtschaftskultur wirkt sich auf das gesellschaftliche Ethos als Ganzes aus. Die Digitalisierung unserer Lebenswelt hebt die Grenze zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten auf. Nachdem das Recht auf informationelle Selbstbestimmung mit Verfassungsrang ausgestattet und als Barriere gegenüber staatlichen Eingriffen in die Privatsphäre durchgesetzt wurde, liefern nun Milliarden von Menschen ihre privatesten Daten und Erlebnisse, ihren Gesundheits-, Beziehungs- oder Konsumstatus sozialen Netzwerken und anderen Internetgiganten aus, ohne diese neue Form einer Auszehrung ihrer Grundrechte so kritisch zu bedenken, wie sie das gegenüber staatlichen Eingriffen zu tun gewohnt sind. Die neue Denkweise wird in Dave Eggers Kultroman „The Circle“ in ein neues Credo, zu deutsch also ein neues Glaubensbekenntnis unserer Zeit gefasst – und das heißt so: „Alles was passiert, muss bekannt sein.“ Und deshalb: „Alles Private ist Diebstahl. Teilen ist Heilen. Geheimnisse sind Lügen.“ Damit, meine Damen und Herren, ist eine Weggabelung markiert, und allein unter diesem Gesichtspunkt halte ich den so oft besprochenen Roman für wichtig. Sie betrifft die Frage, ob zur Selbstbestimmung des Menschen auch weiterhin gehört, dass er aus wirklich freien Stücken darüber bestimmt, was er von sich selbst hergeben will. Vielleicht ändern sich unsere Vorstellungen von der Privatsphäre, aber beseitigen sollten wir die Unterscheidung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen doch wohl besser nicht.

Versicherungen, meine Damen und Herren, stehen vor der Frage, wie weitgehend sie die personenbezogenen Daten nutzen, die ihnen verfügbar sind. Die erste Krankenversicherung bietet bereits an, dass Kunden Geld sparen können, wenn sie ihre Fitnessdaten angeben. Die Gesundheits-App braucht ja nicht nur den Fitnessbewussten Gewissheit über ihren Zustand zu vermitteln, auch Versicherungen und Pharma-Firmen können davon profitieren. Ein freiwilliger Verzicht auf informationelle Selbstbestimmung in großem Stil zeichnet sich ab. Dieser selbst gewählten Erosion von Grundrechten tritt die Erosion von Institutionen des gemeinsamen Lebens zur Seite. Die Lebensformen vervielfachen sich, tragende Alltagsroutinen wie gemeinsame Mahlzeiten und die damit verbundenen Gespräche am Familientisch verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Der Rhythmus der Woche ist nur noch für Minderheiten durch gemeinsame Zeiten des Gottesdienstes, der Arbeitsunterbrechung, des Zusammenseins in der Familie oder im Kreise von Freunden geprägt. Angesichts von Migration und Pluralisierung verlieren gesellschaftliche Werte ihre Selbstverständlichkeit. Eine Gesprächskultur, in der solche Werte sich neu verwurzeln können, hat es schwer. Ich versuche das von Zeit zu Zeit und mache dabei meine eigenen Erfahrungen.

So beunruhigend die geschilderten Entwicklungen auf den vier Ebenen des persönlichen Verhaltens, der systemischen Anreize, der Globalisierung und schließlich des gesellschaftlichen Ethos auch sind, so unzureichend ist es doch, diesen Entwicklungen das kulturpessimistische Etikett des Werteverlustes aufzukleben. Und deswegen in diesem Punkt: Abschied von Sokrates. Wir erleben neue Herausforderungen. In diesen Herausforderungen verstärkt sich das Gewicht bestimmter Werte und Werthaltungen. Wir erleben also nicht nur eine Erosion von Werten, wir erleben auch eine neue Zuwendung zu den Werten. Wertewandel ist deshalb ein besseres Etikett als Werteverlust.

Uns allen steht eine bestimmte Wertentscheidung vor Augen, die dafür charakteristisch ist. Nach den Erfahrungen mit den totalitären Gewaltregimen des 20. Jahrhunderts erklärte die internationale Staatengemeinschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Menschenwürde zum zentralen Orientierungspunkt der globalen Ordnung. In der deutschen Verfassungsordnung fand das im Bekenntnis zur Unantastbarkeit der Menschenwürde seine Entsprechung. Diese in der Mitte des 20. Jahrhunderts getroffenen Entscheidungen haben sich allen Rückschlägen, allen gewaltsamen Konflikten bis hin zu Krieg und Völkermord zum Trotz in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Schritt für Schritt als normative Ordnung durchgesetzt. Die Menschenrechte wurden präzisiert, die Rechte von Frauen und Kindern oder die Inklusion von Menschen mit Behinderungen sind Beispiele dafür. Der Kanon elementarer Menschenrechte hat inzwischen auch im Bereich der Wirtschaft ein Echo gefunden. Auch für diesen Bereich wird die Geltung der Menschenwürde im Grundsatz anerkannt. Internationale Dokumente wie der „Global Compact“ oder nationale Initiativen wie der Leitbildprozess des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik zeigen das deutlich. Dabei entwickeln sich auch klare Schwerpunkte für eine neue Konstellation bestimmender Werte in der globalisierten Welt: Menschenrechte, Toleranz, Solidarität, Nachhaltigkeit und die Beachtung von Grenzen – das sind bestimmende Themen der sich abzeichnenden internationalen Debatte.

Bezogen auf das Wirtschaftssystem heißt die erste Folgerung aus dieser neuen Wertekonstellation: Die Wirtschaft ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Wirtschaft. Sie hat den Menschen in seinem Eigenwert zu achten und in ihm mehr zu sehen als nur ein Mittel zur Erreichung wirtschaftlicher Zwecke. Er ist mehr als nur eine Arbeitskraft, ein Konsument, ein Faktor bei der Erzielung von Gewinnen. Wirtschaft hat die Aufgabe, Güter und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, die Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen, die ihre Lebensqualität sichern und ihrem Eigeninteresse entsprechen. Wirtschaft, Gesellschaft und Staat leisten je an ihrem Ort einen Beitrag zur Daseinsvorsorge der Menschen und haben sich an dieser Aufgabe zu orientieren.

Menschenwürde und Menschenrechte werden heute aus unterschiedlichen Quellen hergeleitet und auf unterschiedliche Weise begründet. Dabei sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass die Vorstellung von einer unantastbaren Würde des Menschen mit der Selbsttranszendenz zusammenhängt, die uns als Menschen eignet. Wir fragen über uns selbst hinaus. Wir begründen die dem Einzelnen zuerkannte Würde nicht einfach aus uns selbst. Die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch bleibt ein wichtiger Bezugspunkt für die Art und Weise, in der wir über die Würde des Menschen reden. Die jüdische und christliche Tradition spricht deshalb von der Gottebenbildlichkeit des Menschen, also von dem Gott entsprechenden Menschen. Papst Franziskus hat an diese Begründung der Menschenwürde erinnert, als er gestern vor dem Europäischen Parlament die transzendente Würde des Menschen als Zentrum des europäischen Projekts bezeichnete. Doch die Begründungsformen der Menschenrechte sind nicht auf diese für uns in unserem Kulturkreis so unentbehrliche und zentrale Begründung beschränkt. Die Menschenrechte sind im 20. Jahrhundert vielmehr durch einen Prozess der Wertegeneralisierung hindurchgegangen, durch den sie auch für andere Religionen und Kulturen einen verpflichtenden Charakter angenommen haben.

Die Vielfalt von Religionen, Kulturen und Weltanschauungen auf dem Globus ist inzwischen auch in den einzelnen Gesellschaften angekommen. Nicht nur Unternehmen, die global tätig sind, sondern auch regional engagierte Unternehmen haben mit dem dadurch verschärften Pluralismus Tag für Tag zu tun. Die Rücksicht auf unterschiedliche Sprachen und Gebräuche, Einstellungen und Lebensweisen erfordert in jedem Unternehmen interreligiöse und interkulturelle Kompetenz. Dabei wiederholt sich wieder und wieder die Erfahrung, die Kofi Annan einmal auf die Formel brachte: „Nur wer weiß, was ihm selbst wichtig ist, kann das achten, was anderen wichtig ist.“ Dieser Satz enthält den Schlüssel zu gelebter Toleranz. Sie ist heute ein Grunderfordernis für die Zusammenarbeit im Unternehmen ebenso wie für das Zusammenleben in der Nachbarschaft. Deshalb muss wieder über Fragen nachgedacht und geredet werden, die lange unter einem Schleier der Gleichgültigkeit verborgen oder in einen Winkel individueller Einstellungen abgedrängt waren. Fragen werden öffentlich erörtert, die es mit dem Sinn des Lebens, der Hoffnung über den Tod hinaus, mit dem Verhältnis zwischen Mann und Frau, mit Familie und anderen Lebensformen, der Gewalt zwischen Menschen, mit Krankheit, Sterben und Tod zu tun haben – im Gespräch während der Arbeitspause, auf Straßen und in Häusern. Toleranz beruht nicht auf Gleichgültigkeit, sondern auf Interesse und Empathie. Sie braucht dabei den Mut zu selbstkritischer Prüfung und zur kritischen Auseinandersetzung. Toleranz ist kein Weichspüler der großen und wichtigen Fragen.

Versicherungsunternehmen haben mit der gesellschaftlichen Pluralität nicht nur als Arbeitgeber zu tun. Sie stoßen auf diese Pluralität auch bei ihren Kunden. Sie müssen Verständnis für unterschiedliche Lebensentwürfe und Sicherheitsbedürfnisse entwickeln, die sich aus den Überzeugungen und Werthaltungen ihrer Kunden ergeben. Pluralismusfähigkeit und Toleranz gehören auf einmal zu den erforderlichen Kompetenzen guter Beratung. Sie achten den Menschen als ein Wesen, das zur Freiheit berufen ist und sein Leben in selbstverantworteter Freiheit führen soll. Die Achtung vor der gleichen Freiheit und dem Selbstbestimmungsrecht der Einzelnen nimmt heute manchmal einen so hohen Rang ein, dass darüber die Verpflichtung zu Solidarität und gesellschaftlicher Verantwortung in den Hintergrund tritt. Aber es ist dadurch nicht unmöglich geworden, Freiheit und Solidarität, Selbstbestimmung und Fürsorge miteinander zu verbinden. Der gute Sinn von Versicherungen besteht genau in dieser Verbindung. Insofern zeigt gerade das Versicherungswesen, dass nicht nur der Staat, sondern auch die Wirtschaft einen direkten Bezug zum Gedanken der Menschenrechte und zu den mit ihnen verbundenen Werten hat. Zugleich zeigt die Ambivalenz wirtschaftlicher Entwicklungen in unserer Zeit, wie wichtig eine ausdrückliche Bindung an die Menschenrechte auch für die Wirtschaft geworden ist. Heute ist deshalb der Zeitpunkt gekommen, zu dem die Menschenrechte in ihrem verpflichtenden Charakter nicht nur für das Handeln von Staaten, sondern auch für das Verhalten anderer Organisationen, Wirtschaftsakteure eingeschlossen, anzuerkennen sind. Die Digitalisierung ist nur einer der Gründe dafür, dass dieser Schritt mit Entschiedenheit gegangen werden muss.

Personennahe Wirtschaftsbereiche wie die Versicherungswirtschaft sollten Vorreiter darin sein, die Achtung vor den Rechten der Person ins Zentrum ihrer Aktivitäten zu rücken. Nicht der Zugriff auf die personenbezogenen Daten, sondern deren Schutz sollte zu den obersten Maximen der Versicherungswirtschaft gehören. Es ist deshalb zu begrüßen, dass das deutsche Versicherungswesen sich Verhaltensregeln für den Umgang mit personenbezogenen Daten gegeben hat. Aber – wenn ich dies hinzufügen darf – wenn Sie den Datenschutzkodex vergleichen mit dem Verhaltenskodex für den Versicherungsvertrieb, ist die Klarheit und Einfachheit dieser Verhaltensregeln und die Kompliziertheit des Datenschutzkodex für den Umgang mit personenbezogenen Daten durchaus bedenkenswert. 18 eng beschriebene Seiten mit 31 Artikeln – ich bin davon überzeugt, das kriegen Sie kürzer und klarer hin, schließlich und endlich mithilfe eines Sprachwissenschaftlers. Das wird der Transparenz, der Verständlichkeit, der Akzeptanz und damit dem Vertrauen auf beiden Seiten gut tun. Ich erlaube mir die Empfehlung, auf diesem Weg noch ein paar Schritte weiter zu gehen. Gerade dann könnte der Datenschutzkodex auch eine Vorbildfunktion für unsere Gesellschaft im Ganzen entwickeln.

Für das Konzept der Menschenwürde ist der Respekt vor den gleichen Rechten aller Menschen zentral. Abhängigkeit darf nicht ausgenutzt werden. Das zeigt sich praktisch in der Anerkennung der Rechte der Beschäftigten. Die internationale Diskussion konzentriert sich in diesen Jahren auf die Frage, ob für das Ausmaß, in dem solche Rechte anerkannt werden, die gesetzlichen Regeln des jeweiligen Landes oder übergreifende Maßstäbe des internationalen Arbeitsschutzes maßgebend sind. Ethisch betrachtet müssen alle transnational tätigen Unternehmen Auskunft darüber geben, wie sie es mit dieser Frage halten. Und damit kommt man an einen Prüfstein, wie weitgehend man die gleichen Rechte aller Menschen tatsächlich würdigt. Dabei gilt die Solidarität insbesondere auch denen, die von Armut betroffen sind, unter Hunger leiden und in ihren elementarsten Bedürfnissen nach Gesundheit, Fürsorge, Bildung und Arbeit von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Diese Ausgeschlossenen – noch einmal zitiere ich Papst Franziskus – hatte er im Blick, als er von der Wirtschaft sprach, die tötet. Diese Worte lassen sich nicht als umfassende Aussage über das Wesen der sozialen Marktwirtschaft verstehen. Vielmehr sind sie Ausdruck eines Protests gegen jede Gleichgültigkeit gegenüber denen, die am Rand liegen bleiben, während die Karawane weiterzieht. Diesen Protest sollten wir hören und beherzigen.

Nachhaltigkeit, meine Damen und Herren, ist inzwischen ein weithin anerkannter Wert. Von dem Wort wird allerdings häufig ein recht schwammiger Gebrauch gemacht. Es wurde zuerst für die Forstwirtschaft entwickelt und geprägt und dann auf die Landwirtschaft übertragen, also für zwei Wirtschaftsbereiche, denen gemeinsam ist, dass jeder, der in ihnen tätig ist, weiß, dass die Folgen seines Handelns über die eigene Lebensspanne hinaus wirken. Nachhaltigkeit hat ihren klaren Haftpunkt an diesem Generationenvertrag und an dieser Aufgabe der Generationengerechtigkeit. Gerade in dieser Perspektive ist Nachhaltigkeit aber nicht auf die ökologische Dimension beschränkt, auf die sie heute oft ausschließlich bezogen wird. Vielmehr ist vollkommen eindeutig, dass eine tragfähige Wirtschaft, dass soziale Gerechtigkeit, dass ökologische Vernunft zusammengehören – und ich füge hinzu: Über dieses Dreieck hinaus gehört auch kulturelle Zukunftsfähigkeit zu den elementaren Bedingungen von Nachhaltigkeit. Das kulturelle Engagement hat deswegen eine hohe Bedeutung. Die Weitergabe des Weltkulturerbes an die kommenden Generationen, die Entwicklung neuer kultureller Ausdrucksformen, der Dialog der Kulturen ist unentbehrlich. Und ich begrüße es natürlich ausdrücklich, dass gerade aus dem Bereich der Finanzindustrie im umfassenden Sinn dieses Wortes bürgerschaftliches Engagement von Einzelnen und Unternehmen dieser kulturellen Aufgabe gewidmet ist. Aber hinzufügen will ich: Es muss erkennbar sein, dass es dabei nicht nur um Marketingmaßnahmen geht, sondern, dass dieses kulturelle Engagement einen Eigenwert und eine Eigenbedeutung hat. Denn auch die Kultur selbst hat einen Wert in sich selbst. Genau deshalb ist sie ein genuiner Ausdruck menschlicher Existenz, weil auch der Mensch einen Wert in sich selbst hat. Das muss seinen Ausdruck auch in der Art und Weise des kulturellen Engagements der Wirtschaft über den Marketingeffekt hinaus finden, den es natürlich auch hat.

Nachhaltigkeit ist im Versicherungsbereich vor allem deshalb zentral, weil dieser Bereich ein Seismograf der demografischen Entwicklung ist. Sie wird allerdings mit dem häufig verwendeten Begriff der Überalterung sehr unzureichend beschrieben. Man müsste eher, jedenfalls für ein Land wie Deutschland, von einer „Unterjüngung“ reden; diese aber ist kein Naturgesetz. Sie folgt aus gesellschaftlichen Regelungen, individuellen Entscheidungen und dem gesellschaftlichen Ethos. Alle drei Faktoren sind änderbar. Sie zu ändern ist überfällig, wenn die Charakterisierung „Reich, alt und mutlos“ nicht zur dominierenden Charakterisierung der Deutschen werden soll, wie es derzeit zu oft geschieht. Kein Zweifel, wo zum Aufwachsen von Kindern nicht ein klares „Ja“ gesagt wird, dort wird auch ein Urteil über die Zukunft gesprochen. Wo keine Zukunftshoffnung besteht, breitet sich Mutlosigkeit aus.

Noch in einer anderen Hinsicht möchte ich das gängige Bild vom demografischen Wandel korrigieren und dabei unter anderem an die Studie über die „Generation Mitte“ ausdrücklich anknüpfen. Der demografische Wandel verlängert im statistischen Durchschnitt nicht nur die Altersphase unseres Lebens, er verlängert insbesondere die Mitte. Warum soll es nicht erlaubt sein, dass über 60jährige, ja auch über 70jährige, wenn ich das leise sagen darf, sich noch in der Mitte des Lebens und nicht bereits an dessen Rand fühlen. Warum soll das nicht möglich sein? Und können wir es nicht erreichen, dass die Debatte über die Rente mit 63, zu der man viel sagen kann, was ich jetzt nicht tue, nicht überdeckt, dass wir mindestens genauso dringlich eine Flexibilisierung weit jenseits der 63 brauchen. Das verlangen viele Menschen. Nicht alle, die in dieser zur Mitte gehörenden Lebensphase aktiv sein wollen, wollen das in der Form der Erwerbstätigkeit sein. Andere wollen sich ehrenamtlich engagieren, Dritte engagieren sich im Bereich von Familie und in kleinen Netzwerken des Lebens. Diese Entwicklung ist spätestens ein Grund dafür, diese unterschiedlichen Arbeitsformen als gleichberechtigt anzuerkennen und zu würdigen. Und bei der Fantasie von Versicherungsunternehmen würde ich mich wundern, wenn sie nicht auch eine Form fänden, diese Gleichberechtigung unterschiedlicher Arbeitsformen in Versicherungsangeboten zu untermauern.

Schließlich und damit komme ich zum Schluss, meine sehr verehrten Damen und Herren, gehört zur aktuellen Diskussion über Werte die Anerkennung von Grenzen. Das ist das große Thema der Compliance-Diskussionen, die Sie rauf und runter kennen, sodass ich das überspringen kann. Meine Frage ist nur: Wenn dabei auf rechtliche und ethische Regeln Bezug genommen wird – werden dann eigentlich schon die entscheidenden Grenzen in den Blick genommen? Grenzverletzungen haben es häufig damit zu tun, dass dem Geld die Stellung eines Selbstwerts eingeräumt wird und dass deswegen Geld der entscheidende Motor für die Überschreitung von gesetzten Grenzen ist. Unsere religiösen Überlieferungen haben dafür bereits ein genaues Gespür. Sie sprechen von der Gefahr, Geld zum Gott zu machen und nennen diesen Geldgott „Mammon“. Sie warnen vor einer Vergötzung des Geldes und sagen deshalb, man könne nicht Gott und dem „Mammon“ dienen, weil man nicht zwei höchste Autoritäten für das eigene Leben zugleich anerkennen könne. Sie warnen vor einem Tanz um das Goldene Kalb. Auch heute stellt sich die Frage, ob man dem Geld einen letzten Wert zuerkennt oder es als ein bloßes Mittel ansieht. Es fällt allerdings nicht leicht, in den Diskussionen über gutes Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft bis zu dieser Frage vorzustoßen; aber ich bin davon überzeugt, dass die Unterscheidung zwischen Gott und Geld für die Orientierung in den wirtschaftsethischen Debatten unserer Zeit eine große Hilfe ist.

Wenn wir das Geld nicht als Selbstzweck, sondern als ein Mittel zum Zweck ansehen und uns im Umgang mit diesem Mittel durch Regeln von Grenzüberschreitungen abhalten lassen, gewinnen wir eine neue Freiheit dazu, wirtschaftliches Handeln an Werten zu orientieren. Regeln setzen Grenzen, Werte können motivieren. Mit Geld muss man sorgsam und verantwortlich umgehen. Für eine Branche, die für die Anlage von 1,4 Billionen Euro die Verantwortung trägt, gilt das in ganz besonderer Weise. Auch in dieser Hinsicht ist tragfähiges und erfolgreiches Wirtschaften unerlässlich. Aber die Ziele, denen die so entwickelte Wirtschaftskraft gewidmet ist, müssen an den Werten gemessen werden, die wir als verpflichtend anerkennen.

Ich habe Ihnen, meine Damen und Herren, vorgeschlagen, in der Debatte über gutes Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur an die Regeln zu denken, die uns Grenzen setzen, sondern auch an die Werte, die uns motivieren können. Menschenwürde und Toleranz, Freiheit und Selbstbestimmung, die universale Geltung der Menschenrechte und die Solidarität mit den Schwächeren, Nachhaltigkeit und die Gemeinschaft der Generationen habe ich Ihnen beispielhaft vor Augen gestellt. Natürlich kennen und schätzen Sie noch ganz andere Werte, aber für eine halbe Stunde sollen die genannten Werte einmal reichen. Ich bin zuversichtlich, wenn Sie Ihr Handeln vor solchen Werten verantworten, werden Sie auch das Vertrauen finden, das Sie sich wünschen und auf das Sie angewiesen sind.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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