Ver­si­che­rungs­tag 2014

Rede von Angela Mer­kel


Die Rede von Angela Merkel im Wortlaut:

 
Sehr geehrter Herr Erdland,
Herr von Fürstenwerth,
Herr Hoffmann,
Herr Huber,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
meine Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung zu Ihrem diesjährigen Versicherungstag. Der Hauptgrund dafür, dass ich mich wirklich freue, heute dabei zu sein, ist auch das spezielle Motto, das Sie sich gegeben haben, das hinter mir zu sehen ist. Sie versichern „Werte“. Sie übernehmen „Verantwortung“ für das Gemeinwohl. Und dafür wird Ihnen auch viel „Vertrauen“ entgegengebracht.

Dafür, dass Ihnen das immer wieder gelingt, spricht schon allein die Tatsache, dass die deutschen Versicherer mit rund 460 Millionen Verträgen Risiken von Privatpersonen und Unternehmen unseres Landes übernehmen. Hätte ich raten müssen, wäre ich nicht auf 460 Millionen gekommen. Die Bedeutung der Versicherungsbranche für Wirtschaft und Gesellschaft ist also unbestritten. Als Branche selbst stellen Sie ein wirtschaftliches Schwergewicht dar: rund 550.000 Erwerbstätige und eine Kapitalanlage in Höhe von rund 1,4 Billionen Euro, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Damit zählt unser Land zu den wichtigsten Versicherungsmärkten weltweit.

Sie sind gut durch das Geschäftsjahr 2013 gekommen, stehen aber, wie eben schon angeklungen war, vor erheblichen Herausforderungen. Dazu gehört nicht zuletzt das anhaltend niedrige Zinsniveau, das ganz besonders die Lebensversicherer auf die Probe stellt. Deshalb waren auch gesetzgeberische Maßnahmen wichtig und angezeigt. Sonst wäre zu befürchten gewesen, dass der zugesagte Garantiezins mittel- bis langfristig nicht mehr erwirtschaftet werden könnte. Mit dem im Sommer verabschiedeten Lebensversicherungsreformgesetz dürfte nun aber die Zukunftsfähigkeit des Produkts Lebensversicherung sichergestellt sein. Aber es ist mir auch wichtig hervorzuheben, dass hierzu alle an der Versicherung Beteiligten einen angemessenen Beitrag leisten müssen. – Mir fliegt hier gerade eine Uhr entgegen. Ist das Ihre? Nein. Jemand hat hier seine Armbanduhr auf dem Pult liegen lassen. Herr Hoffmann? Gut, ich bringe sie Ihnen mit. Das ist dann gut gelebte Partnerschaft.

Wir stehen auch vor einer grundlegenden Reform der Versicherungsaufsicht. Wie Sie wissen, befinden wir uns nun auf der Zielgeraden zur Umsetzung des europäischen Regelwerks unter den Stichworten „Solvabilität II“ oder „Solvency II“ – ich muss sagen, der englische Begriff kommt einem besser über die Lippen. Das deutsche Umsetzungsgesetz, das „Gesetz zur Modernisierung der Finanzaufsicht über Versicherungen“, wird derzeit im parlamentarischen Verfahren beraten. Die neuen Anforderungen sollen die Krisenresistenz der Versicherer erhöhen. Das hilft auch dementsprechend, den Ansprüchen der Versicherten gerecht zu werden.

Solvency II ist ein Teil der umfassenden Reformagenda zur Stabilisierung der Finanzmärkte. Sie wissen, wir haben uns zu Beginn der Finanzkrise vorgenommen: kein Finanzmarktakteur, kein Finanzprodukt und kein Finanzmarkt ohne angemessene Regulierung. Hierbei haben wir sowohl auf europäischer Ebene – Deutschland teilweise als Vorreiter – als auch auf internationaler Ebene schon eine ganze Menge erreicht und die Rahmenbedingungen verändert.

Wir haben in der Europäischen Union einiges vorangebracht. Sie wissen, dass Anfang dieses Monats die Europäische Zentralbank die Aufsicht über die bedeutendsten Banken im Euroraum übernommen hat. Dem vorangegangen sind Stresstests, um den Zustand dieser Banken deutlich zu machen. Es ist gelungen, gemeinsame Regeln sowohl für die Sanierung als auch für die Abwicklung von Banken in Europa zu schaffen. Die Umsetzung in deutsches Recht hat der Deutsche Bundestag Anfang dieses Monats beschlossen.

Vorangegangen waren schwierige und langwierige Verhandlungen. Aber sie haben dazu geführt, dass in Europa nun nicht mehr zuerst der Steuerzahler einspringen muss, wenn eine Bank in Schieflage gerät. Das ist den Steuerzahlern nicht zuzumuten; und es wäre ihnen auf gar keinen Fall ein zweites Mal zuzumuten. Insofern ist es sehr wichtig, dass wir endlich auch einige sichtbare Erfolge haben. Das heißt, in Zukunft werden zuerst die Eigentümer und Bankgläubiger haften. Die Möglichkeit der Abwicklung wird im Vordergrund stehen. Das kann viel Geld kosten, weshalb ab 2015 EU-weit ein Sicherheitsnetz aus Bankenabgaben fällig wird. Wir in Deutschland praktizieren das bereits seit 2011. Das heißt, künftig müssen sich alle Banken an den Kosten einer etwaigen Abwicklung systemrelevanter Banken beteiligen.

Neben der guten Nachricht für die Steuerzahler gibt es auch eine für die Kontoinhaber. Denn wir haben auch die Weichen gestellt, um die Einlagensicherungssysteme in Europa zu verbessern. Damit werden Entschädigungen schneller und einfacher möglich. Das deutsche Umsetzungsgesetz haben wir vorige Woche im Kabinett beschlossen. Jetzt beginnen die parlamentarischen Arbeiten.

Auch bei der Beseitigung falscher Vergütungsanreize sind wir ein Stück weit vorangekommen. Wir haben Banken und Versicherer dazu verpflichtet, Vergütungssysteme einzuführen, die das Risikobewusstsein schärfen und auf eine nachhaltige Entwicklung ausgerichtet sind. Zudem werden seit Anfang dieses Jahres in der Europäischen Union die neuen und strengeren Regelungen für das Eigenkapital nach „Basel III“ stufenweise eingeführt. Mit einem größeren Eigenkapitalpolster kann im Notfall Schlimmeres abgefedert werden. In diesem Zusammenhang werde ich allerdings nicht müde zu betonen: Dass Europa das macht, ist schön; es wäre gut, es würde auch weltweit in ähnlicher Weise passieren.

Großes Kopfzerbrechen machen uns allerdings noch die Überwachung und Regulierung des Schattenbankensektors. Dieser Sektor birgt aber nicht nur Risiken, sondern auch Chancen, weil zum Beispiel der Realwirtschaft mit der Kreditfinanzierung durch Nichtbanken neben der klassischen Bankenfinanzierung immer auch eine Alternative zur Verfügung steht. Aber die Risiken sind nicht beiseite zu wischen. Vor allen Dingen müssen wir zwischen Banken und den sogenannten Schattenbanken vergleichbare Regelungen haben. Ansonsten gibt es natürlich Ausweichbewegungen in Bereiche, die nicht der Aufsicht unterliegen. Die Umschichtung in andere Formen der Anlage aber könnte sehr risikobehaftet sein. Das muss international geregelt werden – so wie es uns in der G20 auch bei systemrelevanten Banken gelungen ist. Deshalb bin ich froh darüber, dass wir beim G20-Gipfel in Australien zumindest den Arbeitsplan bis 2016 fortgeschrieben und uns fest vorgenommen haben, bis dahin auch im Schattenbankensektor eine Regulierung zu haben. Aber ich sage: Es geht langsam voran. Wir dürfen nicht vergessen: Es werden dann bereits acht Jahre nach der Finanzkrise vergangen sein. Da kann man nicht mehr von Eiltempo sprechen, obwohl man sich vor Augen führen sollte, was damals weltweit los war.

Wir sind aber vorangekommen, nicht nur auf europäischer, sondern auch auf internationaler Ebene. Auch für das sogenannte „too big to fail“-Problem – eine Bank ist zu groß, als dass man sie straucheln lassen könnte – haben wir Vereinbarungen getroffen. Wir müssen sie jetzt aber auch entschlossen umsetzen.

Meine Damen und Herren, sehr erfreulich ist auch, dass wir im Rahmen der G20 und durch exzellente Arbeiten der OECD auch im Bereich Steuern – sowohl bei der Frage der Steuergestaltungsmöglichkeiten multinationaler Konzerne also auch bei der Frage der Steuergerechtigkeit und Steuertransparenz – vorangekommen sind. Die automatische Informationspflicht wird ab 2017 eingeführt. In Berlin hat Wolfgang Schäuble diesbezüglich eine Tagung durchgeführt, auf der bereits 50 Länder unterzeichnet haben. Das wäre vor ein paar Jahren noch gar nicht vorstellbar gewesen. Daher bin ich mit den Ergebnissen sehr zufrieden.

Zum Thema Steuergerechtigkeit: Es läuft ein Projekt, das in Fachkreisen als „BEPS“-Projekt – „Base Erosion and Profit Shifting“ – bekannt ist, das sich dagegen wendet, dass immer wieder versucht wird, multinationale Konzerne ohne Steuerzahlungen davonkommen zu lassen. Das war auch eines der Themen in Australien. Bis Ende 2015 wollen wir das Projekt abschließen. Auch hierbei ist Europa Vorreiter. Deutschland hat mit Großbritannien als einem Land, das hierbei gewisse Erfahrungen hat – gerade was sogenannte Patentboxen anbelangt –, Einigkeit darin erzielt, dass wir diese Art von Tricks wirklich sein lassen müssen und wir eine gemeinsame Plattform für den Ausgangspunkt von Steuerzahlungen schrittweise erarbeiten müssen.

Natürlich war Wachstum das zentrale Thema auf dem Gipfel in Brisbane. Die australische Regierung hat als Gastgeber eine globale Infrastrukturinitiative ins Leben gerufen. Damit bin ich auch beim Thema Investitionen in Europa. Sie haben vollkommen recht: Wir brauchen Strukturreformen in Europa; wir brauchen mehr Investitionen. Wenn man private Investitionen haben möchte, muss auch das Umfeld stimmen, in dem Investoren zu investieren bereit sind. Deshalb brauchen wir auch ein entschiedenes Vorgehen beim Überwinden der Staatsschuldenkrise. Wir haben diese Krise noch nicht überwunden. Wir haben sie im Griff, aber wir haben sie noch nicht überwunden. Die Phänomene, die Ihnen Sorgen bereiten, sind ja auch genau darauf zurückzuführen.

Wir haben mit Irland, Portugal und Spanien drei von fünf Programmländern, die ihre Programme erfolgreich abschließen konnten. Wir haben jetzt bemerkenswerte Wachstumsraten in Irland. Wir haben auch in Portugal und Spanien wieder Wirtschaftswachstum. Wir haben die ersten Anzeichen dafür, dass auch die Arbeitslosigkeit zurückgeht. Aber, meine Damen und Herren, sie ist noch viel zu hoch. Wenn man sich die Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern anschaut, dann stellt man fest, dass es teils fast die Hälfte der jungen Menschen eines Jahrgangs ist, die keine Arbeit hat. Wenn Finanzinvestoren Interesse an einem Kontinent haben sollen, dann muss die Arbeitslosigkeit bekämpft werden. Das ist unsere große Aufgabe.

Jetzt stellt sich die Frage: Wo entstehen Jobs; und wie entstehen Jobs? Heute wird, parallel zu unseren Haushaltsberatungen im Deutschen Bundestag, über eine Initiative im Europäischen Parlament beraten. Jean-Claude Juncker hat mit seiner neuen Kommission ein 300-Milliarden-Euro-Paket vorgestellt, das durch die Europäische Investitionsbank verwaltet werden muss und wird. Aber, meine Damen und Herren, auch dabei wird sich die Aufgabe stellen, Projekte zu identifizieren, die wirklich investitionsreif sind. Hierbei geht es nicht nur um Verkehrsprojekte, sondern vor allen Dingen auch um Forschungsprojekte und Projekte im Zusammenhang mit der Digitalen Agenda, zum Beispiel Breitbandausbau.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit dem Dreiklang aus soliden Haushalten, Strukturreformen und Investitionen in zukunftsfähige Projekte aus der Krise, in der die Eurozone ist, herauskommen können, wenn wir aber auch bereit sind, das zu tun, was eine gemeinsame Währung noch dazu verlangt. Ein Stabilitäts- und Wachstumspakt ist gut; gemeinsame Regeln einzuhalten, was Neuverschuldung und Gesamtverschuldung anbelangt, ist okay. Aber ich bin der festen Überzeugung – im Übrigen hat das schon Jacques Delors geschrieben, bevor der Euro überhaupt eingeführt wurde –: Länder, die eine gemeinsame Währung haben, müssen sich auch wirtschaftspolitisch besser abstimmen. Sie sollten sich im Hinblick auf ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht auseinanderentwickeln, sondern kohärenter werden. Das heißt nicht, dass jeder das Gleiche machen muss. Aber es muss eine bestimmte gemeinsame Grundhaltung da sein.

Daher ist so wichtig für Europa, dass wir Verlässlichkeit und damit Vertrauen entwickeln. Wir haben in der Europäischen Union und in der Eurozone an die 90 Indikatoren, die wir uns schon vorgenommen haben – an die 90 Indikatoren, die wahrscheinlich kaum einer alle aufzählen kann. Kaum einen von diesen Indikatoren, die wir uns vorgenommen haben, halten wir auch wirklich ein – ob es nun darum geht, dass man im Jahr 2000 gesagt hat, Europa soll der wettbewerbsfähigste Kontinent der Welt werden, oder um die Zusage, dass drei Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden. Der eine macht es, der andere macht es nicht. So kann man in einer Währungsunion nicht vernünftig miteinander wirtschaften. Das ist ein Problem in Europa, das wir bewältigen müssen. Meine Damen und Herren, das heißt also: Investitionen in Bildung, in Forschung, in zukunftsfähige Projekte.

Ich muss Ihnen auch noch berichten, auch wenn es für Sie nichts Neues ist: Das Selbstbewusstsein, mit dem die asiatischen Staaten auf dem G20-Gipfel aufgetreten sind, die Dynamik in dieser Region und die Bereitschaft, sich durch Freihandelsabkommen enger zu vernetzen, sind zum Teil atemberaubend. Vor dem G20-Gipfel fand der APEC-Gipfel in Peking statt. Das Transpazifische Partnerschaftsabkommen – das Pendant zum Transatlantischen Partnerschaftsabkommen – wird wahrscheinlich im ersten Halbjahr 2015 fertig verhandelt sein. Der chinesische Präsident hat in Australien ein Freihandelsabkommen zwischen China und Australien unterzeichnet. Wir müssen uns in Europa wirklich anstrengen, dass wir nicht abgehängt werden; und zwar – ich habe das auch heute im Deutschen Bundestag gesagt – aus zwei Gründen: zum einen, um als Exportnation Deutschland nicht abgehängt zu werden, und zum anderen, um Standards für Freihandelsabkommen setzen zu können. Wenn andere ihre bilateralen Freihandelsabkommen fertigverhandelt haben, brauchen wir ihnen mit unseren Standards nicht mehr kommen. Das heißt, wenn es um Verbraucherschutz, wenn es um Umweltschutz und Ähnliches geht, dann können wir jetzt noch Standards setzen. Aber das muss eben so geschehen, dass wir auch rechtzeitig fertig werden.

Ich will kurz etwas zu den innenpolitischen Rahmenbedingungen sagen, denn nicht nur Sie haben Herausforderungen zu bewältigen, sondern auch wir. Wir haben sehr klar gesagt, wir brauchen berechenbare Bedingungen; das heißt, keine Steuererhöhungen. Dabei wird es in dieser Legislaturperiode auch bleiben.

Des Weiteren haben wir es in diesem Jahr zum ersten Mal nach 46 Jahren geschafft bzw. werden es am Freitag schaffen, einen Bundeshaushalt zu verabschieden, der keine neuen Schulden vorsieht. Das ist nun auch so eine Sache: Solange wir das nicht erreicht hatten, hatte jeder gesagt, dass man das erst einmal erreichen müsste; in dem Moment aber, in dem wir kurz davor sind, es zu erreichen, wird das Ziel, das jahrelang ein zentrales war, als nicht mehr ganz so wichtig empfunden. Ich glaube, im Hinblick auf unsere demografische Entwicklung ist es ein wichtiges Zeichen, dass wir bei robuster Wirtschaftslage in der Lage sind zu sagen: Wir wollen nächstes Jahr mit dem auskommen, das wir einnehmen. Wir geben damit der jungen Generation ein Signal, dass zumindest keine neuen Schulden dazukommen sollen, was ja noch nicht bedeutet, dass irgendein Euro alter Schulden abgezahlt ist.

Die zweite große Herausforderung, vor der wir stehen, ist die Energiewende. Wir haben uns in Deutschland für einen anspruchsvollen Weg entschieden. Wir haben eine Wirtschaft, die natürlich nicht nur Versorgungssicherheit braucht, sondern auch bezahlbaren Strom. Gleichzeitig wollen wir den Weg zu mehr Umweltfreundlichkeit durch Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien gehen. Wir haben in der Koalition durch die Veränderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes Berechenbarkeit geschaffen. Das ist aber nur ein Aspekt der Energiewende, denn wir brauchen jetzt auch neue Leitungssysteme – natürlich auch ein Gegenstand großer Diskussionen. Wir brauchen natürlich auch die Möglichkeit, Strom zu speichern. Und wir brauchen ein Versorgungssicherheitssystem – „Kapazitätsmärkte“ genannt. Darüber, wie wir das genau gestalten, müssen wir nachdenken. Und wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen: Wollen wir eigentlich einen gemeinsamen europäischen Markt im Energiebereich erreichen oder aber gestaltet jedes Land oder vielleicht sogar jedes Bundesland seine eigene Energiepolitik? Auch darüber gibt es noch interessante Diskussionen zu führen.

Meine Damen und Herren, wir haben eine ganze Reihe von Projekten beschlossen, die durchaus auch Bürokratie und neue Berichtspflichten verursachen oder der Wirtschaft Lasten zumuten, zum Beispiel den Mindestlohn. Wir wollen als Gegenmaßnahme aber auch danach fragen: Wo können wir an anderer Stelle Bürokratie abbauen? Wir wollen versuchen – nach dem Motto „One-in, One-out“ –, immer dann, wenn wir ein neues Gesetz mit Belastungen für die Wirtschaft angehen, an anderer Stelle Belastungen für die Wirtschaft abzubauen. Wir haben damit noch keine Erfahrungen, aber wir können durchaus Ermutigung brauchen. Sie glauben es mir noch nicht ganz – das würde ich auch nicht tun, sondern würde auch erst einmal abwarten, was passiert. Aber Ermutigung ist herzlich willkommen.

Meine Damen und Herren, was ich noch erwähnen möchte, ist das Thema Digitalisierung. Die Digitalisierung ist die große Herausforderung der nächsten Jahre; und zwar im Hinblick auf ihre Verschmelzung mit der realen Wirtschaft, in der Deutschland klassischerweise stark ist. Hierbei haben sich die Gewichte auf der Welt erheblich verschoben. Wir sind zwar realwirtschaftlich sehr stark. Wir haben mit der BASF das größte Chemieunternehmen der Welt. Wir sind herausragend im Automobilbau und Maschinenbau. Wir haben viele „Hidden Champions“ unter den Familienbetrieben und mittelständischen Betrieben. Aber wenn wir uns einmal ansehen, wo die Wertschöpfung im digitalen Bereich stattfindet, dann stellen wir fest, dass das nahezu ausnahmslos in großen Unternehmen aus den Vereinigten Staaten von Amerika oder aus Asien geschieht. Die Frage, wer das Auto der Zukunft baut, wird sich in den nächsten Jahren entscheiden – vielleicht schneller, als wir denken. Daher geht es jetzt darum, mit unseren gewachsenen, großen Qualitäten in der Realwirtschaft wirklich Schritt zu halten mit der zunehmenden Digitalisierung – Stichwort Industrie 4.0. Wir befinden uns jetzt quasi in einer revolutionären Phase, in der sich Weltmarktführer neu sortieren; und es ist unsere Aufgabe, wieder vorne mit dabei zu sein.

Ich bin dankbar dafür, dass Herr Hoffmann gerade hier ist, denn die Frage nach der Arbeit der Zukunft ist von den Gewerkschaften aufgeworfen worden und hat seit Jahren zu einem Diskussionsprozess zwischen den Gewerkschaften, der Wirtschaft und der Regierung geführt. Wir sehen den Herausforderungen sehr nüchtern ins Auge und versuchen, Lösungen zu finden. Es bewährt sich einmal mehr das, was wir unter Sozialpartnerschaft in Deutschland verstehen und womit wir so gut durch die Krise gekommen sind. Dies sollten wir stärken, um jetzt die Zukunft richtig zu gestalten.

Meine Damen und Herren, wir wirtschaften nicht nur unter dem Eindruck der Euro-Schuldenkrise und der gerade überwundenen Finanzmarktkrise, sondern es hat sich in diesem Jahr auch eine Reihe globaler Risiken hinzugesellt, die nicht unbedingt zu erwarten waren. Wir hatten in diesem Jahr den 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs und den 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Als wir vor einem Jahr darüber diskutiert haben, wie wir ein solches Gedenkjahr gestalten, hatten wir eigentlich nicht gedacht, dass wir uns auch mit militärischen Auseinandersetzungen in unserer nächsten Nähe beschäftigen müssen, wie sie zwischen Russland und der Ukraine leider stattgefunden haben und trotz Waffenstillstand täglich noch stattfinden.

Ich weiß, dass viele auch auf deutscher Seite unter den Sanktionen leiden und dass sie auch auf die deutsche wirtschaftliche Entwicklung eine dämpfende Wirkung haben. Aber, meine Damen und Herren, es geht hierbei um sehr grundsätzliche Prinzipen. Es geht im Grunde um die Frage, ob das, was Europa jahrzehntelang Frieden eingebracht hat – nämlich die Akzeptanz der territorialen Integrität der einzelnen Länder –, infrage gestellt wird, einfach weil man stärker ist. Es geht darum, sich an das Rechtssystem zu halten und auch wirklich einzuhalten. Das ist keine Nebensächlichkeit und auch keine Frage, die man mal je nach Situation entscheiden kann, sondern es sagt etwas über das friedliche Zusammenleben in Europa aus.

Deshalb muss ich an dieser Stelle noch einmal daran erinnern: Die Ukraine ist Anfang der 90er Jahre unabhängig geworden. Sie hat darüber im Übrigen ein Referendum stattfinden lassen. Sie hat sich 1994 dazu bereit erklärt, ihre Nuklearwaffen abzugeben. Im Gegenzug haben sich Staaten dazu verpflichtet, die territoriale Integrität der Ukraine zu garantieren – das waren Großbritannien, die Vereinigten Staaten von Amerika und Russland. Dass das nicht eingehalten wurde, dass die Krim annektiert wurde, dass es auch russische Beteiligungen in Donezk und Lugansk gibt, ist deshalb etwas, auf das wir reagieren müssen. Wir haben von Anfang an gesagt: Wir reagieren darauf nicht militärisch. Diese Option hat es nie gegeben. Aber wenn wir reagieren wollen, dann sind Sanktionen ein Mittel. Sie sind kein Selbstzweck, aber sie sollen deutlich machen, dass wir mit den Geschehnissen nicht einverstanden sind.

Meine Damen und Herren, deshalb danke ich auch der Wirtschaft, die die Sanktionen alles in allem mitträgt. Ich hoffe, dass das, was unsere Erfahrung vor 25 Jahren war – dass nach Jahrzehnten der Kalte Krieg zu Ende ging, dass man einen langen Atem brauchte, aber dass es gelungen ist, die Diktaturen zu überwinden –, dass diese Erfahrung, dass alles möglich ist, uns auch die Kraft gibt, diesen Konflikt zu überwinden, von dem ich glaube, dass wir ihn überwinden können, wenn wir uns an unsere Prinzipen halten. Dazu brauchen wir – kein Land kann das alleine – ein entschlossenes und geschlossenes Europa.

Gerade auch bei den G20-Treffen mit den Ländern Indien und China, die jeweils über eine Milliarde Einwohner haben, zeigt es sich, wie wichtig es ist, dass wir mit 500 Millionen Menschen unsere Stimme als Europäer erheben. Da spielt auch die Versicherungswirtschaft eine ganz wichtige Rolle, um Vertrauen in die Zukunft herzustellen. Deshalb finde ich es bemerkenswert, dass Sie sich auch zum Beispiel mit Herrn Huber und mit den Gewerkschaften – also nicht nur aus der Perspektive der Versicherungswirtschaft, sondern auch mit dem Blick anderer auf Ihre Branche – mit diesem Thema auseinandersetzen.

Ich wünsche Ihnen – gerade auch in einem nicht ganz einfachen Umfeld – Erfolg. Ich wünsche Ihnen, dass Sie interessante Produkte anbieten. Ich biete an, dass wir über die weitere Entwicklung im Gespräch bleiben. Zum Abschluss möchte ich noch sagen: herzlichen Glückwunsch, Herr Erdland, zu Ihrer Wiederwahl. Diese ist ist auch ein Stück Kontinuität. Lassen Sie uns konstruktiv, manchmal auch strittig, aber im Sinne des Ganzen zusammenarbeiten. Herzlichen Dank dafür, dass ich heute hier dabei sein durfte.

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