Unfall­for­scher zu Raser-Urteil

„Im dop­pel­ten Sinn nicht klar bei Ver­stand“

Lebenslange Haft für Raser: Siegfried Brockmann hält solche Strafen für angebracht. Die Hürden dafür seien aber hoch, die Abschreckungswirkung gering. Die Ursachen des Problems lägen tiefer und gingen uns alle an, so der Leiter der Unfallforschung.

Herr Brockmann, das Landgericht Kleve hat einen Mann wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, der bei einem illegalen Autorennen eine Frau totgefahren hat. Halten Sie die Strafe für richtig?
Siegfried Brockmann: Der Täter ist mit mehr als 160 km/h rücksichtslos durch ein Wohngebiet gerast und hat den Tod Unschuldiger billigend in Kauf genommen. Die Gesellschaft erwartet, dass die Täter nicht zu billig davon kommen. Aber ein Mordurteil ist nur gut, wenn es auch Bestand hat. Würde es in der Folgeinstanz kassiert, würden die Raser das völlig falsch verstehen. Da ist mir dann ein sicheres Urteil wegen fahrlässiger Tötung lieber. Da kann es auch mehrjährige Haftstrafen geben.

In ähnlichen Fällen sahen Richter den Mordvorwurf nicht als erwiesen an, sondern haben eben auf fahrlässige Tötung entschieden. Woher kommt diese Diskrepanz?
Brockmann: Es ist immer ein schmaler Grat und von den genauen Umständen abhängig. Mord setzt einen bedingten Tötungsvorsatz voraus. Das bedeutet, dass der Raser zum einem erkennen musste, dass sein Handeln Tote zur Folge haben kann, dass er also über das Wissen verfügte. Und dass er zweitens die Opfer billigend in Kauf nahm, also den Willen hatte. Gerade dies nachzuweisen, fällt schwer. Im aktuellen Fall hatte der Raser nach der Kollision jedoch Fahrerflucht begangen. Deshalb glaube ich, dass der Tötungsvorsatz hier hinreichend belegt ist.

Urteile haben immer auch eine präventive Funktion. Glauben Sie, dass sich mit solch drakonischen Strafen illegale Autorennen verhindern lassen?
Brockmann: Das denke ich nicht. Autorennen sind meist keine geplanten Aktionen, die man mittags ausmacht. Es sind spontane Verabredungen testosterongesteuerter meist junger Männer, die in dem Moment gar nicht überlegen, was passieren könnte. Die Täter stammen auch eher aus bildungsferneren Milieus, und wenn der Rivale seinen Motor aufheulen lässt, tickt das Gehirn gleich völlig aus. Sie sind so gesehen im doppelten Sinn nicht klar bei Verstand. Den braucht es aber, um die Folgen seines Handelns abschätzen zu können.

Wie groß ist eigentlich das Problem mit illegalen Autorennen?
Brockmann: Gemessen am Gesamtunfallgeschehen spielen sie keine nennenswerte Rolle. Das Problem beginnt aber schon viel früher. Raser entstehen ja nicht aus dem Nichts. Sie erwachsen aus einer Gesellschaft, in der schnelles Fahren in breiten Schichten akzeptiert ist, vor allem bei Männern. Wenn jemand seinen Freunden sagt, er sei von München nach Berlin in vier Stunden gefahren, wird er eher bewundert als sanktioniert. Solange es diese Grundakzeptanz gibt, kriegen wir das nicht ausgetrocknet.

Was muss geschehen?
Brockmann: Es braucht einen Kulturwandel. Wir müssen alle unser Fahrweise und unsere Einstellung zum Auto hinterfragen. Werden wir ungeduldig, wenn Fußgänger langsam über die Straße laufen? Drängeln wir uns an Radfahrern vorbei, ohne den Mindestabstand einzuhalten? Ich glaube, fast jeder tut das dann und wann. Und das ist der Anfang dessen, was sich am anderen Ende in Extremfällen äußert.

Hat unsere mangelnde Rücksicht etwas mit dem nicht vorhandenen Tempolimit zu tun?
Brockmann: Erstens stimmt das ja nur für Autobahnen, aber auch da sehe ich keinen unmittelbaren Zusammenhang. Wir haben aber in Deutschland eine stark vom Auto geprägte Nachkriegsgeneration, in der derjenige den höchsten sozialen Status genießt, der das größte und schnellste Auto besitzt. Diese Haltung verändert sich zwar mittlerweile, aber bislang vor allem in jungen städtischen Milieus. Ein großer gesellschaftlicher Wandel ist das noch nicht.

Wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen  Schnellfahren, das nur mit einem Bußgeld geahndet wird, und strafrechtlich relevanter Raserei?
Brockmann: Der Übergang ist fließend. Den Begriff Rasen gibt es so im Strafrecht nicht, überhaupt ist der Gesetzestext in der Hinsicht schwammig und sollte angepasst werden. Strafbar macht sich derjenige, der grob verkehrswidrig und rücksichtslos fährt, um „eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen“. Doch was heißt das? Gelten für einen Kleinwagen, der maximal 160 km/h fährt, andere Maßstäbe als für den Sportwagen, der es auf 300 km/h bringt? Man sollte auch wissen, dass Raserei nicht zwingend etwas mit der erlaubten Geschwindigkeit zu tun.

Wie meinen Sie das?
Brockmann: Wir trichtern Autofahrern immer ein, auf die Verkehrsschilder zu achten.  Das ist zwar nicht ganz falsch, aber die Schilder geben nur eine Geschwindigkeit an, die unter günstigsten Umständen noch erlaubt ist. Juristisch gesehen dürfen wir aber nur so schnell fahren, wie es die Gegebenheiten hergeben. Wer zum Beispiel innerorts an einer Gruppe Kleinkinder vorbeifährt, muss damit rechnen, dass eines von ihnen jederzeit auf die Straße springt, und sein Tempo entsprechend drosseln.

Mit 50 km/h bin ich dann schon ein Raser?
Brockmann: Kann durchaus sein. Jüngst in einem Fall in Berlin hatte ein Fahrer ein Kind totgefahren, das bei einer roten Ampel über die Straße gerannt war. Der Fahrer war etwa 50 km/h schnell, also noch im Rahmen des Erlaubten. Der Gutachter stellte hinterher fest, dass dem Kind bei einem Tempo von unter 28 km/h nichts passiert wäre. Aus meiner Sicht wäre das unter diesen Gegebenheiten eben die Höchstgeschwindigkeit gewesen. Leider sehen das die Gerichte immer noch anders. Auch in diesem Fall wurde dies dem Fahrer zugute gehalten. Für mich ein Ausfluss des alten autozentrierten Weltbildes.

Interview: Karsten Röbisch

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