Park­platz­si­cher­heit

Neuer Vor­stoß gegen Ladungs­dieb­stahl

Ausgeraubte LKW verursachen in Deutschland jährlich Schäden in Milliardenhöhe. Der Bund will Speditionen motivieren, gesicherte Parkplätze zu nutzen – und übernimmt einen Großteil der anfallenden Parkgebühren. Versicherer begrüßen das. Von Karsten Röbisch

Überraschungseier haben bekanntermaßen viele Fans. Sammelleidenschaft war es aber eher nicht, die eine Gruppe Unbekannter im August 2017 zu ihrer Tat motivierte. Sie klauten im hessischen Neustadt einen Kühlanhänger – beladen mit 20 Tonnen Naschwerk von Ferrero, darunter Tausenden Überraschungseiern. Knapp zwei Wochen später fand die Polizei den leeren LKW-Anhänger. Geschätzter Schaden: 70.000 Euro. 

Selten ist ein Ladungsdiebstahl so skurril wie dieser Schoko-Coup, das Verbrechen selbst ist hingegen alltäglich. Jährlich werden in Deutschland nahezu 26.000 LKW ausgeraubt, zeigt eine gemeinsame Berechnung mehrerer Wirtschaftsverbände, darunter der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Eine offizielle Statistik gibt es nicht, da die Polizei diese Delikte in ihrer Statistik nicht einzeln erfasst. Sie kennt aber Tätergruppen und ihr Vorgehen: Es handelt sich oft um organisierte Banden, die vorzugsweise nachts zuschlagen – meist zwischen Herbst und Frühling, wenn es lange dunkel ist. Und die vor allem dort agieren, wo die Entdeckungsgefahr gering ist: an ungesicherten Parkplätzen, Raststätten und Autohöfen entlang der Autobahnen. 

Staat erstattet 80 Prozent der Parkgebühren 

Um den Frachtdiebstahl entlang der Fernstraßen einzudämmen, hat der Bund ein neues Förderinstrument ersonnen. Ab diesem Jahr erhalten deutsche Speditionen über das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) 80 Prozent der Parkgebühren erstattet, wenn sie einen besonders gesicherten Parkplatz nutzen. Sicher heißt: Die Parkplätze müssen abgegrenzt sein, definierte Zu- und Abfahrten haben, über eine flächendeckende Beleuchtung und fußläufig erreichbare Sanitäranlagen sowie über Kameras verfügen, die das Treiben an den Ein- und Ausfahrten festhalten. 

Die Beihilfe ist Teil des De-minimis-Programms, mit dem der Bund bereits seit 2009 Spediteure finanziell unterstützt, wenn sie in die Verbesserung der Sicherheit oder des Umweltschutzes investieren. Dafür standen im Vorjahr 250 Mio. Euro bereit. Mit dem Geld bezuschusst der Bund beispielsweise den Einbau von Warnanlagen, Wegfahrsperren oder Satellitenortungstechnik. Pro Jahr und Fahrzeug kann eine Spedition 2000 Euro aus dem Topf erhalten, insgesamt jedoch maximal 33.000 Euro.

Assekuranz begrüßt die neue Förderung 

Dass nun auch sicheres Parken in den Förderkatalog aufgenommen wurde, bewertet die Versicherungswirtschaft positiv: „Der Zuschuss gibt Spediteuren einen Anreiz, sichere Parkplätze zu nutzen“, sagt Björn Kupfer, Experte für Transportversicherungen beim GDV. Viele würden sich angesichts des hohen Kostendrucks die Parkgebühren sparen und es so den Tätern leicht machen. 

Sehr zum Leidwesen der Assekuranz. Allein die deutschen Versicherer kostet Ladungsdiebstahl jährlich rund 300 Mio. Euro. Die Zahl erfasst das Problem aber nur teilweise. Einige Diebstähle sind über ausländische Versicherer abgedeckt, manche Transporte gar nicht versichert. Insgesamt, so eine gemeinsame Schätzung des GDV und 13 weiterer Wirtschaftsverbände, verschwinden auf Deutschlands Straßen jährlich Güter im Wert von 1,3 Mrd. Euro. 

Zahl der gesicherten Parkplätze in Deutschland unklar 

Die Parkbeihilfe des BAG könnte das Problem etwas lindern. Wie die Förderung im Einzelnen ablaufen soll, ist jedoch noch unklar. Die Spediteure sollen ihre Belege gesammelt beim Bundesamt für Güterverkehr einreichen und mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass die genutzten Parkplätze die Sicherheitsanforderungen erfüllen. Das Problem: Es gibt bislang keine offizielle Liste der Parkplätze, die die BAG-Kriterien erfüllen. Und so fehlt selbst der Behörde, die die Beihilfe genehmigen muss, bislang der Überblick. 

Viele Parkplätze sind es noch nicht, wenn es allein nach dem Vorliegen eines Sicherheitsnachweises ginge, den auch das BAG anerkennen will. Die Vereinigung Deutscher Autohöfe (Veda), die 70 von bundesweit 210 Autohöfen vertritt, kommt aktuell auf 21 zertifizierte Parkplätze, bis Jahresende sollen es 30 sein. Die European Secure Parking Organisation (Esporg) listet nach ihrem Standard mit Wörnitz nur einen sicheren Autohof auf. Ein weiterer in Uhrsleben erfüllt zwar die Norm, die Zertifizierung steht aber noch aus. Zugleich strebt Tank & Rast in diesem Jahr noch für sechs seiner Rasthöfe ein Esporg-Siegel an. 

Noch keine einheitlichen Zertifizierungsstandards

Die unterschiedliche Zählung resultiert auch aus den verschiedenen Bewertungsverfahren. Während Esporg mit dem Prüfkonzern Dekra einen unabhängigen Auditor an Bord hat, zertifiziert die Veda in Eigenregie. Auch die Sicherheitsanforderungen variieren. Esporg verlangt von einem sicheren LKW-Parkplatz beispielsweise Rolltore, die Veda nicht. Diese Unterschiede spiegeln sich auch in den Parkgebühren wider. Eine Nacht auf einem Esporg-Parkplatz der Sicherheitsstufe 3 kostet ab 20 Euro, die von der Veda zertifizierten „Premium-Autohöfe“ schlagen dagegen nur mit vier Euro zu Buche. 

Das System vereinheitlichen könnte die EU-Kommission. Sie will bis Jahresende eine Studie zur Parkplatzsicherheit vorlegen, auf deren Basis allgemeine Standards entwickelt werden sollen. Veda-Geschäftsführer Herbert Quabach plädiert für einen praktikablen Ansatz: „Wir brauchen Lösungen für die Fläche statt wenigen Hochsicherheitstrakten.“ Parkgebühren von 20 Euro und mehr würden nur einen kleinen Teil des Marktes ansprechen. Zudem müsse der finanzielle Aufwand für die Betreiber in Grenzen bleiben. Auf 60.000 bis 80.000 Euro schätzt Quabach die Kosten für den Umbau zu einem Veda-Premiumparkplatz. Für ein Esporg-Siegel der Sicherheitsstufe 3 fallen laut Geschäftsführer Dirk Penasse dagegen mindestens 150.000 Euro an. 

Auch die Parkplatzbetreiber haben Interesse an mehr Sicherheit

Klar ist: Viele Parkplatz- und Rasthofbetreiber wollen die Sicherheit verbessern – schon aus Eigeninteresse. Kommt es bei ihnen wiederholt zu Diebstählen, landen sie womöglich auf einer schwarzen Liste und werden von Fuhrunternehmen gemieden. „Viele Autobahnparkplätze und auch einzelne Autohöfe sind bereits von Spediteuren gesperrt worden, weil dort zu viel passiert ist“, sagt Quabach. Wenn eine einzelne Transportfirma einen Parkplatz boykottiert, ist das noch kein Problem. Sobald aber ein Logistikkonzern wie Kühne & Nagel, der mit vielen Spediteuren zusammenarbeitet, den Daumen senkt, können die wirtschaftlichen Einbußen beträchtlich sein. 

Für ein Mehr an Sicherheit könnte auch die Digitalisierung des Güterverkehrs sorgen. Davon ist zumindest Esporg-Geschäftsführer Penasse überzeugt: Mit gesicherten Parkplätzen ließen sich Stellflächen online reservieren und bezahlen, auch die elektronische Erfassung der Lkw sei möglich. „Viele Unternehmen werden das für ihre Logistikketten zur Bedingung machen“, so Penasse.

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