Reha-Mana­ge­ment

Lot­sen zurück ins All­tags­le­ben

Drei Jahre nach einem schweren Verkehrsunfall ist Astrid Kuhn kaum noch auf fremde Hilfe angewiesen. Doch ohne die richtige Betreuung durch das Reha-Management eines neutralen Dienstleisters wäre das kaum möglich gewesen. Die persönlichen Lotsen zu den besten Ärzten und Therapien haben Kuhn vielleicht vor dem Rollstuhl bewahrt – und ihr somit ihre Unabhängigkeit erhalten.

Ein Wimpernschlag ändert alles: Auf ihrer Honda CBF600 fährt Astrid Kuhn* im Spätsommer 2012 entlang des Edersees in Nordhessen. Gerade Strecke, trockenes Wetter und gemütliche 80 Stundenkilometer auf der Landstraße. Plötzlich schießt ein Baumarkthänger aus dem Gegenverkehr direkt in ihre Spur und trifft sie von der Seite. „Ich bin auf einer Wiese aufgewacht, konnte nicht atmen“, erinnert sie sich. Bewusstlos wird sie mit einem Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen.

Nach einer 7,5-stündigen Not-OP wird Astrid Kuhn auf der Intensivstation wach. Neben diversen schweren Verletzungen ist auch der Unterschenkel so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, dass er amputiert werden muss. Dass sie überhaupt überlebt hat, nennt sie heute „wahnsinniges Glück“. Doch das Knie oberhalb des amputierten Unterschenkels schmerzt. Nach drei Wochen wird sie trotzdem aus dem Krankenhaus entlassen. Die Knieschmerzen bleiben. Die Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallgegners hat einen Reha-Dienstleister eingeschaltet, der ihr bei dem Weg zurück ins Leben helfen soll. „Ohne die Unterstützung von Herrn Jakobs säße ich jetzt vielleicht im Rollstuhl“, erzählt Kuhn. Denn Friedhelm Jakobs, Fallmanager des Rehabilitations-Dienstleisters Reha Assist, rät Frau Kuhn, sich bei einer Spezialklinik vorzustellen.

So schnell wie möglich wieder ein beschwerdefreies Leben

Jakobs Arbeitgeber Reha Assist ist einer von mehreren unabhängigen Reha-Management-Dienstleistern in Deutschland. Die Dienstleister werden von Versicherungen beauftragt – besonders dann, wenn der Fall der Betroffenen kompliziert und schwerwiegend ist. Das Ziel der Reha-Manager: Die Patienten so schnell wie möglich wieder zurück in ein beschwerdefreies Leben zu begleiten. Die Patienten profitieren dabei von einer optimalen Versorgung, der Erfahrung der besten Spezialisten und einem individuellen Fallmanagement, bei dem ein Case Manager wie Friedhelm Jakobs, die Patienten berät, Termine vermittelt und Patienten bei ihren Entscheidungen unterstützt.

Völlig kaputtes Kniegelenk

In einer Kölner Spezialklinik diagnostizieren die Ärzte bei Astrid Kuhn ein völlig kaputtes Kniegelenk: Das hintere Kreuzband und das Innenband sind gerissen, die Kapsel ist zerstört. Hätte die erste Klinik diese Verletzung schon bemerkt, wäre das Knie in der Regel gleich mit amputiert worden. Eigentlich ist ein solches Knie nach einer Unterschenkel-Amputation kaum noch zu retten. Das Gehen mit einer Unterschenkelprothese erfordert in der Regel ein völlig gesundes und intaktes Knie.

Ein Unterschied mit gravierenden Folgen: Ohne Kniegelenk muss eine viel weitreichendere Prothese angefertigt werden. Der Bewegungsablauf beim Gehen wird schwerer beeinflusst. Viele Patienten verbringen ihr Leben nach einer solchen Amputation größtenteils im Rollstuhl, da das Laufen mit der Prothese häufig zu anstrengend und schmerzhaft und die Reha und der Alltag mit einer Prothese so mühselig sind. „Herr Jakobs hat sich immer sehr für mich eingesetzt und mich unterstützt“, erzählt Astrid Kuhn. Friedhelm Jakobs begleitet sie bei vielen Terminen, sucht die besten Ärzte und Kliniken für ihren Fall.

„Die Konstellation beim Reha-Management ist schon eine ziemlich einmalige Win-Win-Situation“, sagt ein Branchenkenner. Durch den Einsatz des Dienstleisters profitieren sowohl das Unfallopfer als auch die Versicherung des Unfallverursachers.

Investition in die Gesundheit

In der Regel übernimmt die Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers alle Behandlungen des Unfallopfers und muss auch für alle Einschränkungen und Einbußen durch lange Ausfallzeiten am Arbeitsplatz einen finanziellen Ausgleich zahlen. Bliebe das Unfallopfer erwerbsunfähig, müsste die Kfz-Haftpflichtversicherung zusätzlich jahrzehntelang den Verdienstausfall zahlen. Das Reha-Management ist deshalb eine Investition in die Gesundheit, die sich auch für den Versicherer lohnt.

Fallmanager Jakobs investiert rund 200 Beratungsstunden in diesem Fall. „Ein hoher Prozentsatz der Schadensumme ist in solchen Fällen durch professionelles Reha-Management beeinflussbar“, sagt Hauke Neumann, Geschäftsführer der Reha Assist. Hierbei sei jedoch wichtig, dass die Dienstleister neutral und unabhängig seien. „Für eine erfolgreiche Fallbetreuung ist die organisatorische Unabhängigkeit vom zuständigen Versicherer unerlässlich – ein neutrales Beratungsangebot wirkt sonst unglaubwürdig“, sagt Neumann. Dafür haben die Versicherer und die Dienstleister gemeinsam mit dem Deutschen Anwaltverein einen Verhaltenskodex entwickelt.

Mitte der 1990er-Jahre begannen die ersten Versicherer mit einer gezielten Betreuung und Steuerung besonders schwerer Fälle durch spezialisierte Dienstleister. Nach Schätzungen von Branchenkennern geben die Kfz-Haftpflichtversicherer rund 3.000 Fälle jährlich an die Reha-Dienstleister. Auch einige Unfallversicherer und Berufsunfähigkeitsversicherer setzen mittlerweile auf die unabhängigen Reha-Dienstleister, um die Behandlungserfolge zu verbessern und die Rückkehr in den Beruf zu ermöglichen.

Medizinisches Neuland

Für Astrid Kuhn steht eine Entscheidung an: Entweder sie lässt das schmerzende Knie amputieren oder sie wagt den Versuch, das Unwahrscheinliche zu erreichen und die Funktionsfähigkeit des kaputten Knies trotz Unterschenkelamputation wieder herzustellen – medizinisches Neuland. Kuhn entscheidet sich fürs Kämpfen. Sie will versuchen, ihr Kniegelenk zu retten. Die erste Operation findet kurz vor Weihnachten 2012 statt. Danach erste Reha, Wundschmerzen, eine Nachamputation im Juli 2013, schließlich die zweite Reha. Immer dabei Friedhelm Jakobs: „Er war mein Übersetzer bei medizinischen Fachgesprächen und bei der Abstimmung von Zielen in Reha-Einrichtungen“, erzählt Kuhn. „Seiner Kompetenz habe ich blind vertraut“.

Der Reha-Dienstleister stellt das Unfallopfer zudem bei einem der besten Prothesenbauer Deutschlands vor und vermittelt ambulante Therapien bei Top-Physiotherapeuten, während sich Astrid Kuhn durch die Reha und die fast ein Jahr andauernden Heilbehandlungsmaßnahmen kämpft.

Wie viel Lebensqualität für die Unfallopfer durch den Einsatz der Reha-Manager gewonnen werden kann, lässt sich nur schwer mit Zahlen messen. Astrid Kuhn ist im Alltag aber kaum mehr auf Hilfe angewiesen: Sie arbeitet wieder als Sachbearbeiterin. Die passgenaue Prothese trägt sie bis zu 14 Stunden am Tag – im Sommer auch selbstbewusst mit kurzer Hose. Auto kann sie mithilfe einer Automatikschaltung ebenfalls wieder fahren. Und wenn die knatternden Maschinen auf den Landstraßen den Frühling ankündigen, sitzt auch sie wieder auf dem Motorrad – als Beifahrerin.

*Nachame geändert

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