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Kurz­zeit­ver­si­che­run­gen - Hilfe für Spä­tent­schlos­sene

Wer oben auf einem Skihang steht, der sorgt sich vor der Abfahrt meist nur um seine Ausrüstung. Ist die Bindung geschlossen, sitzt die Brille richtig? Wohl die wenigsten denken in dem Augenblick darüber nach, ob sie im Fall eines Unfalls ausreichend versichert sind. Falls doch Zweifel aufkommen, so können Spätentschlossene noch auf den letzten Drücker eine Unfall- oder Auslandsreiseversicherung abschließen. Alles, was es dazu braucht, ist ein Smartphone – und eine intakte Mobilfunkverbindung.

Zahlreiche Versicherungen bieten solche sogenannten Kurzzeitpolicen an. Dabei handelt es sich um spezielle Unfall- , Sach- oder Auslandsreiseversicherungen für eine begrenzte Dauer. Vertragsabwicklung und Bezahlung funktionieren einfach über das Smartphone. Innerhalb von wenigen Minuten ist der Kunde abgesichert.

Für die Versicherungswirtschaft ist das Konzept im Grunde gar nicht so neu. Denn Policen, die nur für eine begrenzte Zeit und nur für einen bestimmten Zweck abgeschlossen werden, gibt es schon lange. Die Bauleistungsversicherung beispielsweise schützt Häuslebauer vor unvorhersehbaren Schäden während der Bauphase. Ist das Haus fertig, läuft der Versicherungsschutz aus.

Absicherung einer konkreten Alltagssituation

Neu an den Spontanpolicen sind die sehr kurzen Laufzeiten von wenigen Tagen oder gar Stunden. Vor allem aber die wachsende Vielfalt von Einzelrisiken, die sich mit einer Police abdecken lassen. Oft geht es um die Absicherung einer konkreten Alltagssituation, sei es die Skitour am Wochenende oder der Ausflug mit dem Fahrrad. „Wir erschließen Bereiche, für die es zuvor keine maßgeschneiderten Versicherungslösungen gab“, sagt Lennart Wulff, Geschäftsführer der Firma SituatiVe, die über das Online-Portal AppSichern Kurzzeitversicherungen vertreibt. Dazu gehört etwa eine Drittfahr-Police, die einen Autobesitzer vor möglichen Regressansprüchen seines Versicherers befreit, falls er sein Auto an einen Freund verleiht und dieser einen Unfall baut. Im Angebot ist aber auch eine Unfallversicherung für Stadionbesuche.

Einige Offerten decken somit Risiken ab, die in einer regulären Police ohnehin eingeschlossen sind. Im Vergleich zu ihnen sind die Einzellösungen teurer – wenn man den Preis hochrechnet. Eine Unfallversicherung für den Besuch eines Fußballstadions kostet etwa bei AppSichern 1,59 Euro für 24 Stunden. Eine reguläre Unfallversicherung ist bereits ab 10 Euro monatlich zu haben. Ein Grund für den Preisunterschied ist der Verwaltungsaufwand, der bei den Kurzzeitversicherungen stärker ins Gewicht fällt. Nach Wulffs Worten fehlt es den Versicherern aber auch noch an Erfahrungswerten, ob Kurzfristpolicen mit höheren Risiken verbunden sind. „Die Unsicherheit macht sich ebenfalls im Preis bemerkbar.“

Verbraucherschützer sehen die Angebote kritisch

Gerade wegen der Kosten stehen die Kurzzeitpolicen in der Kritik von Verbraucherschützern. „Man kann sich grundsätzlich viel besser versichern als mit den Mini-Versionen per Handy“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten (BdV). Jörg Günther, Partner und Versicherungsexperte beim Beratungshaus KPMG, hält die Angebote aus Kundensicht aber durchaus für sinnvoll. „Viele Menschen machen sich im Vorfeld keine Gedanken über ihren Versicherungsschutz, sondern erst, wenn es darauf ankommt.“ Dann sei es immer noch besser, eine Versicherung zu haben als gar keine. Für Kunden müsse jedoch klar sein, welche Risiken die Police abdeckt, betont Günther.

SituatiVe-Chef Wulff sieht sein Angebot ohnehin nicht in Konkurrenz zu Jahrespolicen. „Wir würden nie auf die Idee kommen, Leuten zu raten, ihren kompletten Hausstand über kurzfristige Lösungen abzusichern.“ Zielgruppe seien vielmehr Menschen, die keine Versicherung hätten und plötzlich feststellten, dass sie eine Police brauchen. Und Menschen, die sich bewusst nur einen Basisschutz leisten wollten, um ihn bei Bedarf mit Zusatzbausteinen zu ergänzen. Mit Kurzeitversicherungen ließe sich der Versicherungsschutz flexibel anpassen, so Wulff.

Kurzzeitversicherungen sind noch ein Nischenprodukt

Noch besetzt er mit seinem Portal eine Nische. „1000 plus“, antwortet der Start-up-Unternehmer auf die Frage, wie viele Abschlüsse seit dem Start Mitte 2013 über AppSichern abgewickelt wurden. Wulff sieht sich noch in der Lernphase: „Wir erweitern peu à peu unser Angebot.“ Anregungen erhält er von den Nutzern, aber auch den Versicherern, die mit ihm kooperieren. Die Unternehmen würden sein Portal als Spielwiese betrachten. „Für sie ist es eine Gelegenheit, den Markt zu testen – ohne großes finanzielles Risiko“, sagt Wulff.

In diesem Sinne erachtet auch Günther von KPMG die digitalen Angebote als wertvoll für die Unternehmen. „So können sie lernen, welche Kunden mit welchem Produkt über welchen Kanal bedient werden wollen.“ Es gehe darum, aus dem Verhalten der Kunden ihre Bedürfnisse zu ermitteln. Für Günther sind Kurzzeitversicherungen deshalb nicht nur ein Marketing-Gag, sondern eine sinnvolle Ergänzung im gesamten Marketing. „Wenn ein Kunde eine Kurzzeitpolice für das Skiwochenende abschließt, dann möglicherweise deshalb, weil er keine Unfallversicherung hat.“ Für Unternehmen könne dies ein Ansatzpunkt sein, um ihn über seinen Absicherungsbedarf aufzuklären und ihm eine geeignete Jahrespolice anzubieten, so der Experte.

Diesem Gedanken kann auch Boss vom BdV etwas abgewinnen. „Es geht letztlich doch darum, die Menschen wachzurütteln, damit sie sich ausreichend gegen existenzielle Risiken absichern.“ Ob dafür der Abschluss einer Kurzzeitpolice nötig ist, hält Boss allerdings für äußert fraglich.

Text: Karsten Röbisch

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