Covid-19

Kunst in Qua­ran­täne: Wie die Corona-Pan­de­mie auch Kul­tur­schätze gefähr­det

Sechs Wochen waren die rund 7.000 Museen in Deutschland geschlossen, nun können sie nach und nach wieder für Besucher öffnen. Aber haben die Museen Mitte März einfach die Türen abgeschlossen und die Mitarbeiter nach Hause geschickt? Nein, im Gegenteil: Konservatoren und Restauratoren hatten in den letzten Wochen alle Hände voll zu tun, um ihre Schätze zu schützen.

Wie schließt man ein Museum? Mülleimer leeren, Jalousien herunterlassen, Licht ausschalten, Türen schließen, fertig? Viele Kunstschätze sind immerhin Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alt und haben schon weit Schlimmeres überstanden als ein paar Wochen Ruhe.

Doch so einfach, wie es sich der Laie vorstellt, waren die letzten Wochen für die Museen nicht. Eine längere Schließzeit kann für ihre Sammlungen gefährlich sein: Viele Exponate reagieren sensibel auf jede Änderung ihrer Umwelt. „Unsere Erfahrung mit der Versicherung von Kunstgegenständen in unterschiedlichen Umgebungen zeigt: Wenn Museumstüren für eine längere Zeit geschlossen bleiben, ändern sich die Risiken“, sagt Dietmar Telschow, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Sonderzweige, die im GDV unter anderem die Kunst- und Ausstellungsversicherung betreut.

Ein Museum und seine Schätze werden daher nicht einfach „eingemottet“, sondern eher in eine Art Narkose versetzt – und ständig überwacht. Genauer mit den Herausforderungen hat sich der SiLK – SicherheitsLeitfaden Kulturgut der Konferenz Nationaler Kulturgüter (KNK) beschäftigt. Dessen Experten zufolge geht es zuerst darum, die ausgeliehenen Werke in Sicherheit zu wissen und die gefährdetsten Stücke im Depot oder in Tresorräumen zu verstauen. Dann beginnt der Kampf gegen Motten und Papierfische, Diebe, Schimmel und Sporen.

Problem 1: Luft

Gerade die Ausstellungsräume sind für einen konstanten Besucherstrom und tägliche Pflege eingerichtet. „Die Besucher sondern Körperwärme ab und bringen an Regentagen auch viel Feuchtigkeit in die Räume mit, das hat großen Einfluss auf das Raumklima“, erklärt Alke Dohrmann, die als Projektleiterin für den Sicherheitsleitfaden verantwortlich ist. Ohne das Publikum ändern sich Temperatur und Feuchtigkeit, die Luft bewegt sich kaum noch. Umso wichtiger ist es, dass in dieser Zeit Heizung, Lüftung und Klimaanlage funktionieren und das Raumklima permanent überwacht wird.

Zu den Vorsichtsmaßnahmen gehört auch, die Luft von vornherein so sauber wie möglich zu halten und die Verbreitung von Schimmel- und anderen Pilzsporen zu vermeiden. Dafür wurden im Idealfall sämtliche Lebensmittel aus dem Museum verbannt: Café-Betreiber mussten ihre Waren auslagern, Mitarbeiter wurden gebeten, nur außerhalb zu essen oder ihre Essensreste wieder mitzunehmen. Auch ungenutzte Waschräume konnten zum Problem werden, weil es hier schnell schimmelt.

Problem 2: Insekten

Wo sich Menschen zurückziehen, erobern sich Tiere ihren Platz. Der regelmäßige Rundgang besonders in den Depots ist deshalb nicht zu ersetzen. Vor allem Insekten dürfen nicht lange unbemerkt bleiben, sonst können sie sich in Ruhe schnell vermehren und zur kaum kontrollierbaren Plage werden. „Wenn Sie im Ausstellungsraum eine Motte herumfliegen sehen, ist die Textiliensammlung schon so gut wie aufgefressen“, sagt Dohrmann.

Mehrere Dutzend Insektenarten können den Ausstellungsstücken gefährlich werden, besonders gefürchtet sind Papierfischchen. Die kleinen Tiere können Zellulosefasern verdauen und lieben neues Papier. Daher kommen sie in aller Regel mit der Verpackung der Kunstgegenstände ins Museum, erklärt Dohrmann. Einmal im Museum angekommen, bleibt der Appetit der Papierfische aber nicht auf Kartons beschränkt: Dann sind auch Dokumente, Fotos und alte Bücher eine willkommene Mahlzeit.

Problem 3: Diebe

„Kunsträuber dürften die Corona-Pandemie als eine Chance betrachten“, warnt Kunstversicherungs-Experte Telschow – so wie die Diebe, die Ende März aus dem geschlossenen Museum Singer Laren bei Amsterdam ein Van-Gogh-Gemälde stahlen. Sie kamen zwar nachts, nahmen aber ganz einfach die vordere Eingangstür und waren bis zum Eintreffen der Polizei schon wieder verschwunden.

Doch in ein geschlossenes Museum kann ebenso gut bei Tageslicht eingebrochen werden, schließlich gibt es keine Besucher und auch weniger Mitarbeiter vor Ort. „Die Kunstversicherer haben Museen zu Beginn der Schließzeit ihre Hilfe angeboten, Sicherheitssysteme zu überprüfen und potenzielle Schwachstellen zu identifizieren, die ein Schlupfloch für Diebe sein könnten“, so Telschow.

Diesen Service bieten Kunstversicherer regelmäßig an, doch in einer längeren Schließzeit rücken spezielle Aspekte in den Fokus: Jetzt mussten insbesondere Türen, Fenster, Lüftungssysteme, Oberlichter und ähnliches verstärkt gesichert werden. Ärgerlich: Die für Mitte März geplante Sicherheitstagung des Deutschen Museumsbundes zum Thema Einbruchs- und Diebstahlschutz musste wegen der Corona-Pandemie auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Problem 4: Personalmangel und Lieferengpässe

Nicht nur das Museum selbst, sondern alle Partner spüren die Auswirkungen der Pandemie. Sicherheit, Reinigung, Reparaturen und Wartungsarbeiten – das alles ist in normalen Zeiten kein Problem, kann jetzt aber zu einem werden. Schon der Nachschub für dringend benötigtes Material ist keineswegs sicher, die Vorräte mussten vor der Schließung aufgestockt werden. Und auch wenn keine Besucher kommen: Bewacht und gereinigt werden müssen die Museen auch weiterhin – dank der Tiere und der Diebe (siehe oben ) im Zweifel sogar noch etwas besser als sonst. Das müssen auch die Sicherheits- und Reinigungsfirmen wissen und beachten.

Problem 5: Technik

Wenn die Telefonkonferenz aus dem Homeoffice immer wieder abbricht, ist das nicht ideal, aber im Zweifel nicht weiter schlimm. Anders ist es, wenn die aus der Ferne gesteuerte Haustechnik eines Museums spinnt oder von Hackern angegriffen wird: Klimaanlage, Lüftung, Brandmeldeanlangen, Sprinkler und Überwachungskameras dürfen nicht außer Kontrolle geraten. Jede Störung muss sofort bemerkt und behoben werden, um irreparable Schäden zu vermeiden.

Auch ein Stromausfall kann katastrophale Folgen haben, sofort aktivierbare Notstromaggregate sind daher unerlässlich. Das alles gilt zumindest für solche Häuser, die schon als Museum konzipiert wurden und entsprechend ausgestattet sind. In historischen Gebäuden und kleineren Museen lassen sich die Systeme oft weder fernsteuern noch elektronisch regeln. „Da gibt es statt einer hochmodernen Klimaanlage einfache Luftbefeuchter, für den Luftaustausch wird ganz einfach das Fenster aufgemacht. Sie müssen also täglich vor Ort sein und vieles per Hand regeln – ob Sie Besucher haben oder nicht“, sagt Dohrmann.

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