Berufs­haft­pflicht

Kos­ten für Geburts­schä­den schwer kal­ku­lier­bar

Für Haftpflichtversicherer wird es immer schwieriger, freiberuflichen Hebammen Versicherungsschutz für die Geburtshilfe anzubieten, den sich diese auch leisten können. Durch neue und bessere Therapien sind die Kosten für Geburtsschäden massiv gestiegen. Zwei Beispiele zeigen, wie individuell die Bedürfnisse der geschädigten Kinder seien können.

Von Beginn an musste Eva* um ihr Leben kämpfen. Weil vor zehn Jahren bei ihrer Geburt ein gefährlicher Sauerstoffmangel zu spät erkannt wurde, war Eva klinisch tot, als sie per Notkaiserschnitt zur Welt kam. Die Ärzte konnten sie zwar wiederbeleben, doch weite Teile ihres bis dahin gesunden Gehirns sind abgestorben. Das hat gravierende Folgen: Eva ist geistig schwerstbehindert und kann bis heute nicht selbständig atmen. Immer wieder erleidet sie epileptische Anfälle, ihre Arme und Beine sind gelähmt, ernährt wird sie vornehmlich über eine Magensonde. Zudem schwankt die Körpertemperatur in einem Maße, das jederzeit lebensbedrohlich sein kann.

Trotz ihrer schweren Behinderung und obwohl sie dauerhaft beatmet werden muss, lebt Eva bis heute in ihrem Elternhaus. Möglich wird das durch intensive Betreuung. 22 Stunden am Tag kümmern sich Intensivschwestern im Schichtdienst um Eva. Sie saugen die Atemwege ab, überwachen die wichtigsten Körperfunktionen, sorgen für die künstliche Ernährung und gleichen die ständigen Temperaturschwankungen in Evas Körper aus. Für die Kosten dieser intensiven Fürsorge haftet die Hebamme, die auf die Ausschläge des Wehenschreibers zu spät reagiert hatte.


Der Haftpflichtversicherer der freiberuflich tätigen Hebamme zahlt für die häusliche Krankenpflege jedes Jahr mehr als 200.000 Euro, dazu kommen über 80.000 Euro jährlich für Krankengymnastik, Ergotherapie und die Dinge, ohne die Eva nicht leben könnte: Beatmungsgerät, Ernährungspumpe, Überwachungsmonitore, Medikamente, Inkontinenzartikel, Orthesen, Rollstuhl, Duschliege, Spezialbetten. Da aber auch die intensive Pflege zuhause Komplikationen wie Lungenentzündungen oder Krämpfe der Atemwege nicht verhindern kann, muss Eva zudem mehrmals im Jahr mit dem Rettungswagen in die Klinik und stationär behandelt werden. Insgesamt sind in den vergangenen zehn Jahren so knapp 3,5 Millionen Euro für Behandlung und Krankenpflege angefallen. Weitere 150.000 Euro kostete der Umbau des Elternhauses, in dem neben dem Krankenzimmer ein Therapiezimmer und ein Aufenthaltsraum für die Intensivschwestern geschaffen wurden. Die Höhe des Schmerzensgeldes steht noch nicht fest; in der Vergangenheit wurden in schwersten Einzelfällen wie diesem Summen von über 500.000 Euro zugebilligt. Insgesamt belaufen sich die Ansprüche an den Haftpflichtversicherer für die vergangenen zehn Jahre auf rund 4,2 Millionen Euro, jedes weitere Jahr kommen knapp 350.000 Euro für Pflege- und Therapiekosten hinzu.

Kosten für schwere Geburtsschäden steigen jedes Jahr

In der Zukunft werden solche Kosten vermutlich weiter zunehmen. Nach einer Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sind die Pflege- und Therapiekosten für schwere Geburtsschäden zwischen 2003 und 2016 um 6 Prozent jährlich gestiegen. „Wir sehen auch nicht, dass sich diese Entwicklung in der Zukunft ändern wird“, sagt Nils Hellberg, Abteilungsleiter Haftpflichtversicherungen im GDV. Der massive Anstieg der Kosten führte in den vergangenen Jahren zu Versicherungsbeiträgen für freiberuflich Hebammen in der Geburtshilfe, die im Vergleich zu ihrem Einkommen sehr hoch sind. Verantwortlich für die wachsenden Kosten ist aber nicht eine höhere Zahl von Geburtsschäden, sondern insbesondere der medizinische Fortschritt. Durch neue und immer bessere Therapien kommt es zu einem deutlichen Anstieg der Lebenserwartung auch von schwerstgeschädigten Kindern, die gesunden Menschen fast gleichgestellt sein kann. Kostete ein schwerer Geburtsschaden die Versicherer im Jahr 2003 noch durchschnittlich 1,5 Millionen Euro, waren es 2016 bereits 3,2 Millionen Euro.

Die Höhe des Erwerbsausfalls hängt vom sozialen Umfeld der Eltern ab

Da die Haftpflichtversicherung nicht nur die Pflege- und Therapiekosten, sondern auch weitere Ansprüche wie Schmerzensgeld und den Erwerbsausfall des Kindes ausgleicht, ist sie auch hier von Kostensteigerungen betroffen. So wuchs der Ersatz für entgangenes Erwerbseinkommen von 2003 bis 2016 jedes Jahr um 8 Prozent. Die deutschen Gerichte machen die Höhe des Einkommensersatzes maßgeblich vom sozialen Umfeld abhängig: Haben beide Eltern einen Hochschulabschluss und werden gut bezahlt, spricht viel auch für eine entsprechende Karriere des Kindes; das angenommene Einkommen fällt entsprechend hoch aus.

Von dieser Regelung profitieren wird in wenigen Jahren Nicole*. Die junge Frau ist mittlerweile 20 Jahre alt, lebt in einem Heim für betreutes Wohnen und arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Auch bei ihrer Geburt wurde auf die Warnzeichen des Wehenschreibers zu spät reagiert, allerdings richtete der Sauerstoffmangel weniger schwere Schäden als bei Eva an. Doch auch Nicole ist in ihrer geistigen Entwicklung zurückgeblieben. Hinzu kommen eine verkrümmte Wirbelsäule und Fehlstellungen der Füße, die ihr das Laufen nahezu unmöglich machen. Sie ist vollständig pflegebedürftig und muss rund um die Uhr beaufsichtigt werden. Der Haftpflichtversicherer zahlte in den vergangenen 20 Jahren für Pflege, Therapie, Betreuung und Hilfsmittel über 1,4 Millionen Euro. Ins Elternhaus wurden für 100.000 Euro breitere Türen, ein größeres Badezimmer und einen Treppenlift eingebaut und die Einfahrt neu gepflastert, weil Nicole mit ihrem Rollstuhl nicht über die alten Rasengittersteine fahren konnte. Ebenfalls erforderlich war ein behindertengerechtes Auto, hierfür fielen Kosten von 60.000 Euro für Anschaffung, Umbau und Unterhalt an. Ein Gericht legte das an Nicole zu zahlende Schmerzensgeld auf 250.000 Euro fest.

Während die Haftpflichtversicherung derzeit Rechnungen in Höhe von rund 90.000 Euro jährlich begleicht, werden die Kosten mit Nicoles 23. Geburtstag noch einmal deutlich steigen: Mit dem angenommenen Abschluss eines Studiums ist der Versicherer verpflichtet, das Erwerbseinkommen auszugleichen, das Nicole aufgrund ihrer Behinderung nicht selbst verdienen kann. Weil beide Eltern Akademiker sind, dürfte sie bis zu 4.500 Euro monatlich erhalten. Bis zum Ende des regulären Arbeitslebens mit 68 wären das über 2,4 Millionen Euro. Die Gesamtausgaben des Haftpflichtversicherers wären bis dahin auf über 8 Millionen Euro angewachsen.

Geburtsschäden bleiben schwer zu kalkulierendes Risiko

Die sehr individuellen Bedürfnisse der geschädigten Kinder und die zahlreichen Unwägbarkeiten machen Geburtsschäden zu einem extrem schwer zu kalkulierenden Risiko. Daran ändert auch der vom Bundestag beschlossene Regressausschluss zugunsten freiberuflicher Hebammen in der Geburtshilfe nichts. Nach der neuen Regelung sind Regresse der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen nur dann ausgeschlossen, wenn die Hebamme lediglich einfach fahrlässig gehandelt hat. Können die Kassen einer Hebamme dagegen grobe Fahrlässigkeit nachweisen, bleiben Regresse auch weiterhin möglich. Die Unterscheidung zwischen einfacher und grober Fahrlässigkeit war zuvor irrelevant, weil die Hebamme unabhängig vom Grad ihres Verschuldens von ihrer Berufshaftpflichtversicherung geschützt ist. Bis endgültig geklärt ist, wieviel Schuld eine Hebamme trifft, müssen die Haftpflichtversicherer in jedem Einzelfall weiterhin davon ausgehen, alle anfallenden Kosten in voller Höhe zu übernehmen – wie bisher auch.

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