Rente Glo­bal Nie­der­lande

Gul­den aus Ams­ter­dam

Das Rentensystem der Niederlande gilt als eines der besten weltweit. Das sogenannte Cappuccino-Modell könnte ein Vorbild für die Reform der Altersvorsorge in Deutschland sein. Doch nicht alle Grundpfeiler sind wirklich zukunftssicher.

Urige Windmühlen, idyllische Tulpenfelder, berühmte Maler: Die Niederlande lösen bei den meisten Deutschen spontane Assoziationen aus. Das Rentensystem des Nachbarlandes kommt dabei vermutlich den wenigsten in den Kopf – doch das könnte sich ändern. Nach Einschätzung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zählt es zu den besten der Welt, auch in der Diskussion über die Reform der deutschen Altersvorsorge wird es immer wieder als Vorbild genannt. Hohes Rentenniveau, gute Absicherung gegen Altersarmut: Das sogenannte Cappucchino-Modell scheint die zentralen Vorsorgeerfordernisse in sich zu vereinen. Doch wie gut ist es wirklich?

Wie das deutsche basiert auch das niederländische Rentensystem auf drei Säulen: gesetzliche Rente, betriebliche Altersversorgung und private Zusatzabsicherung. Die Gewichtung ist jedoch anders: Die Zahlungen aus der Rentenkasse fungieren als Grundsicherung, die Betriebsrente spielt eine weit wichtigere Rolle als bei uns, die private Säule ist ein optionaler Zusatz. Die drei Bestandteile werden gern als Kaffee, Milchschaum, und Kakao umschrieben, daher Cappuccino-Modell.

Der Kaffee: Gesetzliche Grundsicherung für alle Bürger

Die Basis bildet die gesetzliche Grundrente, Algemene Ouderdomswet genannt oder kurz AOW. Sie ist eine Grundsicherung für alle Personen ab 66 Jahren, die in den Niederlanden leben oder einmal gelebt haben. Wer von seinem 15. Lebensjahr an zu irgendeiner Zeit für mindestens ein Jahr in den Niederlanden gelebt hat, erhält bereits zwei Prozent der Grundsicherung als Rente. Für jedes weitere Jahr kommen zwei Prozentpunkte hinzu. Wer also fünfzig Jahre seines Lebens im Land verbracht hat, hat Anspruch auf die volle gesetzliche Rente unabhängig davon, wie viel er oder sie in die Rentenkasse eingezahlt hat. Ein lebenslang Arbeitsloser erhält den gleichen Betrag wie die erfolgreiche Geschäftsfrau, auch Selbstständige sind eingeschlossen.

Die Höhe der AOW hängt ausschließlich vom aktuellen Mindestlohn ab, der aktuell bei 1701 Euro im Monat liegt. Ein alleinstehender Rentner bekommt 70 Prozent dieses Minimaleinkommens, wer mit jemandem zusammenlebt, der noch keine Rente bezieht, erhält 50 Prozent. Zwei Rentner, die im selben Haushalt wohnen, bekommen zusammen 100 Prozent.

Ähnlich wie in Deutschland finanzieren die aktuell Erwerbstätigen die Renten der älteren Mitbürger per Umlageverfahren. Jeder Steuerzahler führt Beiträge an die Rentenkasse ab, aus der die AOW bezahlt wird. Auch der Beitragssatz ist mit 17,9 Prozent ähnlich hoch wie in Deutschland (18,6 Prozent). Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied: In den Niederlanden zahlen die Arbeitnehmer den Rentenbeitrag allein, der Arbeitgeber beteiligt sich nicht. Bis zur Beitragsbemessungsgrenze von 35.129 Euro pro Jahr zahlen Arbeitnehmer den vollen Beitrag von ihrem Gehalt – maximal jedoch 524 Euro pro Monat.

Die gesetzliche Rente in den Niederlanden ist leistungsunabhängig, die Höhe der AOW hängt anders als bei uns also nicht vom Einkommen während des Berufslebens ab. Sie fungiert als allgemeine Grundsicherung im Alter und macht etwa 40 Prozent des Durchschnittseinkommens eines Rentners aus. Große Sprünge erlaubt sie nicht. Für die finanzielle Unabhängigkeit sind andere Komponenten zuständig.

Der Milchschaum: Kapitalgedeckte Betriebsrente als wichtige Einkommensquelle

Eine betriebliche Altersversorgung ist in den Niederlanden zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, wird aber nahezu flächendeckend praktiziert. 90 Prozent der Angestellten haben Betriebsrenten, lediglich nicht tarifgebundene Angestellte sowie Freiberufler sind ausgenommen. In rund 700 verschiedenen Betriebsrentenregelungen ist festgelegt, wer wie viel zahlt. Für viele Branchen gibt es auch allgemeinverbindliche Tarifverträge. In der Regel landen 15 bis 25 Prozent des Bruttolohns in den Altersvorsorgetöpfen, der Arbeitgeber trägt etwa zwei Drittel davon, der Angestellte den Rest.

Anders als die AOW basieren die Betriebsrenten auf einer Kapitaldeckung: Die Beiträge werden von Pensionsfonds, Versicherungen oder sogenannten Premium-Pension-Institutionen (PPI) angelegt und verwaltet. 290 Pensionsfonds sind allein in den Niederlanden registriert, darunter mit dem ABP für Lehrer und staatliche Angestellte sowie dem Pensioenfonds Zorg en Welzijn (PFZW) für den Gesundheitssektor zwei der kapitalstärksten Pensionsfonds der Welt. Diese legen ihre Mittel durchaus offensiv an: So ist der PFZW, der allein 260 Milliarden Euro schwer ist, aktuell zu 38 Prozent in Aktien investiert und hält 6,7 Prozent des Vermögens in Private-Equity-Investments. 39,7 Prozent stecken in Anleihen.

Nach Daten der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA verwalteten die niederländischen Pensionseinrichtungen 2021 ein Gesamtvermögen von 1,6 Billionen Euro. Zum Vergleich: Europaweit liegt die Summe des verwalteten Kapitals sämtlicher Pensionsfonds und -kassen bei etwa 2,2 Billionen Euro. In Deutschland summierten sich die gesamten Deckungsmittel der betrieblichen Altersversorgung zuletzt auf 653 Milliarden Euro, davon rund 230 Milliarden in Pensionskassen und -fonds.

Dieses immense betriebliche Rentenvermögen führt dazu, dass die Zahlungen aus der betrieblichen Altersversorgung die Bezüge der niederländischen Rentner nahezu verdoppeln. Im Ergebnis kommen die Versicherten im Alter auf ein Versorgungsniveau, das durchschnittlich rund 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens entspricht, deutlich mehr als der OECD-Durchschnitt, der bei 63 Prozent liegt.

Allerdings steht auch das niederländische Rentensystem vor einigen Herausforderungen. Eine davon hängt mit einem grundsätzlichen Unterschied bei den Pensionszusagen zusammen. In den Niederlanden waren nämlich bis vor kurzem sogenannte Leistungszusagen üblich. Das bedeutet, dass die Pensionsfonds den Versicherten eine bestimmte Altersrente garantierten, berechnet allein nach dem Einkommen, und unabhängig davon, wie hoch die eingezahlten Beiträge oder der Anlageerfolg am Kapitalmarkt waren.

 Nun gingen die Turbulenzen an den Kapitalmärkten oder die Dauerniedrigzinsen der vergangenen Jahre auch an Pensionsfonds, Versicherern und PPI nicht vorbei. Viele mussten zuletzt Verluste vermelden, manche sogar die zugesagten Renten kürzen. Um das Anlagerisiko zumindest zum Teil auf die Versicherten zu übertragen, können die Anbieter nun auf beitragsorientierte Rentenzusagen umschwenken. Im Gegenzug müssen sie allerdings stärkere Restriktionen bei der Anlagepolitik in Kauf nehmen, was die Renditechancen weiter schmälert.

Ab 2023 sollen nur noch beitragsorientierte Rentenzusagen möglich sein. Damit will der Gesetzgeber das System schützen. Mittel- bis langfristig dürfte das bestehende hohe Versorgungsniveau im Alter so aber kaum zu halten sein.

Das Kakaopulver: Private Zusatzvorsorge auf freiwilliger Basis

Wer darüber hinaus vorsorgen will, kann wie in Deutschland private Rentenversicherungen abschließen oder Geld in andere kapitalgedeckte Anlageprodukte investieren. Durch die vergleichsweise hohen kombinierten Rentenzahlungen aus AOW und betrieblicher Altersversorgung kommt dieser privaten Vorsorge in den Niederlanden aber nur geringe Bedeutung zu. Die dritte Säule ist vor allem für diejenigen attraktiv, die keinen Zugang zu Betriebsrenten haben, etwa weil ihr Arbeitgeber diese nicht anbietet oder sie selbstständig tätig sind. Für das Gros der Bevölkerung ist die private Vorsorge nur der Kakao auf dem Cappuccino – durchaus lecker, aber im Zweifel verzichtbar. Dies könnte sich allerdings ändern, sollte die Rendite der zweiten Säule aufgrund der Niedrigzinsen und der Systemumstellung spürbar sinken.

Zu den gesellschaftlichen Vorteilen des Cappucchino-Modells zählt das hohe Grundsicherungsniveau. „Die Niederlande haben eine Grundrente, die diese Bezeichnung auch verdient“, sagt Johannes Geyer, Rentenexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Sie bietet einen effektiven Schutz gegen Armut im Alter.“ Zahlen der OECD belegen das: In den Niederlanden haben nur 3,1 Prozent der über 65-Jährigen ein Einkommen, das geringer ist als die Hälfte des mittleren Einkommens im Land. In Deutschland sind es 9,6 Prozent. Bei Einkommen unterhalb dieser Schwelle sieht die OECD ein Armutsrisiko.

Deutschland hält zudem bei der gesetzlichen Rente weiterhin am sogenannte Äquivalenzprinzip fest: Höhere Beiträge sollen auch zu höheren Renten führen. Die Niederlande setzen die Priorität stattdessen bei der Einkommenssicherung für alle. Gleichzeitig hat die kapitalmarktorientierte Anlage von Altersvorsorgevermögen bei unseren westlichen Nachbarn eine lange Tradition. Damit sind die Renten zwar stärker von Schwankungen am Kapitalmarkt abhängig – können aber auch stärker davon profitieren.

Komfortable Absicherung hat ihren Preis

Für die Niederländer hat die komfortable Alterssicherung allerdings auch ihren Preis: Addiert man die Beiträge von 17,9 Prozent für die gesetzliche und mindestens fünf Prozent für die betriebliche Rente, kommt unter dem Strich ein deutlich höherer Lohnabzug heraus als in Deutschland. Die Niederländer haben während des aktiven Berufslebens also eine größere Lücke zwischen Brutto und Netto. Dies schränkt die finanziellen Möglichkeiten zur privaten Vorsorge ein. Kein Wunder also, dass die Kakao-Säule unterentwickelt ist.

Und noch ein weiteres grundsätzliches Problem kann auch das Cappuccino-Modell nicht außer Kraft setzen: den demografischen Wandel. „Relativ gesehen nimmt die Zahl der jungen Beitragszahler kontinuierlich ab“, sagt Daan Schmitz, politischer Berater beim niederländischen Versicherungsverband. Das wirkt sich natürlich auch auf die gesetzliche Rente aus. Denn wo immer weniger Beitragszahler eine wachsende Zahl von Ruheständlern finanzieren müssen, gerät das bisherige System an seine Grenzen. Das ist in den Niederlanden nicht anders als hierzulande. „Renten werden sich in Zukunft stärker an der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung orientieren müssen“, erwartet Schmitz. Dann könnten sie in guten Zeiten schneller steigen – in schlechten allerdings auch sinken.

Text: Olaf Wittrock
Illustration: Laurindo Feliciano

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