BaFin-Vol­ler­he­bung

Gelun­gene Gene­ral­probe für Sol­vency II

Heute hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Ergebnisse der sogenannten Vollerhebung unter den deutschen Lebensversicherern vorgestellt. Nach Einschätzung von GDV-Präsident Dr. Alexander Erdland ist die Generalprobe für Solvency II insgesamt gelungen: „Die deutsche Lebensversicherungsbranche wird den Einstieg in das ab 2016 europaweit geltende Aufsichtsrecht bewältigen. Gleichzeitig wird deutlich, wie stark die Niedrigzinspolitik die Branche herausfordert. Die Lebensversicherer werden diese Herausforderung in der 16-jährigen Übergangsfrist bewältigen.“ Alle Antworten zu häufig gestellten Fragen zur BaFin-Vollerhebung in der Übersicht.

Was ist die BaFin-Vollerhebung und wie bewertet der GDV die Vollerhebung?

Die BaFin-Vollerhebung war ein gelungener Test für die deutschen Lebensversicherer. Sie hat gezeigt, dass die Lebensversicherer den Einstieg in eines der weltweit modernsten Aufsichtssysteme bewältigen werden. Die Übergangsmaßnahmen, die im europäischen Konsens für den Start von Solvency II verabschiedet wurden, erweisen sich als richtig. Sie tragen zu einer Stabilität der Ergebnisse bei, selbst bei einer weiteren Verschlechterung des Zinsniveaus. Die Ergebnisse zeigen andererseits, dass die Branche weitere Maßnahmen ergreifen muss, wenn die Niedrigzinsen andauern. Solvency II erfüllt damit seine Funktion als Frühwarnsystem.

In der Vollerhebung hat die BaFin bei den 87 deutschen Lebensversicherern abgefragt, wie sich die ab 1. Januar 2016 geltenden europäischen Aufsichtsregeln (Solvency II) voraussichtlich auf ihre Eigenmittelausstattung auswirken werden. Für diesen Test haben die Unternehmen das Solvency II-Regelwerk auf ihre Bilanzdaten vom 31. Dezember 2013 angewandt.

Die Eigenmittel bezeichnen die Finanzmittel, die Versicherungsunternehmen vorhalten müssen, um selbst in Extremsituationen – beispielsweise bei einem massiven Kurseinbruch am Aktien- oder Anleihemarkt – ihre Leistungsverpflichtungen erfüllen zu können. Die Bedeckungsquote entspricht dem Verhältnis von Eigenmitteln zu aufsichtsrechtlich notwendigem Solvenzkapital. Ausreichend ist eine Bedeckungsquote von mindestens 100 Prozent. Die Höhe des notwendigen Solvenzkapitals ergibt sich aus einem Berechnungsmodell, das Marktrisiken, versicherungstechnische Risiken und auch operationelle Risiken berücksichtigt (z.B. Verluste durch Kursschwankungen, große Schadenereignisse, menschliches Versagen).

Welche Handlungsoptionen haben Unternehmen, die laut BaFin-Vollerhebung die geforderte Solvenzkapitalquote nicht erfüllen?

Grundsätzlich müssen Unternehmen mit einer Bedeckungsquote unter 100 Prozent entweder ihre Eigenmittel aufstocken oder aber ihre Geschäfts- bzw. Kapitalanlagestrategie so gestalten, dass sie weniger Eigenmittel vorhalten müssen. Dies kann durch den Abbau von Risiken in der Bilanz geschehen, beispielsweise durch Verzicht auf Produkte mit höherer Schadenwahrscheinlichkeit oder die Wahl risikoärmerer Kapitalanlagen.

In der BaFin-Vollerhebung durften die Unternehmen „Übergangsmaßnahmen“ und eine „Volatilitätsanpassung“ nutzen. Was ist darunter zu verstehen?

Um dem sehr volatilen Niedrigzinsumfeld Rechnung zu tragen, hat der europäische Gesetzgeber bereits 2013 in der Solvency II-Richtlinie verschiedene Instrumente und Übergangsvorschriften verankert. Diese sind integraler Bestandteil von Solvency II. Die Unternehmen in der EU haben die Möglichkeit, die für ihr Geschäftsmodell angemessenen Instrumente zu wählen.

Für die deutschen Lebensversicherer mit ihren langlaufenden Garantieprodukten sind vor allem die Übergangsmaßnahmen relevant. Unter Solvency II müssen Versicherer ihre Kapitalanlagen und Verbindlichkeiten jeweils zu Marktzinsen bewerten. Um die erforderlichen Rückstellungen für bestehende sehr langfristige Verbindlichkeiten berechnen zu können, muss man nicht nur die heutigen Zinsen, sondern auch die künftigen abschätzen können. Dazu sieht Solvency II eine sog. Zinsstrukturkurve vor, die – ausgehend vom heutigen Zinsniveau – die künftigen Zinsen modelliert. Diese Zinskurve oder die geänderte Methodik zur Bewertung der Rückstellungen müssen die Versicherer jedoch nicht zwingend ab dem 1.1.2016 anwenden. Sie können sie innerhalb von 16 Jahren schrittweise einführen und die erforderlichen Eigenmittel sukzessiv aufbauen.

Zusätzlich sieht das Solvency II-Modell eine Volatilitätsanpassung vor. Im Verlauf der europäischen Schuldenkrise hat sich gezeigt, dass es in verschiedenen Ländern immer wieder starke Entwertungen und hohe Risikoaufschläge bei Anleihen gab. Kurzfristig gestörte Märkte würden über das Solvency II-Modell die Rückstellungen für langfristige Verpflichtungen stark schwanken lassen. Um diese kurzfristigen Schwankungen zu dämpfen, können die Versicherer eine von der europäischen Aufsichtsbehörde EIOPA angepasste Zinskurve anwenden.

An die gewählten Instrumente sind die Unternehmen gebunden – nur so ist gewährleistet, dass die ausgewiesene Bedeckungsquote unter Solvency II vergleichbar und ein zuverlässiger Indikator für die Entwicklung eines Unternehmens ist.

Laut Schätzung der BaFin benötigt die Branche bis zu 15 Mrd. Euro an zusätzlichen Eigenmitteln. Wie bewertet der GDV diese Zahl?

Die Schätzung der BaFin, dass die Branche 15 Mrd. Euro Eigenmittel aufbauen müsste, beruht auf drei theoretischen Annahmen: Erstens bezieht sich dieser Betrag auf den Zeitpunkt, zu dem die Übergangsmaßnahmen auslaufen (im Jahr 2032). Zweitens wird vorausgesetzt, dass das aktuelle Kapitalmarktumfeld unverändert fortbesteht. Drittens wird in der Ermittlung dieses Werts vorausgesetzt, die Unternehmen würden ihre Geschäftspolitik im gesamten Zeitverlauf nicht verändern.

Tatsächlich haben die Unternehmen aber bis 2032 Zeit (16-jährige Übergangsfrist ab 2016), um zusätzliche Eigenmittel aufzubauen. Alternativ können die Unternehmen in diesem Zeitraum jedoch auch ihre Geschäftsrisiken – und damit das notwendige Solvenzkapital – reduzieren.

Was bedeutet es für Kunden, wenn ein Lebensversicherer die Solvency II-Anforderungen nicht erfüllt?

Solvency II ist ein Frühwarnsystem: Es unterstellt einen Kapitalbedarf unter der Annahme dauerhaft niedriger Zinsen ohne jegliches Gegensteuern des Managements. Wird in Solvency II ein Kapitalbedarf ermittelt, ist die Erfüllung der Verpflichtungen nicht in Frage gestellt. Solvency II-Kapital wird über die Rückstellungen zur Erfüllung der Verpflichtungen hinaus als zusätzlicher Puffer für mögliche Risiken aufgebaut.

Die Vollerhebung war eine Generalprobe und sagt nichts über die aktuelle Leistungsfähigkeit der Unternehmen aus. Weisen einzelne Unternehmen unter den Solvency II-Anforderungen eine Bedeckungsquote von unter 100 Prozent aus, heißt das, dass sie Maßnahmen ergreifen müssen, um die höheren Anforderungen des ab 2016 geltenden Aufsichtsregimes zu erfüllen (siehe oben).

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