Zukunft der EU

GDV-Chef­volks­wirt: „Ein har­ter Bre­xit dürfte schwer zu ver­dauen sein”

Großbritanniens Premierministerin Theresa May hat keine Mehrheit für das Abkommen über den Austritt aus der EU gefunden. Damit ist ein ungeregelter, harter Brexit wahrscheinlicher denn je geworden, findet GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener. „Die Folgen für Konjunktur und Finanzmärkte wären eindeutig negativ, auch wenn die Effekte für die deutsche Versicherungswirtschaft eher gering sein dürften.”

Der Übergang Großbritanniens zu einem Drittstaat wäre mit zahlreichen Konsequenzen für den Finanzdienstleistungssektor verbunden, sagt der Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Klaus Wiener: „Zu den wichtigsten Punkten für die Versicherungswirtschaft gehört die Vertragssicherheit, ein möglichst ungehinderter Datentransfer sowie Regelungen für das bestehende Derivategeschäft. Erfreulich ist, dass sowohl für das Derivategeschäft als auch für die Vertragskontinuität von Seiten der Europäischen Kommission und der Bundesregierung entsprechende Vorkehrungen für einen ungeregelten Brexit bereits erfolgt sind.”


Aufgrund der langen Vorlaufzeit und der bereits erfolgten Vorkehrungen dürfte sich ein harter Brexit  zwar nicht als systemisches Risiko erweisen, meint Wiener. Natürlich gelte es aber auch für die Versicherungsbranche, sich zu wappnen: „Viele Versicherer könnten nicht nur direkt im grenzüberschreitenden Versicherungsgeschäft, sondern auch indirekt etwa in der Kapitalanlage betroffen sein.“

In einer arbeitsteiligen Welt würden Lieferketten zerschnitten und das Vertrauen der Menschen und der Unternehmen in die Zukunft Europas beschädigt. „Ein ungeregelter Brexit passt einfach nicht in eine Zeit, in der Europa sich zunehmend mehr im internationalen Wettbewerb befindet”, findet Wiener.


Unternehmen, die weiterhin Geschäft im Vereinigten Königreich betreiben wollen, hätten mittlerweile eine Tochtergesellschaft oder Drittstaatenniederlassung gegründet. „Und die Unternehmen, die das Geschäft in Großbritannien nicht fortführen, profitieren vom Temporary Permissions Regime, das die britische Regierung für den Fall eines harten Brexit angekündigt hat und das unilateral eine weitere Übergangsfrist gewährt.”

Mittelbare Effekte seien aber gleichwohl zu erwarten: „Ein harter Brexit, auch wenn er nicht so überraschend kommt für die Märkte, dürfte schwer zu verdauen sein.” Durch die Effekte an den Finanzmärkten könnten die Kapitalanlagen der Versicherer betroffen sein. Vor allem risikobehaftete Assets wie Aktien oder Unternehmensanleihen dürften unter Druck geraten, während Bundesanleihen verstärkt als sicherer Hafen angesehen werden könnten. „Das heißt, dass extreme Niedrigzinsumfeld würde noch länger andauern.”


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