Die schönste Ver­si­che­rungs­sa­che der Welt

Frohe Ostern - Bis zu 40 Mil­lio­nen Dol­lar für ein Ei

Die Schmuckstücke aus der Werkstatt des Peter Carl Fabergé erfreuten einst die Gattinnen russischer Zaren und machten ihn zum berühmtesten Juwelier seiner Zeit. Eine Spurensuche zum Osterfest bringt Erstaunliches zu Tage. Von Volker Kühn

Die Zeitungen in New York sprechen von einem Coup auf dem Kunstmarkt, Moskauer Gazetten von einem Akt patriotischer Größe: Am 4. Februar 2004 kauft der Oligarch Viktor Wechselberg der US-Verlegerfamilie Forbes eine einmalige Sammlung von Kunstschätzen ab, um sie heim nach Russland zu holen. Für 100 Millionen Dollar gehen 180 Schmuckstücke aus der Werkstatt des Goldschmieds Peter Carl Fabergé in den Besitz des Russen über. Darunter befinden sich einige der edelsten Zeugnisse der Juwelierskunst überhaupt: neun Fabergé-Eier, Geschenke der letzten beiden Zaren an ihre Gattinnen.

Jedes Jahr zu Karfreitag liefert Fabergé ein Ei an den Zaren

Zahlreiche Mythen ranken sich um diese Eier, die Fabergé Ende des 19. Jahrhunderts zum berühmtesten Juwelier seiner Zeit machen. Jedes Jahr an Karfreitag liefert der Nachfahr hugenottischer Einwanderer damals ein Ei an den Zaren. Schon das erste, das er 1885 Alexander III. überreicht, beweist Fabergés Kunstfertigkeit: Knapp sieben Zentimeter groß ähnelt es mit seiner Schale aus weißer Emaille einem Hühnerei. Wer es mithilfe eines filigranen Mechanismus öffnet, findet im Inneren einen goldenen Dotter von vier Zentimetern. Auch dieser lässt sich öffnen, darin liegt eine Henne aus Vierfarbgold mit Augen aus Rubinen. In ihrem Körper wiederum befand sich ursprünglich eine winzige Zarenkrone, an der zwei Rubin-Eier hingen. Doch sie ist verloren gegangen, wie so Vieles aus der Werkstatt Fabergés.

 

Zarin Maria Fjodorowna ist von diesem Ostergeschenk so verzückt, dass Fabergé fortan jedes Jahr ein Ei für den Kaiserhof herstellt, nach dem Tod Alexanders III. im Jahr 1894 sogar zwei – eins für die Kaiserinmutter und eins für Alexandra Fjodorowna, die aus Deutschland stammende Frau von Thronfolger Nikolaus II. Immer prachtvoller und raffinierter werden die Eier. Manche sind 30 Zentimeter groß und enthalten feinmechanische Spielzeuge wie das Lorbeerbaum-Ei von 1911, in dem sich ein singender Vogel befindet. Andere verblüffen durch ihre Detailtreue wie das Krönungs-Ei von 1897. Es enthält ein Modell der kaiserlichen Kutsche aus Gold, Platin und Juwelen; öffnet man ihre Tür, entfaltet sich eine winzige Treppe.

Bis zu 8000 Goldrubel erhält Fabergé pro Ei. Eine gewaltige Summe – eine Kuh etwa kostet damals um die 60 Goldrubel. Bald beschäftigt er 500 Angestellte in Sankt Petersburg und gründet Niederlassungen in Moskau, Odessa, Kiew und London. Aristokraten und Industrielle reißen sich um seine Zigarettenetuis, Uhren, Bonbonieren und Ringe. Doch mit der Oktoberrevolution 1917 endet Fabergés glanzvolles Dasein. Nicht mehr als ein Köfferchen trägt er bei sich, als er aus Russland flieht. Drei Jahre später stirbt er in der Schweiz.

Versicherer bewerten auch die historische Bedeutung des Kunstwerks

50 Eier hat er für die Zaren angefertigt – sie werden von den Bolschewiki konfisziert und zum Großteil verscherbelt, als die Revolution in Zahlungsnöte gerät. Gut 40 Eier sind heute in Museen zu sehen. Andere sind in privaten Sammlungen verschwunden oder verlorengegangen. Immer wieder tauchen angebliche Fabergé-Eier auf, die von Experten als Fälschung entlarvt werden. Zu diesen Fachleuten gehört Géza von Habsburg, Ururenkel des österreichischen Kaisers Franz Josef I. und seiner Frau Sissi. Der in New York lebende Kunstkenner hat zahlreiche Fabergé-Ausstellungen begleitet. Gegenüber GDV.DE erklärt der 75-Jährige, dass derzeit ein Ei für rund 40 Millionen Dollar privat zu Kauf angeboten werde. Die Versicherungssumme liegt nach Angaben von Habsburgs in ähnlicher Höhe.

 

Petra Eibel, Leiterin der Kunstabteilung der österreichischen Uniqa-Versicherung, bestätigt diese Einschätzung. „Bei der Festlegung der Versicherungssummen wird von Preisen, die auf Kunstauktionen oder am internationalen Kunstmarkt erzielt werden können, ausgegangen“, sagt die Expertin. Dieser Preis ist aber nicht das alleinige Merkmal, Versicherer bewerten unter anderem auch die kunsthistorische Bedeutung und die Herkunft des Kunstwerks. Der Markt für Kunst- und Ausstellungsversicherungen ist speziell und überschaubar, wuchs in der Vergangenheit dafür aber stetig. Nach vorläufigen Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) betrugen die Beitragseinnahmen im Jahr 2015 knapp 58 Mio. Euro.

Sollte sich ein Sammler finden, der die aufgerufenen 40 Millionen Dollar zahlt, hätte sich der Wert der Eier seit dem Kauf der Forbes-Sammlung durch Wechselberg 2004 noch einmal vervielfacht. Für den Oligarchen hat sich das Investment in jedem Fall gelohnt. Er lässt die Eier in seinem Museum in Sankt Petersburg ausstellen und wird von der Presse dafür als Patriot und Mäzen gefeiert. Die kritischen Fragen nach der Herkunft seines Reichtums in den undurchsichtigen Zeiten des Zusammenbruchs der Sowjetunion sind seither verstummt.

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