Demo­gra­fi­scher Wan­del

Ein­mal alt sein erle­ben

Gebrechlich, gelangweilt, auf dem Abstellgleis: Nach wie vor gibt es falsche Vorstellungen davon, was es heißt, in unserer Zeit alt zu werden. Eine Ausstellung im Berliner Kommunikationsmuseum will mit diesen Vorurteilen aufräumen. Sie vermittelt ein realistisches, zeitgemäßes Bild des Alterns. Und am Rande erfährt man auch noch, warum Bundespräsident Joachim Gauck eine neue Lebenslaufpolitik fordert.

Das Leben zieht an Danielle vorüber. In vier Minuten wird aus dem siebenjährigen Mädchen eine alte Frau. Dann ist der Film vorbei – und ein alter Herr, 73 Jahre, silberhaarig, tritt vor die Zuschauer. Er führt durch die Ausstellung „Dialog mit der Zeit“ im Berliner Museum für Kommunikation. Das Projekt wird als „Die Erlebnisausstellung“ beworben. Und tatsächlich kann der Besucher hier viel erleben: Wie es sich anfühlt, alt zu sein. Wie beschwerlich das Treppensteigen ist, wie kompliziert das Öffnen einer Tür mit zitternden Händen.


In der Ausstellung sollen die Besucher erleben, was es heißt, alt zu werden. Noch mehr als um die Erfahrung geht es aber um das Gespräch. Die Leute zum Reden zu bringen – das ist das Ziel der Ausstellungsmacher um Andreas Heinecke, der als Erfinder des „Dialog im Dunkeln“ und Social Entrepreneur bekannt wurde.

Mehr Hoffnung und Optimismus

„Früher lebten Kinder, Eltern, Groß- und Urgroßeltern unter einem Dach“, sagt Heinecke. Heute wohnen die Kinder in Berlin und die Großeltern verstreut in der ganzen Republik. „Kinder aber auch Erwachsene haben darum oft keine Erfahrung mit dem Altern. Diesen Verlust versuchen wir mit der Ausstellung ein wenig zu kompensieren.“

Alle Besucher werden deshalb von so genannten Senior Guides durch die Ausstellung begleitet, die wenigstens siebzig Jahre alt sind. „Als Experten in eigener Sache können sie wunderbar vermitteln, was Altern bedeutet“, so Heinecke. Denn obwohl man überall höre und lese, dass längeres Leben Last und Lust mit sich bringt, hätten die Menschen oft immer noch ein sehr negatives Bild vom Altern. „Wir wollen zeigen, dass es Grund für Hoffnung und Optimismus gibt“, so Heinecke.

Tatsächlich ist die Lebensqualität im Alter heute viel größer als in früheren Jahrzehnten – und auch viel besser, als die meisten jüngeren Menschen glauben. Das zeigen beispielsweise die Ergebnisse der Berliner Altersstudie , die über mehrere Jahre das Leben von 516 alten Menschen begleitet hat: Alte Menschen sind heute viel gesünder und aktiver als früher.

Weniger Fitness, dafür mehr Zeit, Gelassenheit und Erfahrung

Auch wenn im Alter vieles ein wenig schwerer wird, führen die meisten ein selbstbestimmtes Leben. Und was sie an körperliche Fitness einbüßen, das gewinnen sie oft an Zeit, Gelassenheit und Erfahrung. „Aber wir wollen kein Bild wie in der Werbung zeigen“, sagt Heinecke. Rentner auf dem Kreuzfahrtschiff oder am Strand sucht man in der Ausstellung vergeblich. Stattdessen werden Geschichten erzählt. Zum Beispiel von der 82-jährigen, die im Alter einen neuen Partner gefunden hat. Online. Vom ehemaligen Bankangestellten, der in der Rente als Lesepate endlich Spaß an der Arbeit gefunden hat. Oder von Karl, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, andere Leute glücklich zu machen, obwohl – oder vielleicht auch: weil – er mit seiner Arthrose an den Rollstuhl gefesselt ist.

„Diese Geschichten sind alle wahr“, sagt Heinecke. Und sie werfen einen anderen Blick auf das Alter. Genauso wie die Gespräche mit den anderen Besuchern und den Führern – und die in der Ausstellung vermittelten Fakten. Dass beispielsweise fast zwei Drittel der hochaltrigen Menschen nicht pflegebedürftig sind, überrascht viele Besucher sichtlich.

Die Zeit sinnvoll nutzen

Wir werden heute anders alt. Aber die Gesellschaft hat sich an dieses neue Alter noch nicht gewöhnt. Das war auch das Thema der Rede von Bundespräsident Joachim Gauck zur Eröffnung der Ausstellung. „Eine der wichtigsten Botschaften des demographischen Wandels heißt doch: Wir gewinnen Lebenszeit“, so Gauck. Diese Zeit sinnvoll zu nutzen und zu verteilen, darum gehe es. Lebenslanges Lernen, ein flexiblerer Rentenbeginn, die Erfahrung älterer Menschen in Unternehmen, Vereinen und Familien zu nutzen – darum geht es Gauck, der deshalb nicht weniger als eine „Lebenslaufpolitik“ fordert.

Eine Hürde für den von Gauck geforderten Mentalitätswandel ist allerdings noch oft die Sprache. Beispielsweise das Wort „Ruhestand“. Solche Bilder „von Pantoffeln und verdienter Ruhe“ – findet Gauck – funktionierten nicht mehr in einer Gesellschaft, in der es nicht mehr um die „letzten Jahre“, sondern um Jahrzehnte geht, in denen die Menschen aktiv und selbstbestimmt leben würden.

Mit dem „Dialog der Zeit“ wollen Heinecke und sein Team darum einen Impuls geben. Der eigentliche Dialog beginnt, das weiß Heinecke, aber erst nach der Ausstellung. Darum werden übrigens die Senior Guides nach dem Ende der Ausstellung ihre Arbeit nicht einstellen. Das rüstige Ü70-Team wird sich selbständig machen und mit dem Thema Alter an die Schulen gehen. Damit Kinder frühzeitig lernen, was es heute heißt, alt zu werden.

Text: Dennis Schmidt-Bordemann

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