Schutz vor Strom­aus­fall

Die Schreck­se­kunde

Wenn es hart auf hart kommt, dann gehen in einigen Gemeinden Belgiens in diesem Winter die Lichter aus. Das Innenministerium des Landes hat vor wenigen Wochen einen Notfallplan vorgestellt, der im Ernstfall die stundenweise Abschaltung des Stroms in einigen ländlichen Gebieten vorsieht. Damit will die Regierung einen landesweiten Blackout verhindern.

Grund für die Vorkehrungen sind erhebliche Ausfälle in der nationalen Stromproduktion. Derzeit sind drei Atomreaktorblöcke außer Betrieb. Damit fehlen dem Land 3000 von ursprünglich 5700 Megawatt Produktionskapazität aus Atomkraft. Ein tiefer Einschnitt, immerhin deckt Belgien mehr als die Hälfte seines Strombedarfs mit Atomkraft.

Die Vorsicht der belgischen Regierung unterstreicht, wie wichtig eine intakte Stromversorgung für eine Volkswirtschaft ist. Besser ein paar Gemeinden kontrolliert vom Netz nehmen, als eine Kettenreaktion mit einem landesweiten Ausfall zu riskieren. Die Folge wäre Chaos: Ampeln würden ausfallen, Flugzeuge dürften nicht abheben und Züge blieben im Bahnhof. Fließbänder stünden ebenfalls still, die Kommunikation bräche zusammen und selbst die Trinkwasserversorgung wäre auf Dauer nicht gesichert.

Ein Blackout ist selten – kurze Stromausfälle nicht

Ein solcher Blackout – eine großflächige, über mehrere Minuten, Stunden oder gar Tage andauernde Störung – beschreibt die extremste Form eines Stromausfalls und ist glücklicherweise sehr selten. Viel wahrscheinlicher sind kurzzeitige, regional begrenzte Störungen. Für eine Volkswirtschaft sind sie nicht gefährlich, der private Endverbraucher spürt meist ohnehin nichts davon. Für die Unternehmen bedeuten solche Störungen aber durchaus ein hohes Risiko.

Denn viele Industrieanlagen schalten sich automatisch ab, sobald die Stromzufuhr für wenige Zehntelsekunden unterbrochen ist. Bei voll automatisierten Produktionsprozessen können die Folgen gravierend sein: Wenn etwa durch einen Stromausfall bei einer Papiermaschine der Film aus Wasser und Zellstoff reißt, muss sie komplett heruntergefahren werden und kann erst nach der Entfernung des Ausschusses wieder in Betrieb gehen. Zwar kann die elektronische Mess- und Steuerungstechnik kurze Spannungsschwankungen und Unterbrechungen auffangen, Industrieanlagen bleiben aber anfällig für Stromausfälle.

Auch hierzulande kommt es immer wieder zu Aussetzern. Zwar liegt Deutschland nach Zahlen der Bundesnetzagentur bei der Versorgungssicherheit im europäischen Vergleich an der Spitze. Während beispielsweise 2010 die Stromversorgung für durchschnittlich 14,9 Minuten unterbrochen war, lag der Wert in Finnland bei 193 Minuten. Selbst in Großbritannien oder Frankreich dauerten die Unterbrechungen mit 70 beziehungsweise 62,9 Minuten mehr als viermal so lange wie in Deutschland.

 

Kurze Fehlzeiten

Länge der durchschnittlichen Versorungsunterbrechung je Stromverbraucher in Deutschland;
in Minuten pro Jahr

16,8914,6314,915,3115,91
20082009201020112012

Quelle: Bundesnetzagentur

 

Industrie sorgt sich um Versorgungssicherheit

Die Industrieunternehmen nehmen das Risiko inzwischen jedoch anders wahr. „Die Versorgungssicherheit wird zunehmend kritisch gesehen“, sagt Dirk Pollert, Vize-Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie in Bayern. Bei einer aktuellen Umfrage seines Verbandes meldeten neun Prozent der befragten Unternehmen bereits erste Stromausfälle. Schon 2012 hatte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag vor einer Zunahme der Störungen gewarnt – gestützt auf Zahlen des Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK). Demnach kommt es 14-mal häufiger zu Ausfällen als von der Bundesnetzagentur dokumentiert. Denn sie erfasst nur Störungen, die länger als drei Minuten dauern. Fast drei Viertel der Fälle seien aber Kurzunterbrechungen von unter einer Sekunde, so der VIK.

Vom Netzbetreiber können Industrieunternehmen, deren Produktion durch einen Stromausfall unterbrochen wird, in der Regel keine Entschädigung erwarten. Er ist nur zum Ersatz von Sachschäden verpflichtet, die er fahrlässig verursacht hat. „Das setzt voraus, dass er für den Ausfall verantwortlich gemacht werden kann, weil er beispielsweise die Leitungen nicht gewartet hat“, sagt Andreas Hahn, Referent Versicherungstechnik Sach- und Technische Versicherung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Reine Vermögensschäden, also ein durch die Unterbrechung entstandener finanzieller Mehraufwand, seien sogar nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit des Netzbetreibers durch diesen ersatzpflichtig. Bei höherer Gewalt, wenn etwa ein Unwetter die Stromversorgung unterbricht, gibt es generell keine Entschädigung vom Netzbetreiber.

Versicherungen bieten Schutz

Die Unternehmen müssen sich selbst absichern. Für Betreiber von großen Kühlhäusern oder Lebensmittelproduzenten gibt es beispielsweise spezielle Kühlgutversicherungen. Sie ersetzen den Wert der Ware, die wegen eines Ausfalls der Kühlung verdirbt. Für Industrieunternehmen kann der Schutz Bestandteil einer sachschadenfreien Betriebsunterbrechungsversicherung sein. Diese Produkte sind relativ neu, erste Angebote kamen nach dem heftigen Vulkanausbruch 2010 in Island auf den Markt. Die Aschewolke hatte seinerzeit den Flugverkehr in weiten Teilen Europas für mehrere Tage stark beeinträchtigt. Daraufhin mussten einige Unternehmen ihre Produktion drosseln, weil ihre Lieferanten sie nicht mehr versorgen konnten. Damals wuchs der Wunsch nach einer Police, die das Risiko einer durch externe Ereignisse ausgelösten Betriebsunterbrechung abdeckt. Denn die klassische Betriebsunterbrechungsversicherung leistet nur, wenn die Störung beispielsweise durch ein Feuer in der Fabrik oder beim Zulieferer ausgelöst wurde.

Damit ein Versicherer das Risiko einer Lieferkettenunterbrechung richtig kalkulieren kann, müssen Unternehmen ihre Lieferkette über mehrere Stufen hinweg dokumentieren – eine schwierige Aufgabe. „Schon alle Zulieferer zu benennen, ist sehr aufwendig“, sagt Hahn. Mit der Erfassung sämtlicher Vorlieferanten und einer Einschätzung über deren Ausfallrisiken werde die Sache noch komplizierter. Der große Aufwand ist nach Hahns Einschätzung auch ein Grund dafür, warum sich Industrieunternehmen bei den Policen noch zurückhalten.

Den Firmen in den von der Stromabschaltung bedrohten Gebieten Belgiens würde eine solche Police ohnehin nicht helfen. „Die Versicherungen decken nur unvorhersehbare Stromausfälle ab“, sagt Hahn. Ein geplantes und vorher angekündigtes Abschalten zählt nicht dazu. So können die Belgier nur hoffen, dass dieser Winter ähnlich mild ausfällt wie der letzte.

Text: Karsten Röbisch

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