Welt­han­del

China öff­net sich für aus­län­di­sche Lebens­ver­si­che­rer

Während der Handelsstreit mit den USA eskaliert, geht China auf Europa zu. Doch auch bei den deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen in der kommenden Woche wird es um freien Marktzugang gehen. Peking ist dem Westen zuletzt etwas entgegengekommen. Davon profitieren auch Versicherer. Von Karsten Röbisch

Als Angela Merkel Ende Mai zu Besuch in Peking weilte, erhielt sie von der chinesischen Regierung ein Begrüßungsgeschenk. Kurz vor ihrer Ankunft kündigte das Finanzministerium an, die Einfuhrzölle auf Importautos von 25 auf 15 Prozent zu senken. Davon profitieren gerade auch Deutschlands Autohersteller.  

Schon nächste Woche sehen sich die Beteiligten wieder, zu den deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen in Berlin. Dann dürfte der Abbau von Handelsbeschränkungen erneut ein Thema sein. Deutschland drängt wie andere Industriestaaten auf eine raschere Öffnung des chinesischen Marktes. Denn viele westliche Konzerne fühlen sich benachteiligt. Bei einer kürzlich vorgelegten Studie der Europäischen Handelskammer in Peking gaben 62 Prozent der befragten Unternehmen an, sie hätten das Gefühl, dass chinesische Firmen in Europa besser behandelt würden als dies umgekehrt der Fall sei.

China öffnet seinen Markt für Lebensversicherer

Peking hat zuletzt auf den Druck reagiert und – auch vor dem Hintergrund des schwelenden Handelsstreits mit den USA – Erleichterungen in Aussicht gestellt. So kündigte Staats- und Parteichef Xi Jinping im April eine Öffnung des Finanzsektors an. Damit können nun ausländische Lebensversicherer bis zu 51 Prozent der Anteile an Joint-Ventures mit chinesischen Partnern erwerben, bislang lag die Grenze bei 50 Prozent. Innerhalb von drei Jahren soll die Kapitalbeschränkung komplett wegfallen.

Die Reform gibt ausländischen Versicherern künftig mehr Freiheiten, ihr China-Geschäft zu organisieren. Joint Ventures bieten zwar durchaus Vorteile, sei es, weil der lokale Partner über gute Kontakte oder etablierte Vertriebsstrukturen verfügt. Entscheidungen müssen aber stets abgestimmt werden, was Konfliktpotenzial birgt und die Entfaltungsmöglichkeiten einschränkt. Die Anhebung der Beteiligungsgrenze könne helfen, interne Konkurrenz zu minimieren“, urteilt Wang Guojun, Professor an der University of International Business und Wirtschaft in Peking.

Deutsche Anbieter begrüßen Marktöffnung

Deutsche Versicherer bewerten die Ankündigung Pekings denn auch positiv. „Wir begrüßen die Liberalisierungsschritte“; sagt ein Sprecher der Allianz. Der Konzern betreibt seit 1999 mit dem Finanzdienstleister Citic Trust ein Gemeinschaftsunternehmen für Lebensversicherungen. Daran hält die Allianz – dank Sonderstatus – bereits 51 Prozent, strebt aber eine Aufstockung an. Auch Konkurrent Ergo, der seit 2013 Lebenspolicen in China verkauft, sieht in der Kappung der Beteiligungsgrenze ein gutes Signal. „Diese Aufhebung ist begrüßenswert“, erklärt Alexander Ankel, Vorstandsvorsitzender von Ergo International. Allerdings fehlten bisher konkrete gesetzliche oder aufsichtsrechtliche Regelungen. Die gelte es zunächst noch abzuwarten, so Ankel.

China ist spät dran mit der Öffnung seines Finanzmarktes. Nach jahrezehntelanger  Abschottung ist die Dominanz der lokalen Anbieter zementiert. Ausländische Versicherer kommen mit ihren Joint-Ventures auf einen Marktanteil von lediglich knapp sechs Prozent im Lebensversicherungsgeschäft, bei Sachversicherungen spielen sie so gut wie keine Rolle. Zum Vergleich: In Deutschland vereinen ausländische Anbieter – inklusive ihrer deutschen Töchter – rund ein Viertel des Marktvolumens auf sich.

Zweistellige Wachstumsraten pro Jahr

Doch während der hiesige Markt weitgehend gesättigt ist, verspricht der chinesische noch erhebliches Potenzial – und ist damit selbst für Neulinge und kleinere Anbieter interessant. Vor allem bei der privaten Altersvorsorge ist der Bedarf groß. China steckt mitten im demografischen Wandel, nach jahrzehntelanger Ein-Kind-Politik altert die Bevölkerung rasant. Kapitalgedeckte Systeme sind daher ein wichtiger Baustein der Altersvorsorge, die insbesondere von der wachsenden Mittelschicht in den Städten genutzt werden.

Auch deshalb ist der chinesische Versicherungsmarkt in der Vergangenheit stark gewachsen. Im Vorjahr kletterte das Prämienvolumen um 18 Prozent auf 3,7 Billionen Yuan (rund 470 Milliarden Euro). Gut 70 Prozent oder umgerechnet 333 Milliarden Euro entfallen auf das Geschäft mit Lebensversicherungen. Bis 2023, so eine Schätzung von Swiss Re, wird das Prämienaufkommen in dem Segment auf mehr als 500 Milliarden Euro steigen.

In Asien entstehen neue Trends

Entsprechend groß sind die Hoffnungen ausländischer Anbieter. „Derzeit rechnen wir damit, unser Geschäft bis 2023 jährlich um mehr als 40 Prozent zu steigern“, sagt Ergo-Vorstand Ankel. Gerade deutsche Versicherer können mit ihrer langjährigen Expertise in der Produktgestaltung und den Kundenerfahrungen punkten.

Doch in China nur einen Absatzmarkt zu sehen, wäre falsch. Europäische Anbieter können dort viel lernen. Chinas Wirtschaft entwickelt sich rasant und überspringt dabei – nicht untypisch für ein Schwellenland – einige Entwicklungsstufen. Ein wichtiger Treiber ist die Digitalisierung, die auch den Versicherungsvertrieb umkrempelt. Technologiefirmen wie Baidu, Alibaba oder Tencent verkaufen bereits Policen über ihre Plattformen, so auch den Messanger-Dienst Wechat – dem chinesischen Pendant zu WhatsApp.

Dies zeigt: Viele Trends entstehen in Asien. Wer sich dort etabliert und Erfahrungen sammelt, kann diese möglicherweise auch auf dem Heimatmarkt nutzen. Das erklärt vielleicht auch das Interesse der Allianz an einer Partnerschaft mit dem chinesischen Onlinehändler JD.com. Die Münchener warten noch auf grünes Licht der Pekinger Behörden. Vielleicht hat das Warten schon zu den Gesprächen nächste Woche in Berlin ein Ende. Es wäre ein willkommenes Gastgeschenk.

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