GDV-Kon­fe­renz zur Ver­si­che­rungs­re­gu­lie­rung 2018

Auf­se­her stel­len Regel­werk auf den Prüf­stand

Europäische und nationale Aufsicht wollen die seit der Finanzkrise erlassenen Vorgaben überprüfen und – wo es ihnen sinnvoll erscheint – vereinfachen. Gleichzeitig tut sich mit dem EU-Aktionsplan für nachhaltige Investments eine neue Baustelle für die Assekuranz auf.

Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa hat Erleichterungen bei den umfangreichen Dokumentations- und Berichtspflichten der Versicherer in Aussicht gestellt. „Wir müssen uns fragen, ob die Regeln den Verbrauchern wirklich nützen oder nicht eher eine Last für sie sind“, sagte Behörden-Chef Gabriel Bernardino am Donnerstag auf der Konferenz des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin. Verteilt über mehrere Regelwerke gebe einen „Flickenteppich“ an Vorgaben. Sein Anliegen sei es, die Regeln „schlanker, konsistenter und kundenfreundlicher“ zu machen. 

Erleichterungen signalisierte auch Frank Grund, Exekutivdirektor für Versicherungen bei der deutschen Finanzaufsicht BaFin. Er kündigte an, kleinere Versicherer von einigen Vorgaben des Aufsichtsregime Solvency II zu befreien. „Das Thema Proportionalität sollte man angehen. Das Ob und nicht das Wie ist eine Frage, die zu diskutieren wäre“, sagte er. 

Assekuranz ächzt unter Vielzahl an Vorgaben 

Bei den Versicherern stoßen solche Ankündigungen auf offene Ohren. Zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise, der eine Flut an regulatorischen Initiativen folgte, fühlt sich die Assekuranz zunehmend von Regeln erdrückt. „Solvency II hat sich mit der Zeit zu einem äußerst komplexen und detaillierten Regelwerk entwickelt“, sagte GDV-Präsident Wolfgang Weiler. Ihm gehe es nicht darum, einer Phase der De-Regulierung das Wort zu reden, sondern um effiziente und konsistente Regeln sowie um einfache Abläufe. 

Davon hänge letztlich auch die Innovationskraft der Unternehmen ab, wie Immo Querner, Mitglied im Vorstand der Talanx AG, betonte. „Es ist unsinnig, sich mit sinnvollen Innovationen zu beschäftigen, wenn der Regulierungsrahmen zu häufig über den Haufen geworfen wird.“ 

Neues Regulierungsvorhaben: Grüner Finanzmarkt

Dass sich der Regulierungseifer der vergangenen zehn Jahre in dem Tempo in Zukunft fortsetzen wird, schloss Martin Merlin, Direktor der EU-Kommission, immerhin aus. Es sei aber eine Illusion zu glauben, überhaupt nicht mehr behelligt zu werden. „In einer sich immer schneller verändernden Wirtschaft müssen auch die Regelwerke regelmäßig aktualisiert werden“, betonte Merlin. Gleichzeitig müsse die Politik neu auftretende Risiken und Trends berücksichtigen. 

Ein neues Vorhaben der EU-Kommission ist beispielsweise der Aktionsplan zur Förderung nachhaltiger Investments, mit dem sie das Finanzsystem ökologischer ausrichten möchte. Das Kalkül: Nur wenn Investoren auf grüne Kapitalanlagen getrimmt werden, wird auch die gesamte Wirtschaft Klimarisiken stärker berücksichtigen. Der Plan der EU-Kommission umfasst unter anderem ein einheitliches Klassifizierungssystem für nachhaltige Kapitalanlagen, standardisierte Produkte und erhöhte Transparenzanforderungen. 

Bundesregierung gegen Bevorzugung grüner Kapitalanlagen

Die Bundesregierung unterstützt die EU-Pläne. Grüne Anlagen dürften aber nicht durch regulatorische Anreize bevorzugt werden, betonte Finanzstaatssekretär Jörg Kukies. „Wenn darunter eine pauschale Reduzierung der Kapitalunterlegung gemeint ist, scheint uns Vorsicht geboten.“ Grüne Investitionen seien nicht per se risikoärmer. Vielmehr komme es darauf, dass die Unternehmen ihre Risiken beherrschten. 

Auch die Eiopa begrüßt das Vorhaben der EU-Kommission, eine einheitliche Definition für nachhaltige Kapitalanlagen zu entwickeln. Eiopa-Chef Bernardino sieht aber auch Gefahren: „Die große Frage ist: Wie gehen wir mit den Kriterien um?“ In einer Welt, die nur noch zwischen grünen und braunen – zwischen vermeintlich guten und schlechten – Investments unterscheidet, bestehe die Gefahr von Verwerfungen. „Wenn braune Anlagen plötzlich verdammt werden, dann ist das ein Risiko für die Finanzstabilität“, so Bernardino. Der Weg hin zu einem grünen Finanzmarkt müsse daher schrittweise erfolgen, mahnte der Portugiese. 

Versicherer sollen als Risikoträger die ökologische Wende mitgestalten 

BaFin-Exekutivdirektor Grund sieht die Versicherer bei der Gestaltung der ökologischen Wende ohnehin stärker in ihrer Rolle als Risikoträger in der Verantwortung, und weniger als Kapitalanleger. Die Branche könne Anreize setzen, damit Unternehmen nachhaltiger wirtschaften. „Sie wissen sehr viel über Risiken und wie man sie bepreist. Der ökologische Wandel selbst muss von der Industrie kommen“, so Grund. 

Gerhard Schick, Finanzexperte der Grünen, hält die Beachtung von ökologischen Aspekten aber auch bei der Kapitalanlage für unerlässlich. „Bei langfristigen Sachen wie der privaten Altersvorsoge sollte man auch Klimarisiken beachten, weil Dinge aufpoppen können, die das Geschäftsmodell infrage stellen.“ Rentabilität und Nachhaltigkeit seien zwei Seiten einer Medaille.

von Karsten Röbisch

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