Scha­den­ver­hü­tung

Auf­klä­rung aus der Luft

Versicherer nutzen vermehrt Drohnen in ihrer täglichen Arbeit – bislang aber hauptsächlich zur Schadenermittlung. Doch warum erst abheben, wenn der Schaden schon da ist?

Eine Drohne über dem Berliner Fernsehturm? An diesem Tag Mitte November richten sich die Blicke vieler Passanten nicht nur auf das 368 Meter hohe Gebäude im Herzen der Hauptstadt. Begleitet von leisem Brummen fliegt der kleine Hexakopter das Wahrzeichen entlang. Mit den rund 4.500 Bildern, die die Kamera der Drohne dabei schießt, soll später ein genaues 3D-Modell entstehen. Die Betreibergesellschaft Deutsche Funkturm erhofft sich dadurch Erkenntnisse über Bausubstanz und Zustand der rund 200 Antennen des Turmes.

Auch die Versicherungswirtschaft hat die Möglichkeiten der fliegenden Helfer längst erkannt – und setzt Drohnen bereits vielfältig ein, etwa in der Schadenbearbeitung. „Sachverständige und Brandermittler nutzen Drohnen beispielsweise zur Ermittlung der Brandursache sowie zur Feststellung der geschädigten Bereiche“, erläutert Leo Ronken, Risiko-Spezialist beim Rückversicherer Gen Re und Mitglied in der Kommission Sach-Schadenverhütung des GDV.

Drohnen spüren mit Kameras und Sensoren Schwachstellen auf

Doch warum erst starten, wenn der Schaden schon entstanden ist: Auch und gerade in der Schadenverhütung sehen die Versicherer Drohnen als zukunftsträchtiges Hilfsmittel. Wie ist es um die Standsicherheit der Schornsteine bestellt? Gibt es Korrosion am Turm der Offshore-Windenergieanlage? Arbeiten alle Module der Photovoltaikanlage einwandfrei? Weist die Gaspipeline vielleicht Risse auf? Bestückt mit hochmodernen Kameras und Sensoren spüren Drohnen mögliche Schwachstellen auf – selbst dort, wo Industriekletterer trotz allen Wagemuts nicht hingelangen. Und sind dabei genauer und kostengünstiger.

Trotz technischer Hochrüstung: Auf Profis werden weder die Betreiber von Industrieanlagen noch Versicherer verzichten können. Das beginnt bereits beim Steuern der Fluggeräte. So bietet die GDV-Tochter VdS Lehrgänge an, in denen sich zum Beispiel Risikoprüfer von Versicherern zu Drohnen-Operatoren fortbilden. Neben Theorie in Flugrecht, Navigation und Wetterkunde lernen die angehenden Piloten auch, wie man einen Multikopter sicher startet, landet und in schwer zugänglichen Bereichen manövriert – oder sie so programmiert, dass sie ihre Arbeit teilautonom erledigen.

Und auch das Auswerten der eingesammelten Daten erledigen Fachleute. Anhand hochauflösender Fotos oder Aufnahmen von Wärmebildkameras analysieren und bewerten sie die Risiken an Anlagen oder Bauwerken zuverlässig, ohne dass sie selbst dort gewesen sein müssen.

Genehmigungen für Drohneneinsatz sind schwer zu bekommen

Drohnen bieten in der Schadenverhütung also viele Vorteile. Dennoch werden sie derzeit noch überwiegend in der Schadenbekämpfung und -ermittlung eingesetzt. Das liegt zum einen daran, dass die Versicherungsnehmer einem Drohneneinsatz auf ihrem Firmengelände und an ihren Anlagen zustimmen müssen. Und dazu – so die Erfahrung von Risiko-Experte Ronken – seien Unternehmen sehr viel eher nach einem entstandenen Schaden bereit als vor dem Abschluss einer Police.

Das größte Hindernis sei aber die komplizierte rechtliche Lage und die überbordende Bürokratie, so Ronken. „Die Genehmigungssituation für einen Drohneneinsatz ist schwierig.“ Wo dürfen Drohnen fliegen, wie hoch dürfen sie fliegen, welchen Abstand zu Gebäuden müssen sie einhalten? Und wo sind sie ein totales No-Go? In all diesen Fragen sei Deutschland im internationalen Vergleich sehr restriktiv, stellt der Experte fest. Genehmigungsprozesse sind langwierig und dadurch auch verhältnismäßig teuer.

Abhilfe verspricht europaweite Harmonisierung der Drohnengesetze

Wenig tröstlich, dass dies nicht nur die Arbeit der Versicherer beeinflusst. Sechs Wochen lang, so lassen sich die Verantwortlichen bei der Deutschen Funkturm zitieren, habe es gedauert, bis sie alle Genehmigungen für die Vermessung des Fernsehturms beisammen hatten. Selbst vor dem Hintergrund, dass der Turm mitten in der Stadt mit viel Verkehr und vielen Menschen sowie in einem Flugbeschränkungsgebiet und einer -kontrollzone liegt, wird deutlich, wie aufwendig die Bürokratie ist.

Abhilfe verspricht unterdessen die europaweite Harmonisierung der Drohnengesetze. Bauweise und Gewicht, Einsatzbereich und Sicherheitsrisiko bilden von Mitte 2020 an die Grundlage, um die Multikopter in drei unterschiedliche Kategorien einordnen zu können. Eine einmal erteilte Genehmigung würde danach in allen EU-Staaten gelten – bislang benötigt man für jedes Bundesland eine eigene Betriebserlaubnis.


Text: Simon Frost

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