Ehren­amt

25 Pro­zent der Flücht­lings­hel­fer sind über 60 Jahre

Senioren sind mit ihrem Wissen und Engagement für die Gesellschaft sehr wertvoll. Das zeigt sich aktuell in der Flüchtlingskrise. Ohne den Einsatz älterer Menschen wäre die Betreuung der Schutzsuchenden in Deutschland nicht zu stemmen wäre. Von Sascha Tegtmeier und Karsten Röbisch

Die Betreuung der Hunderttausenden Flüchtlinge wäre ohne das Engagement älterer Freiwilliger inzwischen kaum noch zu leisten. „Seniorinnen und Senioren haben sich zu einem tragenden Pfeiler der Flüchtlingshilfe in Deutschland entwickelt“, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisation (Bagso), Ursula Lehr, im Gespräch mit der Initiative „7 Jahre länger“. Angesichts der vielen Schutzsuchenden böten immer mehr Rentner ihre Unterstützung an.

Damit wächst zugleich ihr Anteil unter den ehrenamtlichen Helfern. „Ich bin überzeugt, es sind mittlerweile sogar weitaus mehr als 25 Prozent der Flüchtlingshelfer, die 60 Jahre oder älter sind“, sagt Lehr. Eine im April 2015 vorgelegte Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) hatte den Anteil der über 60-Jährigen in der Flüchtlingshilfe mit rund einem Viertel beziffert. Die Zahlen beruhen auf einer Umfrage von Ende 2014. Das BIM erhebt aktuell neue Zahlen und will diese in Kürze vorlegen.

Senioren tragen teilweise schon die Hauptlast

Bei einigen Aufgaben tragen Senioren schon heute den Großteil der Last. Etwa bei der Übernahme von Deutschkursen, die das Berliner Willkommensbündnis für Flüchtlinge in Steglitz-Zehlendorf organisiert. Nach Angaben des Sprechers Günther Schulze sind rund 70 Prozent der beim Willkommensbündnis registrierten freiwilligen Deutschlehrer Senioren. „Und jeder zweite Helfer, der bei uns Patenschaften übernehmen beziehungsweise Flüchtlingsfamilien betreuen möchte, ist über 60 Jahre alt“, so Schulze.

Für Bagso-Vertreterin Lehr kommt die große Hilfsbereitschaft Älterer nicht überraschend. Sie seien zeitlich flexibler als Berufstätige und hätten oft eine hohe Sensibilität für das Thema Flucht und Vertreibung. „Viele der Menschen über 75 Jahre haben selbst ein Flüchtlingsschicksal in ihrer Jugend erlebt. Deshalb ist wohl das Mitgefühl und auch das Verständnis dieser Altersgruppe für die Flüchtlinge besonders hoch“, sagt die ehemalige Bundesfamilienministerin.

Ältere organisieren Hilfe vor Ort

Auch Gabriella Hinn, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros, beobachtet eine wachsende Hilfsbereitschaft. „Das Engagement älterer Menschen ist sehr hoch.“ Es seien gerade die vielen selbstorganisierten Initiativen vor Ort, welche die Flüchtlingsarbeit für die Älteren so interessant machen. „Sie wollen einfach anpacken und Gutes tun und sich nicht von einer Hilfsorganisation vereinnahmen lassen.“

So gingen viele Initiativen von den Älteren selbst aus. Dabei bringen sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen auf vielfältige Weise ein. „Sie begleiten Flüchtlinge bei Behördengängen, geben Sprachunterricht oder übernehmen die Kinderbetreuung“, nennt Hinn ein paar Beispiele aus den bundesweit rund 360 Seniorenbüros.

Win-Win-Situation für Helfer und Flüchtlinge

Von der Unterstützung profitieren nicht nur die Flüchtlinge, auch die Senioren haben etwas davon: „Wir stellen in der Praxis fest: Wenn diese Menschen sich engagieren, blühen sie auf. Dann haben sie wieder eine Aufgabe“, sagt Lehr. Zudem würden die Flüchtlinge etwas zurückgeben: Einige würden in Altenheime gehen, um mit den Bewohnern etwas zu unternehmen. „Das ist eine Win-win-Situation“, so Lehr.

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