Inter­view: Jörg Asmus­sen über den Kampf gegen Kli­ma­wan­del

„Wir müs­sen ver­hin­dern, dass sich die Erder­wär­mung fort­setzt“

Der Kampf gegen die Erderwärmung ist das Gebot der Stunde. Bis 2050 will Europa klimaneutral sein. Welche Ideen die Versicherer für eine klimafreundliche Wirtschaft haben, erklärt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen im Interview.

Herr Asmussen, die Folgen des Klimawandels werden auch in Deutschland spürbarer, 2020 war das dritte Dürrejahr in Folge. Werden die Schäden durch Naturgewalten versicherbar bleiben?
Jörg Asmussen: Ja, bis auf weiteres können wir den Klimawandel und die daraus entstehenden Schäden schultern. Das geben unsere Studien und Risikomodelle her. Aber wenn es nicht gelingt, die Erderwärmung unter dem 2-Grad-Ziel des Pariser Klimagipfels zu halten, dann werden wir etwa die Versicherung von Naturgefahren nicht in der bestehenden Form fortführen können. Die Weltbank hat schon 2012 in einem Bericht darauf aufmerksam gemacht, dass eine +4-Grad-Welt nach traditionellen Maßstäben nicht mehr versicherbar sein wird. Wir müssen verhindern, dass die Erderwärmung sich ungebremst fortsetzt und die Häufung von extremen Wetterereignissen zum Normalfall wird. So etwas vergisst man leicht angesichts unterdurchschnittlicher Schadenjahre wie 2019. Dort lagen wir mit drei Milliarden Euro Naturgefahrenschäden in Deutschland unter dem langjährigen Mittelwert von 3,7 Milliarden.

Wie geht die Branche mit dieser Erkenntnis um?
Asmussen:
Sich mit den Klimaschutz zu beschäftigen ist gut und richtig – das reicht aber angesichts der bereits eingetretenen Erderwärmung nicht aus. Daher haben wir schon vor Jahren einen Schwerpunkt unserer Arbeiten auf den Schutz vor den Folgen des Klimawandels gelegt. Klimafolgenanpassung ist notwendig – hier und jetzt. Ein Beispiel: Wenn Starkregen und Hagelschlag in zunehmender Weise die Bausubstanz bedrohen, muss auch das Bauplanungs- und Bauordnungsrecht angepasst werden – und zwar heute. Denn jetzt werden die Wohnungen gebaut, die den klimatischen Bedingungen in 50 Jahren standhalten müssen. Sprich: Je später wir mit den Anpassungsmaßnahmen beginnen, desto größer wird der volkswirtschaftliche Schaden in der Zukunft ausfallen. Daran können auch staatliche Hilfen im Katastrophenfall nichts ändern.

Allein Verordnungen lösen sicher nicht das Problem, oder?
Asmussen: Nein, das ist ein Baustein. Ein weiterer sind Aufklärung und Prävention, um künftige Schäden in Grenzen zu halten und Naturgefahren auch in Zukunft versichern zu können. Wie in anderen Ländern auch, muss der deutsche Staat die vorhandenen Informationen zu Naturgefahren und klimatischen Veränderungen bündeln und der Öffentlichkeit in einem zentralen und leicht verständlichen Online-System zugänglich machen. Wir setzen uns daher nachdrücklich für ein bundesweites Naturgefahrenportal ein – im Idealfall mit begleitenden Informationskampagnen. 

Die Versicherer sind bereits vor Jahren in Vorleistung getreten und haben mit der Machbarkeitsstudie „Kompass Naturgefahren“ beispielhaft gezeigt, wie dieser Gedanke umgesetzt werden kann. Wir haben vor Kurzem mit dem „Naturgefahren-Check“ nachgelegt, aber all das kann ein zentrales Informationssystem der öffentlichen Hand nicht ersetzen. Standortgenaue Informationen über Gefährdungen durch Hochwasser, Starkregen, Blitz und Überspannung sowie Sturm und Hagel sollten in der digitalen Gesellschaft selbstverständlich sein.

Jede Branche spricht über Nachhaltigkeit, was verstehen die Versicherer darunter?
Asmussen:
Wir orientieren uns an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. In der Finanzbranche wird Nachhaltigkeit oft beschrieben mit: ökologisch, sozial und gute Unternehmensführung. Versicherer denken und handeln langfristig, dadurch ist die Branche heute schon bei vielen Nachhaltigkeitsthemen gut aufgestellt. Da wir selbst von den Folgen der Klimaerwärmung stark betroffen sind, müssen wir uns aber beim Thema Ökologie noch mehr ins Zeug legen. Und auch als Arbeitgeber können Versicherer zukunftsfähiger werden, ich denke da besonders an mehr Diversity in den Unternehmen und auch im Verband.

Welche Aufgaben kommen damit konkret auf die Branche zu?
Asmussen:
Das fängt bei den eigenen Gebäuden und Geschäftsprozessen an, die CO2-neutral werden müssen. Dann sind die Kapitalanlagen der Versicherer von immerhin 1,7 Billionen Euro ein mächtiger Hebel, um die Transformation zu einer klimafreundlichen Wirtschaft zu unterstützen. Denn wir legen meist langfristig an und „geduldiges Geld“ wird für Transformationsprojekte gebraucht. Als Investoren können wir auf mehr Klimaschutz und Ressourceneffizienz drängen. Und schließlich können wir mit unseren Produkten und der Schadenregulierung vieles gestalten: Neue Technologien und nachhaltige Geschäftsmodelle brauchen Versicherungslösungen und die haben wir sehr schnell entwickelt, wie für Windparks, Solaranlagen oder Car-Sharing. Aber wir müssen uns auch fragen: Welchen Versicherungsschutz bieten wir z.B. klimaschädlichen Unternehmen noch an? Wie können unsere Produkte umweltfreundlicheres Verhalten fördern? Wie kann eine nachhaltige Altersvorsorge aussehen? Die Antworten darauf zu finden, wird ein Kraftakt. Aber es gibt keine Alternative.

Interview: Kathrin Jarosch, Michaela Willert

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