Kli­ma­wan­del an der Nord­see

„Wir brau­chen sturm­flut­si­che­ren Wohn­raum“

Auf der Südhalbkugel verursachen stärker werdende Stürme schwere Schäden. Forscher deuten das als Folge des Klimawandels. Sind ähnliche Katastrophen auch hierzulande denkbar? Ein Besuch an der Nordseeküste.

Gut 52 Meter – höher hinaus geht es nicht auf Sylt. Die Uwe-Düne ist der höchste Punkt der Nordseeinsel. In Sichtweite, am Roten Kliff, geht’s jäh bergab, 30 Meter stürzt der Blick von der Abbruchkante aufs Meer hinab. Im Lauf der Jahrhunderte haben Sturmfluten sich immer wieder meterweise Steilküste geholt, zuletzt als vor knapp 20 Jahren der Orkan Anatol über die Insel hinwegtobte.

Fotos von damals zeigen umgestürzte Bäume, abgedeckte Dächer. Bis zu drei Meter stand die Nordsee an jenem 3. Dezember 1999 über dem mittleren Hochwasser, 180 Kilometer in der Stunde erreichte der Sturm in der Spitze.

Mehr starke Hurrikane als üblich

Was wohl ein Sturm wie Michael, der im Oktober diesen Jahres mit Windspitzen bis zu 250 Kilometer in der Stunde Teile Floridas verwüstete,  an der deutschen Nordseeküste angerichtet hätte? Eine theoretische Frage. Doch angesichts der Häufung starker und stärkster Stürme weltweit schon eine Überlegung wert. Sechs Hurrikane der Kategorien drei bis fünf erreichten im vergangenen Jahr die Küsten Nordamerikas – das langjährige Mittel liegt bei 2,7 Stürmen im Jahr. In diesem Jahr folgte unter anderem Florence, während auf der anderen Seite der Erde und beinahe zeitgleich Super-Taifun Mangkhut mit der höchsten Kategorie fünf die Menschen in Südostasien in Angst und Schrecken versetzten.      

Wissenschaftler der US-Klimabehörde NOAA führen die Häufung starker Stürme auf steigende Wassertemperaturen im südlichen Atlantik zurück. So entstehen tropische Wirbelstürme wie Hurrikane oder Taifune erst, wenn das Wasser mindestens 26 Grad warm ist. Die Wahrscheinlichkeit für starke Stürme stiege dann also mit jedem zehntel Grad über dieser Grenze an.

Mehr Stürme im Norden: Im Auge des Betrachters

Auch in der Nordsee sorgt der Klimawandel für höhere Temperaturen: Zwischen 1,5 und 2 Grad seien es in den vergangenen 50 Jahren gewesen, haben Klimaforscher ermittelt. Bis zum Endes des Jahrhunderts könnten es noch einmal 3,2 Grad mehr werden, wie es in einem Bericht der Bundesregierung von 2017 heißt. Höhere Wassertemperaturen bedeuten jedoch nicht, dass auch in unseren Breiten die Zahl und Intensität der Stürme zunimmt. „Wenn wir den Zeitraum seit den 1960er Jahren betrachten, sehen wir zwar tatsächlich eine Zunahme der Sturmintensität“, sagt Insa Meinke. Als Leiterin des  Norddeutschen Küsten- und Klimabüros am Helmholtz-Zentrum Geesthacht beschäftigt sie sich mit den regionalen Auswirkungen des globalen Klimawandels – und warnt vor  einseitigen Schlussfolgerungen. „Mit Blick auf die vergangenen 100 Jahre wird deutlich, dass es sich um wechselnde Phasen höherer oder geringerer Sturmintensität handelt.“

Unstrittig ist, dass Stürme schon in heutiger Zahl und Ausmaß enorme Zerstörungskraft entfalten: Rund 70 Prozent aller versicherten Schäden durch Naturgewalten gehen hierzulande auf das Konto von Sturm und Hagel. Mit 2,6 Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr sogar 90 Prozent. Und 2018 könnte es nach Einschätzung der Versicherer in die Liste der fünf schwersten Sturmjahre der letzten 20 Jahre schaffen.

Zerstörung durch Stürme – selbst wenn sie in Zahl und Stärke zunehmen sollten – sieht jedenfalls Ekkehard Klatt ziemlich gelassen entgegen. Seit einem halben Jahrhundert erlebt der Geologe die Insel als Heimat und Forschungsgebiet. Von einem Untergang könne – zumindest in den nächsten Jahrhunderten – nicht die Rede sein. „Seit etwa 1990 ist die Insel sogar gewachsen – an manchen Stellen um 70 Meter in der Breite.“ Allerdings hilft hier der Mensch ordentlich nach: Riesige Sandaufspülungen sorgen dafür, dass die Insel an ihrer dem offenen Meer zugewandten Westseite wächst. Seit 1972 haben Schiffe rund 50 Millionen Kubikmeter Sand vor die Küste gepumpt und diese so stabilisiert.

Zonen für sturmflutsicheren Wohnraum

Dennoch stellten Stürme und Orkane durchaus eine Bedrohung dar, relativiert Klatt. Aber nicht an der Westküste, wie man eigentlich annehmen würde. Eher müsse man das Auge auf die Ostküste, also die Landseite, richten – und hier vor allem auf den richtigen Küstenschutz. Die Deiche müssten hier auf den Stand der Technik gebracht werden, wie zuletzt geschehen beim Mövenbergdeich an der Nordspitze der Insel. „Küstenschutz sollte sich an allen denkbaren Szenarien orientieren“, meint auch Küstenforscherin Meinke. „Wenn wir über die Zukunft sprechen, sprechen wir immer über Szenarien – die eintreten können, aber nicht müssen.“ Würde sich etwa der CO2-Ausstoß im bisherigen Ausmaß fortsetzen, könnte sich die winterliche Sturm-Intensität an der deutschen Nordseeküste nach ihren Berechnungen tatsächlich etwa um bis zu zehn Prozent erhöhen. Der sogenannte Klimazuschlag von einem halben Meter auf die vorhandene Höhe der Deiche, den sich Schleswig-Holsteins Deichschützer verordnet haben, sei insofern „richtig und angemessen“.

Naturschützer Klatt geht das noch nicht weit genug. „Wir brauchen Zonen, in denen sturmflutsicherer Wohnraum entstehen kann“, fordert er und denkt dabei an die Ostseite der Insel, zur Wattseite hin. „An der Westküste sollten wir uns auf Erholungsräume konzentrieren – Strand, Rad- und Wanderwege – und nicht noch das nächste große Hotel direkt ans Wasser setzen.“ Damit bliebe auch der Blick von der Uwe-Düne auf das sichtbarste Stück Küstenschutz unverbaubar: „Vor dem Roten Kliff in Kampen beobachten wir neue Dünenbildung.“

Von Simon Frost

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