Pots­da­mer Kon­fe­renz Cyber­si­cher­heit

„Wir brau­chen eine Armee der Guten“

Die Bedrohung aus dem Internet steigt stark, so der Tenor auf der Potsdamer Konferenz für Nationale Cybersicherheit. Bei der Abwehr der Gefahr ist Deutschland mehr und mehr von ausländischer Technologie abhängig. Die Politik will das ändern.

Dirk Backofen kann die kriminelle Energie, die sich im Internet ausbreitet, gut messen. Als Sicherheitschef von T-Systems wacht er über die globale IT-Infrastruktur des Konzerns und erfasst jeden einzelnen Angriffsversuch. Waren es 2017 durchschnittlich noch vier Millionen Hackerattacken, so sind es nur zwei Jahre später bereits 31 Millionen. Pro Tag! Es ist also keine Panikmache, wenn er sagt: „Die Cyber-Bedrohung wächst exponentiell.“

Schattenseite der Digitalisierung:  Die mit der Vernetzung wachsende Verwundbarkeit

Backofen zählt zu den vielen Experten aus Wirtschaft, Politik und Behörden, die seit Donnerstag auf der Potsdamer Konferenz für Nationale Sicherheit über die wachsende Gefahr im Netz diskutieren. Hier geht es nicht um Chancen der Digitalisierung, sondern um ihre Schattenseite: die mit der Vernetzung wachsende Verwundbarkeit.

Denn nicht nur die Zahl der Attacken aus dem Netz nimmt zu, auch die Angriffsmuster und Ziele werden immer komplexer und vielfältiger. „Wir sind mit Bedrohungsszenarien konfrontiert, die sich in Art, Umfang und Qualität ständig wandeln“, sagt Klaus Vitt, Staatsekretär im Bundesinnenministerium. Was heute noch als sicher gelte, könne morgen schon überholt sein. „Cybersicherheit ist niemals statisch.“

Das verdeutlicht auch die Zahl von 390.000 neuen Schadprogrammen, die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) jeden Tag zählt. BSI-Chef Jörg Schönbohm sorgt sich aber nicht nur um Lücken in der Software. „Was eine neue Qualität ausmacht, sind die Schwachstellen in der Hardware.“ Als Beispiel nannte er Smartphones eines polnischen Herstellers, bei denen eine Schadsoftware schon vorinstalliert war. „Solche Lücken können auch Staaten nutzen, um uns anzugreifen.“

Denn Gefahr aus dem Netz geht nicht nur von kleinen Hackergruppen aus, die derzeit wieder vermehrt mit Verschlüsselungstrojanern auf Beutejagd gehen. Deutsche Firmen, kritische Infrastrukturen hierzulande wie Kraftwerke oder Behörden sind auch für ausländische Geheimdienste und mit ihnen verbundene Hacker lohnende Angriffsziele: Es geht um Spionage oder Sabotage; aber auch um Manipulation von politischen Entscheidungsprozessen. Telekom-Mann Backofen registriert jedenfalls viele Angriffe aus Russland, China, Nordkorea oder Iran. „Keiner kann es mit den Kriminellen allein aufnehmen. Wir brauchen eine Armee der Guten.“

Ob dazu auch Huawei gehört, ist derzeit höchst umstritten. US-Präsident Donald Trump wirft dem chinesischen Technologiekonzern Spionage vor. Huawei erhält aus dem Grund vorerst keine US-Technologie, so kann das Unternehmen auch seine Smartphones nicht mehr mit dem Android-Betriebssystem von Google bestücken. Huawei-Vize Houkun Hu nannte die Vorwürfe haltlos, die Beschränkungen seien ein „gefährlicher Präzedenzfall“. Auch er beschwor die Gemeinschaft beim Kampf gegen Internetkriminalität: „Keine Person, kein Unternehmen und kein Land kann das allein schaffen.“

Politiker und Sicherheitsbehörden beklagen den Verlust an digitaler Souveränität.

Das gilt auch für Deutschland. Politiker und Sicherheitsbehörden beklagen den Verlust an digitaler Souveränität. „Wir sind abhängig von ausländischen Zulieferern“, konstatiert Wilfried Karl, Präsident der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich. Von den weltweit 500 wichtigsten Unternehmen im Bereich IT-Sicherheit kämen nur sieben aus Deutschland, dafür aber 364 aus den USA. Karl mahnte eine bessere Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Sicherheitsbehörden an. „Wir müssen das industrielle Know-how erhalten.“

Die Bundesregierung hat die Defizite erkannt. Sie will mit einer neuen Agentur Innovationen und Forschungsvorhaben im Bereich Cybersicherheit fördern, damit Deutschland technologisch nicht den Anschluss verliert. In den nächsten Tagen werde die Agentur an den Start gehen, kündigte Staatssekretär Vitt an.

„Wir brauchen eine digitale Aufklärung“

Rückstand hat Deutschland aber nicht nur bei der Entwicklung von Schlüsseltechnologien. Auch mit dem digitalen Wissen in der Bevölkerung steht es nicht zum Besten. „Wir brauchen eine digitale Aufklärung“, sagt Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts. Dabei gehe es beispielsweise um die sichere Nutzung von E-Mails oder den Umgang mit Passwörtern. „Wir bekleckern uns da nicht mit Ruhm“, sagt Meinel.

Text: Karsten Röbisch

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