Inter­view mit DWD-Kli­ma­ex­per­tin Chris­tiana Lefeb­vre

„Win­ter­stürme sind stär­ker”

Im Herbst und Winter naht die Zeit der schweren Stürme und Orkane. Warum das so ist und welche Regionen besonders gefährdert sind, erklärt Klimaexpertin Christiana Lefebvre vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

Frau Lefebvre, die Wintersaison 2017/2018 brachte ungewöhnlich viele und starke Stürme und Orkane. Woran lag das?
Christiana Lefebvre: Die Sturmsaison begann auch ungewöhnlich früh, mit Sebastian am 14. September. Üblich ist eher Ende Oktober. Ursache für die Sturmhäufung waren atmosphärische Bedingungen. Über dem Nordatlantik, da, wo unser Wetter maßgeblich entsteht, herrschte eine lange andauernde sogenannte Westwindlage. Tiefdruckgebiete ziehen dann in rascher Abfolge über die Nordsee ostwärts und beeinflussen mit ihren Ausläufern das Wetter in Mitteleuropa.

Wie entstehen Stürme?
Lefebvre: Sturm ist ja nichts anderes als starker Wind, also bewegte Luft. Er entsteht beim Ausgleich von Luftdruckunterschieden zwischen Hoch und Tiefdruckgebieten. Je größer die Druckunterschiede sind, desto stärker ist der Wind. Ab Windstärke 12, ab 118 Kilometern pro Stunde, sprechen wir von Orkan.

Vom Nordatlantik bis nach Deutschland ist es ein weiter Weg. Wie entwickeln sich die Stürme auf diesem Weg?
Lefebvre: Kaltluft aus den Polargebieten und feuchte Warmluft aus den südlichen Breiten treffen aufeinander. Bei sehr großen Temperaturunterschieden zwischen beiden Luftmassen oder starker Höhenströmung sinkt der Luftdruck im Tiefdruckgebiet rapide. Dadurch kann es sich zu einem Sturm- oder Orkantief verstärken. Auf seiner Vorderseite führt es Warmluft nach Norden, auf seiner Rückseite Kaltluft südwärts.

Stürme gibt es im Winter und im Sommer. Worin unterscheiden sie sich?
Lefebvre:
Winterstürme sind stärker, weil die Temperaturunterschiede größer sind. Die Luft über den Polargebieten ist dann kälter. Im Winter sind Stürme auch häufiger als im Sommer. Typische Sommerstürme sind mit Gewitter, Regen oder Hagel verbunden. Sie erstrecken sich meist nur über wenige Kilometer, während Winterstürme mehrere Hundert bis 1.000 Kilometer erreichen.

Und Tornados?
Lefebvre: Tornados sind kleinräumige und kurzlebige, mehr oder weniger senkrecht stehende Wirbel mit Bodenkontakt. Sie sind an Gewitterwolken gebunden, ihre zerstörerische Wirkung umfasst bis zu einen Kilometer Breite. Die hohen Temperaturunterschiede in Gewitterwolken und starke Windänderungen lassen die Luft senkrecht rotieren. Tornados in Deutschland dauern meist nur wenige Minuten und sind schwer vorhersehbar.

Welche Regionen in Deutschland sind stärker von Stürmen betroffen?
Lefebvre:
Am stärksten exponierte Bergkuppen, da die Windgeschwindigkeit mit der Höhe über Grund zunimmt. Von Winterstürmen insbesondere der Norden. Orkane wie Friederike 2018 oder der verheerende Orkan Kyrill 2007 zeigen aber, dass auch die Mitte und der Süden nicht sturmsicher sind. Im Sommer treten Stürme, die durch Gewitter ausgelöst werden, vorrangig in der Südhälfte Deutschlands auf.

Beobachtet der Deutsche Wetterdienst eine Zunahme von Stürmen?
Lefebvre:
Wir sprechen von einer dekadischen Oszillation, einer wiederkehrenden Schwankung. Es gibt Phasen mit mehr Stürmen, es gibt Phasen mit weniger Stürmen. Jahre, in denen viele Stürme vorkommen, sind mit einem verstärkten Westwinddrift über dem atlantisch-europäischen Raum verbunden. 1990/1991 hatten wir viele kräftige Orkane im Winter; dann 2007 unter anderem Orkan Kyrill, 2017/2018 gleich fünf Winterstürme. Perspektivisch allerdings müssen wir mit einer Zunahme stärkerer Stürme rechnen. Und die Sturmtiefs verlagern sich nach Nordwest- und Mitteleuropa.

Der DWD warnt oft schon mehrere Tage im Voraus vor Stürmen. Woher beziehen Sie Ihre Erkenntnisse?
Lefebvre: Wir erhalten weltweite Wetterdaten und beobachten rund um die Uhr mit Messgeräten an unseren 268 hauptamtlichen Wetterstationen, auf Bojen und Forschungsstationen in Ost- und Nordsee. Auch Schiffe erfassen das Wetter. Dazu kommen Satellitenbeobachtungen und Radiosonden, die an Ballonen in bis zu 30 Kilometer Höhe aufsteigen. Insgesamt erfassen wir Daten wie Windgeschwindigkeit und -richtung, Luftdruck, -feuchte und -temperatur über ganz Deutschland.

Wie entstehen daraus Vorhersagen?
Lefebvre: Dank unserer modernen Wettervorhersagemodelle lassen sich schon kleinste Tiefdruckgebiete beim Entstehen erkennen und über Tage verfolgen, sodass wir rechtzeitig Sturmwarnungen herausgeben können. Um die Zugbahn des Sturms und die voraussichtlich betroffenen Gebiete vorhersagen zu können, fließen alle Daten in unsere Modellrechnungen ein.

Ihr Wetteramt hat seinen Sitz im windreichen Hamburg. Ist es auch die stürmischste Wetterstation des DWD?
Lefebvre: In Hamburg weht zwar oft ein frischer Wind, doch die sturmreichste Wetterstation ist auf dem Brocken im Harz, mit orkanartigen Spitzenböen oder Orkanböen an durchschnittlich 69 Tagen jährlich. Auf der Zugspitze gibt es diese an elf bis zwölf Tagen, gefolgt von Kap Arkona an der Ostsee mit sieben Tagen, Helgoland und St. Peter-Ording mit sechs beziehungsweise fünf Tagen.

Interview: Katharina Fial

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