Hen­ning Scherf über das Älter­wer­den

„Wer jam­mert, ver­liert“

Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf (76) berichtet im Interview aus seinem Leben in einer Mehr-Generationen-Hausgemeinschaft, gibt Tipps fürs Älterwerden und erklärt, warum ein Sozialdemokrat wie er für die Rente mit 70 eintritt.

Alt werden ist nichts für Feiglinge, Herr Scherf. Aber woher den Mut nehmen?
Henning Scherf: Dafür gibt’s kein Patentrezept. Bei mir sind es drei Kraftquellen, aus denen ich schöpfe: meine Frau, mit der ich seit 55 Jahren verheiratet bin; meine Kinder, zu denen ich einen engen Draht pflege – und dieses Haus, in dem wir seit 28 Jahren leben. Das ist ebenfalls eine Familie, und ein großes Glück. Wir haben hier über Jahre zwei Sterben begleitet und auch das gemeistert. Das hat uns noch enger zusammengeschweißt. Und wir selbst werden ja auch nicht jünger, haben erste leichte Schlaganfälle, müssen uns mit Krebs beschäftigen, haben Schwierigkeiten mit dem Hören …

Das klingt gut, braucht aber Mut.
Scherf: Naja, wenn man einfach nur dasitzt und jammert, wird da nichts draus. Wer jammert, der sitzt in der Falle. Also bitte mit dem Jammern aufhören und sich umgucken. Wer nicht alleine wohnen möchte, muss Leute im Freundes- oder Bekanntenkreis ansprechen. Es gibt so viele, die nicht allein wohnen wollen. Ganz viele wünschen sich das, aber nur wenige kriegen das hin. Der erste Schritt besteht darin, auf die anderen zuzugehen und mit ihnen zu reden.

Sind die Erwartungen nicht zu hoch geschraubt: nicht mehr allein, dafür harmonisch und konfliktfrei?
Scherf: Überwinden kann solche Idealvorstellungen nur, wer es ausprobiert. Sonst löst eine Enttäuschung die nächste ab. Ich muss gucken, was es gibt und was möglich ist – das muss ich versuchen zu erreichen. Es kommt niemand um die Ecke und sagt: „Hier habe ich genau das Richtige für Dich.“

Weil ich es mir mit meiner mageren Rente eh nicht leisten könnte.
Scherf: Unsinn. Wer finanziell fürs Alter vorgesorgt hat, tut sich leichter, klar. Für alle anderen heißt es: kreativ sein.

 

Und flexibel sein für das Unperfekte?
Scherf: Ja. Das ist keine Geld-, sondern eine Mentalitätsfrage – es geht um das Herz. Wir haben es heute mit Alten zu tun, die sind unternehmenslustig, die sind neugierig, die wollen nicht nur sonntags zum Gottesdienst gehen. Die wollen mittendrin leben. Werden aber mit 63 in Rente geschickt. Genau das Gegenteil brauchen wir. Wir brauchen gewerkschaftlich und unternehmerisch geschützte Formen von Beschäftigung über die traditionelle Altersbegrenzung hinweg.

Wie weit sind wir davon noch entfernt?
Scherf: Es bewegt sich viel, weil wir zu wenig Fachkräfte haben. Daher gibt es immer mehr Unternehmer, die attraktive Angebote für Ältere machen – etwa die halbe Stundenzahl. Das wird immer stärker nachgefragt. Deshalb hat sich auch das faktische Rentenalter in den letzten zehn Jahren ständig erhöht: Wenn das Angebot stimmt, ist die Nachfrage da.

Bis die Gewerkschaft sagt: „Jetzt wirst du 65, jetzt musst du raus.“
Scherf: Die Gewerkschaften fangen an umzudenken. Und ich weiß von einer ganzen Reihe von Betriebsräten, die das regeln, über Betriebsvereinbarungen.

Rettet es das Rentenversicherungssystem, wenn alle bis weit jenseits des 70. Geburtstags arbeiten?
Scherf: Das deutsche Rentenversicherungssystem ist eines der solidesten der ganzen Welt, mit Rücklagen wie noch nie. Die haben richtig gut gebunkert, sind also das Gegenteil von pleite. Wenn wir aber perspektivisch die nächsten 30 Jahre betrachten, müssen wir über das Eintrittsalter nachdenken. Die Rente mit 67 ist ein erster Schritt. Eigentlich müssen wir über die 70 reden – nicht für alle, und nicht als Pflicht. Aber als Option.

Wenn ich mich mit 70 Jahren noch fit fühle, kann ich doch in Rente gehen und das Leben genießen!
Scherf: Wer das Leben genießen will, indem er sich in den Lehnstuhl setzt und guckt, was im Fernsehen läuft …

… der stirbt als erster?
Scherf: Ja, der stirbt als erster. Wer noch etwas unternimmt, was ausprobiert und neugierig bleibt, sich bewegt und sich auch körperlich nicht gehen lässt, der gestaltet sein Altersleben klug. Und lebt dann auch länger.

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