Unfall­for­schung

„Wer ein Motor­rad kauft, sollte es auch fah­ren kön­nen“

Wenn es nach Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) geht, sollen Autofahrer bald ohne Extraprüfung auch Motorrad fahren dürfen. Aus Sicht von Unfallforscher Siegfried Brockmann ein fataler Vorschlag.

Herr Brockmann, Autofahrer, die auf dem Motorrad ohne Prüfung mit bis zu 120 Kilometern in der Stunde unterwegs sind: Was halten Sie vom Vorstoß des Bundesverkehrsministeriums?
Siegfried Brockmann:
In letzter Zeit kommen sinnvolle und weniger sinnvolle Vorschläge aus dem Verkehrsministerium. Nun halt einer, der Menschen das Motorradfahren erlaubt, die das noch nie gemacht haben.

Also kein sinnvoller Vorschlag?
Brockmann:
Ich frage mich, warum man das überhaupt macht. Motorradfahrern ist etwas völlig anderes als Autofahren. Ein paar Fahrstunden, wie es das Ministerium vorschlägt, reichen nicht aus, um die Maschine zu beherrschen. Wer ein Motorrad kauft, sollte es auch fahren können.

Würde mehr Fahrpraxis helfen?
Brockmann:
Vier, sechs oder zehn Fahrstunden – das ist gar nicht so wichtig. Der entscheidende Punkt ist, dass es eine Prüfung geben muss.

Bis 1980 durfte ich doch auch mit Führerschein Klasse 3 ohne Übung Motorrad fahren. Was ist denn heute anders?
Brockmann:
Zum einen ging es damals um ein völlig anderes Gefährt. Die eingeschlossene Klasse 4 bezog sich auf Krafträder mit sechs PS, die vielleicht 80 bis 90 Stundenkilometer fahren konnten. Heute reden wir über etwas anderes: 125 Kubikmeter Hubraum und 15 PS, 120 Stundenkilometer schnell – das wurde damals ganz klar als Motorrad betrachtet und war nicht Teil der Klasse 3. Und zum anderen:  Schon die kleinen Motorräder von damals waren so häufig an Unfällen beteiligt, dass wir diese zu Recht aus der heutigen Klasse B rausgenommen haben. Das war wirklich ein Systemfehler.

Es gibt aber eine ganze Reihe von europäischen Ländern, die das bis heute erlauben. Warum können die das und wir nicht?
Brockmann:
Die Behauptung des Bundesverkehrsministeriums, dass die meisten Länder in Europa das zulassen, ist eine glatte Lüge. Neben Österreich erlauben einige südeuropäische Länder das Motorradfahren ohne zusätzliche Prüfung. Wenn es um Verkehrssicherheit geht, sollten wir uns daran aber wirklich nicht orientieren.

Das Verkehrsministerium argumentiert, dass mit der Änderung die Mobilität – vor allem auch im ländlichen Raum – erhöht würde. Ist das kein legitimes Ziel?
Brockmann:
Die eigenen Gutachter des Ministeriums stellen diese These in Frage. Mit einem Führerschein der Klasse B können Sie Auto und dazu noch Roller bis 45 Stundenkilometer fahren – da ist die Mobilität doch weitgehend gesichert. Zumal die Hürde bleibt, dass man Fahrstunden nehmen und sich dann auch noch ein Motorrad kaufen muss. Wenn jemand im ländlichen Raum ein Mobilitätsproblem hat, dann sind das Schüler und Lehrlinge, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Denen nützt die Neuregelung nichts.

Was würde denn aus Ihrer Sicht eher helfen?
Brockmann:
Es wäre sinnvoller, die Höchstgeschwindigkeit von Rollern von 45 auf 50 Stundenkilometer zu erhöhen. Viele Rollerfahrer müssen nämlich damit leben, als Verkehrshindernis zu gelten, weil sie langsamer als zulässig fahren – das schreckt viele ab. Dieses Gefühl könnte man ihnen aber nehmen und sie wenigstens so schnell fahren lassen, wie es in der Stadt erlaubt ist.

Interview: Markus Fischer

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