Sieg­fried Brock­mann (UDV)

"Von selbst­fah­ren­den Autos in der Stadt sind wir noch weit ent­fernt"

Weniger Staus, ein Rückbau der Straßen, mehr Lebensqualität in den Innenstädten: Autonomes Fahren könnte in 20 bis 25 Jahren die Verkehrssituation in unseren Städten grundlegend positiv verändern. Diese Vision skizziert der Verkehrsplaner Konrad Rothfuchs im http://www.spiegel.de/auto/aktuell/autonomes-fahren-chance-fuer-die-stadt-a-997393.html Interview mit Spiegel-Online . Das ist weder realistisch noch wünschenswert, hält Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), dagegen. Denn ob Autos jemals selbstständig in Innenstädten fahren können, ist überhaupt noch nicht absehbar. Die Aufgabe sei im Übrigen, Autoverkehr weitgehend aus der Innenstadt herauszuhalten und nicht, die gleiche Verkehrsstärke effektiver zu managen.

Herr Brockmann, autonom fahrende Autos sollen zukünftig den Innenstädten neue Freiräume geben, prognostiziert der Verkehrsplaner Konrad Rothfuchs. Wo ist der Haken?
Siegfried Brockmann: Ich rechne nicht damit, dass in absehbarer Zeit Autos selbstständig durch den Stadtverkehr fahren können. Denn im komplexen Stadtverkehrsgeschehen müssten ja alle Fahrzeuge miteinander und mit der Infrastruktur kommunizieren können. Wie und wann die Probleme gelöst werden können, ist derzeit noch nicht absehbar.

Auf Autobahnen funktioniert das autonome Fahren ja bereits in gewissem Maße. Warum dann nicht auch demnächst im Stadtverkehr?
Brockmann: Auf der Autobahn fahren ja alle in der gleichen Richtung, es gibt keine Kreuzungen, keine Grundstücksausfahrten und erst recht keine Fußgänger oder Radfahrer. Bis im Stadtverkehr autonome Systeme besser sind als der Mensch, wird noch viel Zeit vergehen. Für die Vision von Herrn Rothfuchs müssten ja auch alle Fahrzeuge entsprechend ausgestattet sein. Damit rechne ich nicht in den nächsten 50 Jahren.

Wenn es bis zum autonomen Fahren noch ein so langer Weg ist, bleiben uns die bekannten Probleme wie etwa Staus oder der Flächenverbrauch in den Innenstädten also erhalten?
Brockmann: Die Vorstellungen des Planers laufen ja gar nicht auf eine Verminderung des Kfz-Verkehrs hinaus. Es soll ja nur die gleiche Fahrzeuganzahl effektiver gemanagt werden. Wir brauchen aber weniger Fahrzeuge in den Innenstädten. Das versuchen die Städte mit Mobilitätskonzepten, mit denen das Auto jedenfalls in der Stadt nicht mehr automatisch einen Vorteil hat. Diesen Weg sollten wir weiter gehen, um die Aufenthaltsqualität in den Innenstädten zu verbessern.

Haben Sie dafür Beispiele?
Brockmann: Nun, das drastischste Beispiel dafür ist die in einigen europäischen Städten erhobene City-Tax, also eine Art Maut. Viel versprechend sind auch die Versuche, den Radverkehr durch entsprechend attraktive und sichere Verkehrsflächen und Velorouten attraktiv zu machen. Statistisch liegen die meisten Wege in der Stadt unter fünf Kilometer. Ansonsten geht es natürlich um attraktive Nahverkehrsmodelle: klimatisierte Busse und Bahnen, kurze Taktzeiten, Park and Ride auch mit sicheren Abstellmöglichkeiten für Fahrräder.


Als Unfallforscher haben Sie vor allem die Sicherheitsaspekte im Straßenverkehr im Blick. Wie ordnen Sie allgemein die elektronischen Helfer ein, die schon heute in Fahrzeugen zum Einsatz kommen?
Brockmann: Nach unseren Erkenntnissen bringen die heutigen Systeme wie etwa Notbremsassistenten ein Mehr an Sicherheit in den Straßenverkehr. Diese Systeme gehen aber auch davon aus, dass der Fahrer verantwortlich ist. Sie sind im normalen Fahrbetrieb nicht präsent und greifen erst ein, wenn eine kritische Situation droht. Das Problem fängt an, wenn Systeme Fahraufgaben auch im normalen Betrieb übernehmen. Dann besteht die Gefahr, dass der Fahrer nicht mehr ganz bei der Sache ist und im Ernstfall die Kontrolle nicht angemessen übernehmen kann.

Mehr zum Thema:
>> Fahrerassistenzsysteme: “Bis zum selbstfahrenden Auto ist es noch ein weiter Weg”
>> Unfallforschung der Versicherer (UDV)
Zur Startseite