Betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung

"Ver­trauen in Pri­vate Alters­vor­sorge muss gestärkt wer­den"

Laut aktuellen Erhebungen wird die betriebliche Altersversorgung für Arbeitnehmer zunehmend bedeutender. Gleichzeitig bauen aber viele Menschen erst gar keine betriebliche Altersversorgung auf, trotz eines Rechtsanspruchs. Ursache sind unter anderem die kaum abschätzbaren Folgen des aktuellen Niedrigzinses. Anlässlich der Jahrestagung des Fachverbandes für betriebliche Altersversorgung (aba) erläutert Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), im Interview auf GDV.DE, wie das Vertrauen in die betriebliche Altersversorgung gestärkt werden kann.

Herr Hüther, die jüngsten EZB-Maßnahmen wurden auch als „Keulenschlag für die Altersvorsorge“ beurteilt. Welche Auswirkungen hat die EZB-Politik für die Altersvorsorgebemühungen der Menschen?
Michael Hüther:Simulationen des IW Köln zeigen, dass allein eine zehnjährige Niedrigzinsphase zu Beginn eines 30 Jahre andauernden Haltens einer Anlage zu einer Verringerung der Zinserträge um knapp 50 Prozent führt. Will ein Investor sein nominales Sparziel trotzdem erreichen, muss er seine Sparleistung massiv erhöhen. Dies ist jedoch wesentlich relevanter für institutionelle Investoren, die an Minimalverzinsungsverpflichtungen gebunden sind, als für Privatanleger. Denn die historisch niedrigen Inflationsraten führen dazu, dass auch niedrige Nominalzinsen altersvorsorgenden Menschen eine ähnliche Kaufkraft gewährleisten, wie vermeintliche hohe Nominalzinsen bei höherer Inflation.

Die aktuelle Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamtes zeigt: Die gesetzliche Rente kann bereits 2035 nur noch eine Basisabsicherung bieten. Was müsste – auch in Zeiten niedriger Zinsen – geschehen, um die private Altersvorsorge für die Menschen attraktiver zu machen?
Hüther:Der demografische Wandel stellt umlagefinanzierte Altersvorsorgemechanismen vor strukturelle Probleme. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld ist es daher wichtiger denn je, Sparern klarzumachen, dass niedrige Nominalzinsen nicht per se bedeuten, private Altersvorsorgeinstrumente würden unattraktiv. Vielmehr ermöglichen Produkte mit flexibler Verzinsung eine sichere Altersvorsorge durch Versicherung gegen Inflationsrisiken. Das Vertrauen privater Anleger in Produkte und Institutionen der privaten Altersvorsorge muss gestärkt werden.

Stichwort Betriebliche Altersversorgung: Laut Zahlen des Bundesarbeitsministeriums hat die betriebliche Altersversorgung mit dem allgemeinen Beschäftigungsanstieg lediglich Schritt gehalten. Vier von zehn Beschäftigten in Deutschland bauten keine Betriebsrente auf, und zwar trotz eines Rechtsanspruchs auf Entgeltumwandlung. Was müsste passieren, um das Potenzial der betrieblichen Altersversorgung besser auszuschöpfen?
Hüther:Zunächst ist der Verbreitungsgrad von 60 Prozent, laut Trägerbefragung im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums, nicht eindeutig zu beurteilen. Immerhin wissen wir, dass im Rahmen der Direktversicherungen, Pensionskassen, Pensionsfonds und der Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes nicht einmal drei Prozent der Verträge mit einer Riester-Förderung kombiniert werden.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die schätzungsweise 12,8 Millionen aktiven Riester-Verträge zusätzlich angespart werden – ob von denen, die bereits betrieblich vorsorgen, oder von den bislang nicht betrieblich abgesicherten Arbeitnehmern, ist allerdings empirisch nicht geklärt. Außerdem ist unklar, ob nicht gerade ältere Arbeitnehmer bereits in der Vergangenheit ihre Möglichkeiten zur privaten Altersvorsorge in anderen Formen ausgeschöpft haben, so dass sie in den hier diskutierten Wegen unterrepräsentiert sind.

Deshalb wäre eine zusätzliche steuerfinanzierte Förderung wohl nur schwerlich zu begründen. Allerdings gibt es Hinweise, dass Trägheit den einen oder anderen von notwendiger Vorsorge abhalten kann. Diese Trägheit ließe sich umgekehrt nutzen. Bislang muss man sich aktiv für einen Weg der betrieblichen Altersvorsorge entscheiden, stattdessen könnte jeder Arbeitnehmer automatisch in einen der fünf Wege eingruppiert werden. Der Zusatzvorsorge kann sich ein Arbeitnehmer dann nur entziehen, indem er explizit verzichtet, sich also hoffentlich zunächst einmal selber Rechenschaft über seine Altersvorsorge ablegt. Ein solcher Schritt darf allerdings nicht dazu führen, dass bislang freiwillige Vereinbarungen oder sozialpartnerschaftliche Abreden verdrängt werden und mittelfristig in einer Belastung der Arbeitskosten ausarten.

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