The­men­wo­che Berufs­un­fä­hig­keit (3/4)

"Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men wol­len leis­ten!"

In dieser Frage sind sich Verbraucherschützer und Versicherer einig: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sollte jeder arbeitende Mensch haben. Warum die Gesundheitsfragen so wichtig sind, wie sich der medizinische Fortschritt auswirkt und warum die Unternehmen kein Interesse daran haben, Leistungen zu verweigern – diese Fragen beantwortet Alexander Rettkowski auf GDV.DE. Der Arzt und Betriebswirt verantwortet als Abteilungsdirektor die Leistungs- und Risikoprüfung bei den Generali Versicherungen.

Was sind die wichtigsten Punkte, die ein Verbraucher zum Thema Berufsunfähigkeitsversicherung wissen sollte?
Alexander Rettkowski: Eine schwere Erkrankung oder ein Unfall kann jeden treffen! Und die Arbeitskraft beziehungsweise das Arbeitseinkommen ist für die meisten Menschen finanziell die wichtigste Säule zur Existenzsicherung. Das wird vielen Menschen jedoch erst bewusst, wenn etwas passiert und nach längerer Krankheit Lohnfortzahlung und Krankentagegeld plötzlich wegfallen.

Und dann ist es zu spät…
Richtig. Bildlich gesprochen: Ein brennendes Haus kann man nicht mehr gegen Feuer versichern. Deshalb ist hier entsprechende Vorsorge enorm wichtig. Besonders für junge Menschen und Familien, denn in der Aufbauphase des Lebens ist der finanzielle Bedarf am höchsten. Da kann es schnell eng werden, zum Beispiel bei der Finanzierung einer frisch erworbenen Immobilie.


Welche Innovationen der Berufsunfähigkeitsversicherung haben sich Ihres Erachtens in den vergangenen Jahren besonders gut entwickelt?
In den vergangenen Jahren wurden insbesondere für jüngere Kunden günstige Einsteigertarife entwickelt. Ich halte dies für eine sehr gute Sache, denn zum einen kann der Beitrag hier über viele Jahre verteilt werden und ermöglicht günstige Einstiegsprämien. Zum anderen sind Menschen in jungen Jahren normalerweise deutlich gesünder und können daher fast immer zu Normalbedingungen versichert werden.

Auch der Versicherungsumfang wurde permanent erweitert. So finden sich mittlerweile viele sinnvolle Zusatzleistungen, wie zum Beispiel Umorganisationshilfen, Überbrückungsgelder oder Starthilfen bei notwendigen beruflichen Veränderungen in den Produkten. Und ganz generell sind die Versicherungsbedingungen – das berühmte Kleingedruckte – heute wesentlich verständlicher formuliert.

Das waren jetzt Verbesserungen auf der Produktseite. Arbeiten die Versicherer auch an ihren Prozessen?
Ja, das tun sie. Gerade auch in den Leistungsabteilungen der Versicherer hat sich viel getan. Der persönliche Kontakt zum Kunden und die Unterstützung bei der Informationsbeschaffung sind heute wichtige Elemente der Leistungsprüfung. Die Versicherer bemühen sich verstärkt um das direkte Gespräch mit dem Kunden. Früher ging fast alles über den Postweg, heute wird viel mehr telefoniert, und bei einigen Kunden läuft der Kontakt auch schon weitgehend über E-Mail. Viele Versicherer besuchen Kunden bei Bedarf inzwischen zu Hause. In Frage kommen hierfür besonders komplizierte Fälle oder hilfsbedürftige Kunden. Diese Hilfestellung kommt in der Regel sehr gut an – und dient nicht zuletzt dem Ziel einer möglichst schnellen Fallbearbeitung und Entscheidung.

Die Medizin kann die Verläufe bestimmter Krankheiten immer besser vorhersagen. Was hat das für Auswirkungen auf die Versicherbarkeit der Betroffenen?
Unsicherheiten in der Risikoeinschätzung erhöhen den Preis des Risikos oder machen das Risiko sogar komplett unkalkulierbar. Daher erhöht eine bessere Vorhersagbarkeit grundsätzlich immer auch die Versicherbarkeit. Für Menschen mit besonders negativen Risikofaktoren kann der Zugang zur Berufsunfähigkeitsversicherung aber auch erschwert sein. Dieser Effekt ließe sich nur vermeiden, indem eine Zwangsversicherung für alle eingeführt wird, mit einem Risikostrukturausgleich wie in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Wie wirkt sich der medizinische Fortschritt in der Berufsunfähigkeitsversicherung aus?
Neben der verbesserten Diagnostik gibt es auch Fortschritte bei der Behandlung, beispielsweise bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dies führt dann zu einer niedrigeren Risikobewertung bei den Betroffenen. Das heißt, die notwendigen Risikozuschläge werden geringer – der Versicherungsschutz für die Kunden wird also günstiger.

Warum stellen die Versicherer eigentlich so viele Gesundheitsfragen?
Eine Versicherung ist immer ein Risikokollektiv – also eine „Schicksalsgemeinschaft“, die sich zum Ausgleich von Risiken zusammenfindet. Damit das Risiko innerhalb dieser Gemeinschaft gleich und gerecht verteilt ist, prüfen wir vor Vertragsschluss den Gesundheitszustand.

Und was passiert, wenn ich Krankheiten nicht angebe?
Ich empfehle jedem, die Gesundheitsfragen unbedingt wahrheitsgemäß und so umfassend wie möglich zu beantworten. Nur so kann der Versicherer das Risiko richtig einschätzen. Wie beim Arzt, der für die richtige Diagnose und Behandlung auch die Vorgeschichte kennen muss. Stellt sich später heraus, dass wesentliche Angaben fehlen, kann dies zur falschen Behandlung führen – und bei der Berufsunfähigkeitsversicherung zum Fortfall des Vertrages. Hierfür gibt es explizite gesetzliche Regelungen, die der Gesetzgeber zum Schutz der ehrlichen und rechtzeitig vorsorgenden Kunden eingeführt hat.

Wie erreicht die medizinische Expertise die Versicherer? Gibt es eine Zusammenarbeit der Branche oder einzelner Unternehmen mit Universitäten oder anderen Forschungseinrichtungen?
Eine direkte Zusammenarbeit mit der Forschung ist eher selten. Es gibt zwar einzelne Forschungsprojekte mit direktem Bezug zu Versicherungsthemen. Oft liegt das Interesse medizinischer Forschung allerdings im Schwerpunkt auf dem verbesserten Verständnis von Krankheitsfaktoren und-verläufen sowie auf der Behandlung.

Versicherer beobachten aber den medizinischen Fortschritt sehr genau, denn hieraus können bedeutende Fortschritte bei der Versicherbarkeit von Menschen mit Vorerkrankungen oder Risikofaktoren entstehen. Oder auch Kostensenkungen auf der Leistungsseite. Wenn zum Beispiel Endoprothesen, also etwa künstliche Hüftgelenke, genauso gut funktionieren wie ein gesundes Gelenk, ist ein körperlich Berufstätiger nach Gelenkersatz nicht berufsunfähig. Das ist für den Betroffenen nicht nur bezogen auf die Lebensqualität, sondern auch sozial ein großer Gewinn.

Wie sollten sich Versicherungsunternehmen in Sachen Berufsunfähigkeitsversicherung aufstellen?
Um den immer weiter steigenden Anforderungen der stets anspruchsvollen Risiko- oder Leistungsprüfung gerecht zu werden, braucht es ein hoch qualifiziertes Team. Gerade der Anstieg der psychischen und psychosomatischen Probleme in der Bevölkerung stellt Beurteiler und Entscheider vor Herausforderungen. Wichtig ist es hier, neben fachlich und persönlich hervorragend ausgebildetem Personal im Kundenservice auch ein gutes Team aus Ärzten, Psychologen und Berufsexperten vorzuhalten. Auch Kooperationen mit externen Anbietern oder Rückversicherern mit entsprechendem Personal können hier sehr hilfreich sein.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit Gutachtern?
Eine Zusammenarbeit gibt es nicht. Aber in unklaren Fällen oder bei widersprüchlichen Informationen in den medizinischen Unterlagen werden unabhängige Gutachter mit dem Ziel beauftragt, den Sachverhalt objektiv zu klären.

Was entgegnen Sie Verbraucherschützern, die die Berufsunfähigkeitsversicherung zwar grundsätzlich als sinnvoll erachten, die Produkte aber häufig als zu teuer kritisieren oder den Unternehmen vorwerfen, im Versicherungsfall nicht zu leisten?
Der Preis hängt stark vom Eintrittsalter ab. Bei jungen Menschen ist die Absicherung gar nicht so teuer, wie viele denken. Insofern ist eine frühe Absicherung sehr ratsam. Dennoch gibt es Berufsunfähigkeitsschutz nicht zum Nulltarif. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es sich um eine hochwertige Absicherung eines existenzbedrohenden Risikos handelt. Und diese hat eben auch ihren Preis.

Wem die Maximalabsicherung zu teuer ist, der kann auch geringere Monatsrenten mit dem Versicherer vereinbaren oder ein anderes Produkt wählen, wie zum Beispiel eine Absicherung gegen Erwerbsminderung, gegen ausgewählte schwere Erkrankungen oder gegen den Pflegefall. Mittlerweile sind sogar Mischformen auf dem Markt.

Zum Vorwurf, Versicherer würden Zahlungen systematisch verzögern oder ablehnen, kann ich Ihnen sagen, dass wir gar kein Interesse daran haben können, berufsunfähigen Kunden die Leistung vorzuenthalten. Im Gegenteil, genau dann kann der Versicherer sein Leistungsversprechen aus dem Beratungsgespräch wahrmachen. Viel schwieriger ist es, keine Leistung anerkennen zu können. Und zwar sowohl bei Kunden, die die vertraglich vereinbarten Leistungsvoraussetzungen nicht oder noch nicht erfüllen, als auch bei denen, die gezielt mit falschen Angaben arbeiten, um Leistungen zu erhalten. Dies betrifft zwar nur wenige Fälle, aber diese sind dann häufig nicht so leicht einvernehmlich zu lösen. Nicht die Leistungsfälle sind für die Unternehmen also problematisch, sondern die Nichtleistungsfälle.

Die Themenwoche zur Berufsunfähigkeit auf GDV.DE:

>> Montag, 29.9.: Berufsunfähigkeit – hohes Risiko mit gravierenden finanziellen Folgen
>> Dienstag, 30.9.: Berufsunfähigkeit im Wandel
>>Mittwoch, 1.10.: Interview – „Versicherungsunternehmen wollen leisten!“
>> Donnerstag, 2.10.: Vorsorge ist der beste Schutz

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