Risi­ko­be­wusst­sein

„Ver­drän­gen macht den All­tag leich­ter“

Wir Menschen wissen um die Klimarisiken und schützen uns dennoch nicht – oder handeln zu spät. Warum eigentlich? Den Weg vom Risikobewusstsein zum Handeln beschreiben die Risikoforscherin Rita Haverkamp und der Klimawandelstratege Dirk Messner.

Frau Haverkamp, wie entwickeln wir Menschen Risikobewusstsein?
Als Kinder, ab vier Jahren etwa, nehmen wir Gefahren wahr, wissen aber nicht mit ihnen umzugehen. Risikobewusstsein entsteht im Laufe des weiteren Lebens, mit den Erfahrungen, die wir machen. Vor Gefahren warnt uns unsere Intuition. Sie trügt uns allerdings dann, wenn uns Erfahrungswerte fehlen und unsere Umwelt unsicher ist.

Bei welchen Risiken fehlen uns Erfahrungswerte?
Rita Haverkamp:
Es gibt sehr unwahrscheinliche Ereignisse, die bringen uns aus dem Lot, weil wir nicht mit ihnen rechnen: Der Terroranschlag vom 11. September 2001 in New York, die Finanzkrise oder der globale Erfolg von Google. Der Klimawandel ist es nicht, weil wir seit vielen Jahren um ihn wissen. Dennoch macht er unsere Umwelt noch überraschender, chaotisch, unsicher.

Welche Gefahren nehmen wir Menschen als besonders bedrohlich wahr?
Rita Haverkamp:
Eine Gefahr ist für uns umso wahrscheinlicher, je mehr Beispiele wir kennen. Die Präsenz in den Medien, der soziale Diskurs, die jeweilige Weltanschauung und eigene Erfahrungen bestimmen, was wir als besonders bedrohlich empfinden. Damit werden Terroranschläge und Morde deutlich überschätzt. Krankheiten wie Krebs oder Diabetes andererseits werden deutlich unterschätzt, weil wir uns eher die Heilungsgeschichten merken. 

Herr Messner, wie bedrohlich empfinden wir Naturkatastrophen?
Naturkatastrophen sind Kulminationspunkte, die uns eine Krise anzeigen. Auch die Hitze im Sommer 2019 in Deutschland mit Temperaturen von 42 Grad ist so ein Kulminationspunkt. In Krisensituationen, bei konkreten Anlässen und Bedrohungen, handeln wir Menschen. Das tun wir eher nicht in schleichenden Prozessen. 

Sind wir in einer Krise?
Dirk Messner: De facto sind wir mit dem Klimawandel in einer globalen Krise. Doch wir Menschen sind in der Lage, Krisen zu vermeiden oder uns an sie anzupassen. Dafür brauchen wir die Unterstützung der Politik und der Wissenschaft, brauchen jetzt schnelle und große Veränderungen. 

Gibt es Grenzen der Anpassung?
Dirk Messner: Alle Studien zeigen: Eine drei bis vier Grad wärmere Welt ist ein Sicherheitsrisiko für uns Menschen. Dann ist zum Beispiel der Anstieg des Meeresspiegels lebensbedrohlich oder Dürre macht Teile der Erde unbewohnbar. Folgen wären Gesellschaftszerfall in besonders betroffenen Regionen, Konflikte, Wanderungsbewegungen. 

Frau Haverkamp, warum schützen wir uns oft nur unzureichend, obwohl wir um die Risiken wissen?
Weil es sich leichter damit lebt, nicht über Bedrohung nachzudenken und sein Verhalten zu ändern. Das vereinfacht uns den Alltag. Wir sehen das beispielsweise an der Debatte über die Fridays-for-Future-Bewegung. Viele versuchen, der eigentlichen Debatte, den Gefahren des Klimawandels, auszuweichen. Stattdessen wird darüber diskutiert, ob es richtig ist, dass die Schüler die Schule schwänzen. 

Herr Messner, hilft die Fridays-for-Future-Bewegung unserem Risikobewusstsein?
Ja, sie stellt nämlich die Frage, warum wir weiter so gemacht haben, obwohl wir um die Risiken des Klimawandels wissen. Damit schafft sie ein Problembewusstsein. Wir akzeptieren unser Problem und beginnen es zu lösen. Historisch gesehen gehen große Veränderungen immer von Jugendbewegungen aus. 40 Jahre Nachhaltigkeitsdiskussion fruchten jetzt. Wir beginnen, uns von Routinen zu verabschieden und neue Lösungen umzusetzen. 

Wie ändern wir unser Verhalten?
Rita Haverkamp: Wir passen uns unser ganzes Leben lang an. Der Umgang mit dem
Smartphone beispielsweise ist erst seit wenigen Jahren selbstverständlich. Und das Smartphone ist sehr bequem. Wir ändern unser Verhalten am liebsten, wenn wir einen Nutzen davon haben.  

Herr Messner, Sie sagen, wir beginnen zu handeln. Was tun wir konkret?
Wir haben die Technologien, jetzt müssen wir die Anpassung sozial verträglich gestalten. Nehmen Sie den Energiesektor: 80 Prozent der neuen Investitionen in Europa in diesem Bereich gehen in erneuerbare Energien. Der Mobilitätsbereich hat sich innerhalb von nur zehn Jahren auf Elektromobilität eingelassen. Wir erarbeiten für die, die der Klimawandel am schlimmsten trifft, die ärmsten zwei Milliarden Menschen der Erde, eine Klimaversicherung. Historisch gesehen ist dieser Prozess ein sehr beschleunigter Prozess. Die Aufklärung oder die Abschaffung der Sklaverei etwa brauchten länger. 

Was tun wir im privaten Bereich?
Dirk Messner: Da haben wir noch Nachholbedarf. Privat neigen wir dazu, Verantwortung gern an andere zu delegieren, an die Regierung. Aber niemand zwingt uns beispielsweise, einen SUV zu fahren, Fernreisen zu unternehmen oder zu einem hohen Fleischkonsum. Niemand verbietet uns, uns vor Hochwasser zu schützen.  

Frau Haverkamp, sollten Naturgefahren medial und öffentlich präsenter sein,
damit es uns leichter fällt zu handeln?

Regional und spezifisch, ja. Eine Breitbandkampagne mit Katastrophenszenarien halte ich nicht für sinnvoll. Die Menschen in den entsprechenden Regionen sollten über ihre spezifischen Gefahren informiert werden, damit sie eine Resilienz entwickeln können, Vorsorge treffen und beispielsweise eine Versicherung abschließen können.

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