Inter­view Risi­ko­for­schung

„Unbe­queme Risi­ken blen­den wir aus“

Warum wir uns im Auto sicher fühlen, im Flugzeug aber nicht? Warum wir unser Haus nicht gegen Naturgefahren absichern – obwohl es eine gute Idee wäre? Risikoforscher Horst-Müller Peters beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Frage, wieso Menschen Risiken oft falsch einschätzen.

Herr Müller-Peters, wie gut können Menschen Risiken einschätzen?

Horst Müller-Peters: Beim Einschätzen von unmittelbaren Gefahren sind wir evolutionär gut ausgestattet. Wenn uns zum Beispiel  eine Schlange bedrohen würde, könnten wir damit umgehen. Wenn es abstrakter wird und wir Wahrscheinlichkeiten abschätzen müssen, sieht es aber nicht mehr so gut aus. Dann sind wir sehr schnell überfordert. Wir rechnen Wahrscheinlichkeiten nicht aus, sondern fragen uns stattdessen: „Wie gut kann ich mir das vorstellen?“ Wie wir das Risiko für eine Gefahr dann beurteilen, hängt stark davon ab, ob wir selbst einmal die Erfahrung gemacht haben oder ob wir jemanden kennen, dem etwas passiert ist – in der Familie, bei Freunden oder Nachbarn.

Aber Autounfälle sind doch sehr häufig und viele haben schon einen erlebt. Trotzdem fürchten sich die meisten eher vor einem Flugzeugabsturz, der aber viel seltener passiert. Warum ist das so?

Müller-Peters: Dabei geht es um Kontrolle. Beim Autofahren sitze ich am Steuer und bilde mir ein, jederzeit in das Geschehen eingreifen zu können. Beim Fliegen dagegen fühle ich mich der Situation ausgeliefert. Das Problem dabei ist: Wenn ich etwas selber durchführe, überschätze ich leider meine Kontrolle. So kommt es dazu, dass sich viele im Straßenverkehr sicherer fühlen und beim Fliegen große Angst verspüren.

Das klingt bedenklich. Können wir uns gar nicht auf unser Urteil verlassen?

Müller-Peters: Im Alltag können wir uns in vielen Fällen auf unsere Intuition verlassen. Aber wir tendieren auch dazu, uns unsere eigene Weltsicht zu erschaffen.  Passionierte Motorradfahrer lassen sich nicht vom Fahren abhalten und Fallschirmspringer sind davon überzeugt, eine sichere Sportart auszuüben. Erst wenn wir uns in einer Situation sehr ausgeliefert fühlen, dann empfinden wir das als großes Risiko – völlig unerheblich, ob sie gefährlich ist oder nicht. Besonders dann, wenn eine Gefahr sehr bildlich vorstellbar ist wie zum Beispiel Terror oder Gewaltverbrechen. Vor beidem haben wir sehr große Angst, obwohl es sehr unwahrscheinlich ist, dass wir selbst davon betroffen sein werden.

Spielt es denn keine Rolle, um welche Art von Gefahr oder Unglück es sich handelt?

Müller-Peters: Es kommt eben darauf an, wie bedrohlich uns ein Ereignis in unserer Vorstellung erscheint. Ein Beispiel sind Tsunamis. Die kommen in unseren Breiten so gut wie gar nicht vor und kein Mensch in Deutschland hat sich wirklich davor gefürchtet. Dann kam es in den letzten Jahren zu mehreren große Erdbeben in Südostasien und Japan, die Tsunamis ausgelöst haben. Und durch die zunehmende mediale Präsenz der Unglücke empfanden wir es als immer wahrscheinlicher, dass uns so etwas auch passieren könnte. Als dann in Japan ein Atomreaktor durch einen Tsunami beschädigt worden ist, war plötzlich die Angst vor einem Atomunglück durch solche Naturkatastrophen sehr real für uns. So dass wir kurzerhand den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen haben. Obwohl Tsunamis nach wie vor ein sehr unwahrscheinliches Ereignis darstellen.

Und was ist eine realistische Gefahr?

Müller-Peters: Zum Beispiel nicht mehr arbeiten zu können. Fast jeder Vierte wird einmal in seinem Leben berufsunfähig. Im Vergleich dazu ist es so gut wie ausgeschlossen, dass ein Tsunami die Ostseeküste trifft. Aber es besteht eine realistische Chance, seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten zu können, wenn man länger krank wird. Dieses unbequeme, reale Risiko blenden wir aber aus.

Warum machen wir das?

Müller-Peters: Grundsätzlich verdrängen wir existenzielle Gefahren lieber – vor allem Pflegebedürftigkeit oder Krankheiten. Nach dem Motto: „Davon sind nur die anderen betroffen, aber ich darf das einfach nicht sein.“ Mit schlimmen Konsequenzen: Für einen Berufseinsteiger ist seine Arbeitskraft das wertvollste, was er hat. Aber statt sich gegen Berufsunfähigkeit zu versichern, versichert er lieber sein Handy. Das ist überschaubarer. Die Regel sollte aber eigentlich lauten: Trage kleine Risiken selbst, aber sichere dich gegen elementare Risiken ab.

Nur nicht gegen Tsunamis!

Müller-Peters: Zwar gibt es in Deutschland keine Tsunamis, aber Hochwasser oder gefährlich starke Regenfälle schon. Wenn aber nach einer Hochwasser-Katastrophe das Nachbardorf untergeht,  reicht uns das trotzdem oft nicht aus, selbst aktiv zu werden und uns für die Zukunft dagegen abzusichern.  Wir brauchen im Anschluss noch einen Schubs in die richtige Richtung – zum Beispiel durch einen Makler oder Vermittler. Ohne eine mediale Berichterstattung, die uns das Problem bildhaft und real erscheinen lässt, geht es aber nicht.

Wenn die Medien berichten, werde ich also handeln?

Müller-Peters: Es stimmt, dass der Einfluss der Medien sehr groß ist. Ein gutes Beispiel sind die seit Jahren zurückgehenden Verbrechensraten. Trotzdem wird weiterhin prominent über Morde und andere Gewaltverbrechen berichtet und die Angst davor bleibt ungebrochen. Für die Risikoeinschätzung kommt aber noch eine persönliche Kosten-Nutzen-Einschätzung hinzu.

Das klingt wiederum sehr rational…

Müller-Peters: Leider nein, denn auch die wird intuitiv getroffen und leider liegen viele damit wieder falsch. Die Menschen schauen auf den Preis einer Versicherung und denken: „Das ist mir zu teuer.“ Das ist aber ein schwerer Trugschluss. Beim Autokauf denkt jeder die Kosten für die Kfz-Versicherung mit. Wer ein großes und teures Auto hat, wird auch entsprechend zahlen, weil bei einem Unfall eben hohe Kosten entstehen. Für ein Haus, das noch viel mehr wert ist – vielleicht Hunderttausende – will man die Versicherungskosten dann plötzlich nicht mehr mitdenken. Dabei müsste das gleiche gelten wie beim Auto: Wenn ich mir die Versicherung – auch gegen Elementargefahren - angeblich nicht leisten kann, dann darf ich mir das Haus auch nicht kaufen.

Können wir lernen, Risiken besser einzuschätzen?

Müller-Peters: Das wäre sehr wünschenswert. Ich weiß aber nicht, ob mehr Wahrscheinlichkeitsrechnung im Mathe-Unterricht in der Schule tatsächlich helfen würde. Mein Ratschlag wäre: Vertraue im Alltag ruhig auf deine Intuition, aber wenn du vor wirklich wichtigen Entscheidungen stehst, solltest du die Sache ganz rational durchdenken.

Das Gespräch führte Markus Fischer   

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