Inter­view mit Tele­kom-Mana­ger Frank Stre­cker

„Staat muss bei euro­päi­scher Cloud voran gehen“

Frank Strecker verantwortet das Cloud-Geschäft der Deutschen Telekom. Wie sicher sensible Unternehmensdaten im virtuellen Datenraum sind und warum er an den Erfolg der europäischen Cloud-Plattform Gaia X glaubt – darüber spricht er im Interview.

Herr Strecker, wie wichtig ist Cloud-Technologie heutzutage im Mittelstand?
Frank Strecker:
Die Cloud löst die traditionelle IT in Unternehmen ab. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Kosten. Es geht um mehr Flexibilität und vor allem geht es um die Innovationen, die ich damit bekomme: Gesichtserkennung, Artificial Intelligence (AI). Diese Features entwickelt kein Mittelständler selber. Die Innovationskraft kommt sehr stark von den Cloud-Plattformen. Nicht zuletzt geht es um die wirtschaftlichen Ökosysteme, die ich über die Cloud nutzen kann.

Was heißt das konkret, zum Beispiel für das verarbeitende Gewerbe?
Strecker:
Im produzierenden Gewerbe haben Sie zum einen die klassische IT, wie Mail- oder Abrechnungssysteme. Zum anderen ist heute jede Maschine ans Netz angeschlossen und produziert eben nicht nur Produkte, sondern digitale Daten, aus denen sich weitere Geschäftsmodelle ergeben können. Diese Geschäftsmodelle wiederum leben vom Austausch mit anderen Unternehmen.

Deutsche Mittelständler gelten als skeptisch gegenüber der Cloud-Technologie. Woher kommt das Misstrauen?
Strecker:
Im Prinzip wissen alle: Die Reise geht in die Cloud. Aber in der Tat ist die Debatte in Deutschland eine andere als in den USA. Auf der einen Seite sind die Unternehmen hierzulande offen für die Technologie. Sie hilft ihnen bei der Digitalisierung, sie hilft ihnen, ihre Produkte schneller auf den Markt zu bringen, sie hilft ihnen bei der Suche nach qualifiziertem Personal. Auf der anderen Seite habe ich als Unternehmen ein Problem, wenn der Falsche sieht, wie die Lasertechnologie funktioniert, in der ich Weltmarktführer bin. Und von diesen Weltmarktführern gibt es bei uns eine ganze Menge.

Im kommenden Jahr soll die europäische Cloud Gaia X an den Start gehen. Kann sie dieses Dilemma lösen? Die Telekom ist ja einer der Industriepartner…
Strecker:
Hinter Gaia X steht die Frage: Wie schaffe ich Datensouveränität für europäische Unternehmen? Wir wollen ein Rahmenwerk schaffen, das eine höhere Sicherheit liefert. Ich glaube, dass das vielen die Skepsis nehmen wird.

Bedeutet das für die Unternehmen, dass sie auf Cloud-Services aus den USA oder China verzichten müssen, wenn sie Gaia X nutzen?  
Strecker:
Nein, keineswegs. Gaia X versteht sich als übergeordneter Data-layer: Er ermöglicht es Unternehmen, souverän zu entscheiden, mit wem und für wie lange sie ihre Daten teilen wollen.  Selbstverständlich können sie die Plattformen der großen Cloud-Anbieter aus den USA oder China, ihre Rechenleistung und Services weiterhin nutzen – mit dem Unterschied, dass diese Anbieter keinen direkten Zugriff auf die Daten mehr haben. So können Firmen etwa weiterhin auf die Gesichtserkennung von Google zurückgreifen. Und die Verschlüsselung von Gaia X verhindert, dass der Anbieter auch nur theoretisch Zugriff auf die Inhalte hat.

Trotz aller Bemühungen um Kollaboration – zum Beispiel Industrie 4.0 oder gemeinsame Datenräume – speichern viele Unternehmen ihre Daten nach wie vor bei sich. Wie soll sich das jetzt ändern?
Strecker:
Wenn wir ein Risiko sehen, dass wir bei der Digitalisierung den Anschluss verlieren, sollten wir das nicht nur äußern. Wir sollten etwas dagegen unternehmen.  Im Fall von Gaia X wäre es wünschenswert, wenn der Staat nicht nur das Regelwerk gestaltet, sondern auch einer der großen Nutzer wird. Länder und Kommunen müssen sagen: Wir gehen voran, wir sind die ersten Kunden. In anderen Ländern gibt es so etwas schon lange – die USA zum Beispiel verfolgen seit vielen Jahren eine Public-Cloud-First-Strategie für die Regierung und Verwaltung. Damit setzen Sie als Staat einen Trend.

Studien zufolge erwägt ein Viertel der Betriebe sogar, Daten aus der Cloud zurückzuziehen. Motiviert Sie das?
Strecker:
Vor fünf Jahren haben mir viele Kunden gesagt: Cloud geht gar nicht. Vor drei Jahren haben sie gesagt: Wenn Cloud, dann nur eine Private Cloud. Heute haben diese Unternehmen eine Public-Cloud-First-Strategie. Der Trend geht in die Cloud. Dass es bei neuen Entwicklungen auch  Wellenbewegungen gibt, dass auch Unternehmen noch mal einen Schritt zurück treten, halte ich für normal. Die Anzahl der Kunden, die einen Schritt nach vorn gehen, ist aber wesentlich größer. Das zeigen nicht nur unsere Wachstumszahlen, sondern die der gesamten Cloud-Branche.

Gleichzeitig lassen 60 Prozent der Unternehmen ihren Cloud-Dienstleistern freie Hand, indem sie ihnen keine Anforderungen mit auf den Weg geben.
Strecker:
Ich kann das nicht bestätigen. Wenn ein Kunde in die Cloud starten will, ist dieser Erstvertrag sehr aufwendig und kostet auch viel Zeit. Die Betriebe definieren sehr genau, was darf und was nicht darf.

Was wäre die Konsequenz für die Wirtschaft, wenn Gaia X scheitern würde?
Strecker:
Die Welt würde nicht untergehen, wenn wir mit Gaia X scheitern würden. Aber es würde uns als Industrienation sehr viel erfolgreicher machen, wenn das Projekt gelingt. Gaia X ist zunächst mal eine Chance, bei der Digitalisierung aufzuholen.

Die Fragen stellte Simon Frost.

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