Alter­s­ar­mut

"Ren­ten­stei­ge­run­gen bei Frauen brin­gen noch keine Ent­war­nung"

Altersarmut ist in der Regel weiblich. Dieser Befund wird sich zwar durch die verbesserte Anrechnung der Kindererziehungszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung abschwächen. Eine komfortable Alterssicherung für Frauen bedeutet das jedoch noch lange nicht, meint die Politikwissenschaftlerin Prof. Ute Klammer. Sie forscht zu den Verbindungen zwischen Erwerbsbiographie und Alterssicherung. Dabei hat sich auch gezeigt, dass Männer beim Armutsrisiko im Alter inzwischen „aufgeholt“ haben.

Sie analysieren seit langem Zusammenhänge zwischen Lebensverläufen und Sozialpolitik. Sehen Sie dabei Trends, die besonders Frauen betreffen?
Ute Klammer: Langsam macht sich die gestiegene Erwerbsorientierung westdeutscher Frauen auch in einem Anstieg eigenständiger Rentenansprüche bemerkbar. Der Gewinn ist allerdings nur relativ: Bedingt durch unstetiger gewordene Erwerbsbiografien, aber auch Kürzungen im System der gesetzlichen Rente gehen die Rentenansprüche von westdeutschen Männern und Menschen beiderlei Geschlechts in Ostdeutschland zurück. Dadurch können westdeutsche Frauen ihre relative Position verbessern. Zudem wird sich der gegenwärtig bei (westdeutschen) Frauen charakteristische Befund, dass die Rente umso niedriger liegt, je mehr Kinder erzogen wurden, künftig durch die verbesserte Anrechnung von Kindererziehungszeiten abschwächen.

Also ein Grund zur Entwarnung?
Klammer:Nein. Zugangsrenten westdeutscher Frauen liegen immer noch rund 40 Prozent unter dem Wert für Männer. Bezieht man die eigenständigen Ansprüche aus der betrieblichen und privaten Alterssicherung mit ein, beläuft sich der „gender pension gap“ sogar auf knapp 60 Prozent. Die Rente des Partners bzw. später die Witwenrente bleibt für viele Frauen insofern weiterhin eine wichtige Quelle des Alterseinkommens. Über die geringste Kaufkraft im Alter verfügen unter den alleinlebenden älteren Frauen diejenigen, die durch Trennung und Scheidung einen unerwarteten „Rollenwechsel“ bewältigen mussten.


Zwischen dem Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit und der Wirklichkeit im Alter klafft vor allem bei berufstätigen Frauen mit Kindern eine Lücke. Verdrängen Frauen das Thema „Altersvorsorge“?
Klammer:Beide Geschlechter verdrängen in vielen Fällen das Thema Alterssicherung – vor allem bei niedrigen Einkommen, wo die Frage, wie man gut durch den laufenden Monat kommt, die Menschen weit mehr bewegt als die Frage, wie man wohl in 20 oder 30 Jahren zurechtkommt. Das ist also nicht nur ein bei Frauen zu beobachtendes Phänomen, auch wenn vor allem verheiratete Frauen sich sicher immer noch zu häufig auf den Partner und die Sozialsysteme verlassen. Bei Männern gehen die üblichen Lebens- und Erwerbsverläufe allerdings weiterhin stärker konform mit den Sicherungsmechanismen der GRV, aber auch mit den Regeln der betrieblichen Alterssicherung. Zudem erlaubt ihnen ihr Einkommen eher, privat vorzusorgen.

Armut im Alter war lange weiblich. Hat sich das inzwischen geändert und wie sieht das in der Zukunft aus?
Klammer:Unter den aktuellen Grundsicherungsbeziehern sind, bedingt durch die längere Lebenserwartung, zwar viel mehr Frauen. Sieht man auf die geschlechtsspezifischen Betroffenheitsquoten, so sind Frauen mit 3,3 Prozent auch häufiger betroffen als Männer mit 2,6 Prozent. Männer haben jedoch in den letzten Jahren stark „aufgeholt“. Auch die Prognosen zeigen Risikogruppen unter beiden Geschlechtern, zum Beispiel unter den Selbstständigen, und in Ostdeutschland. Kritisch sind vor allem die unzureichenden eigenständigen Rentenansprüche vieler Frauen. So ist die Witwenrente eindeutig eine „Rente zweiter Klasse“, die zum Beispiel in Bezug auf die Möglichkeiten einer erneuten Heirat nicht die gleiche Autonomie gibt wie eigenständige Rentenansprüche.

Was kann getan werden, um Frauen bei ihrer Absicherung im Alter besser zu unterstützen?
Klammer:Die politischen Signale und rechtlichen Rahmenbedingungen müssten deutlich dahingehend geändert werden, dass lange, vollständige Erwerbsausstiege von Ehefrauen und Müttern nicht weiter aktiv gefördert werden. Stattdessen sollte sich die Unterstützung auf kurze, reversible Ausstiege und temporäre Arbeitszeitreduktionen konzentrieren. Da die Fürsorgearbeit aber nicht aus der Welt verschwindet, müssen auch die Männer mit ins Boot: Kurze Vollzeit statt Vollzeit plus Überstunden heißt hier die Devise! Zudem müsste die Anrechnung von Angehörigenpflege auf die gesetzlichen Rentenansprüche analog zur Kindererziehung verbessert werden – und zwar auch dann, wenn die Pflegenden das Rentenalter schon erreicht haben.

Die richtige Weichenstellung für eine gute Alterssicherung kann jedoch nicht erst im Rentenalter vorgenommen werden. Dann ist es ja meist zu spät.
Deshalb muss die Bedeutung der Alterssicherung, auch der privaten Altersvorsorge, schon früh im Lebenslauf ins Bewusstsein gerückt werden, damit deutlich wird, dass wir alle in einer Gesellschaft des langen Lebens mehr Konsumverzicht zugunsten der Altersphase leisten müssen. Dem Thema ökonomische Bildung sollte in der Schule mehr Bedeutung zukommen. Die Kernprobleme der Alterssicherung müssen allerdings auf dem Arbeitsmarkt gelöst werden: Ohne eine angemessene Entlohnung in typischen Frauenberufen werden die meisten Frauen kaum eigene gesetzliche Rentenansprüche oberhalb der Grundsicherung erwerben, geschweige denn die Lücken durch private Vorsorge schließen können.

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