Inter­view

"Ren­ten­pa­ket lässt Gering­ver­die­ner in der Ries­ter-Falle"

Der Abstand zwischen Renten und Arbeitseinkommen wächst in den kommenden Jahren noch schneller als erwartet, wie der aktuelle Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung prognostiziert. Über die Ursachen dieser Entwicklung und die Perspektiven von gesetzlicher und privater Vorsorge haben wir mit Prognos-Chefökonom Michael Böhmer gesprochen.

Der Rentenversicherungsbericht sieht die zukünftigen Rentner trotz Riester-Sparens vor Problemen: Die immer größere Rentenlücke könne – anders als von den Reformen 2001 erhofft – nicht mit der Riester-Rente ausgeglichen werden. Hat die Riester-Rente versagt?
Michael Böhmer: Die Riester-Rente ist so konstruiert, dass Sie mit einem jährlichen Sparbetrag von 4 Prozent Ihres Bruttoeinkommens das in der Reform angelegte Absinken des Rentenniveaus kompensieren können. Das funktioniert auch. Dass sich heute trotzdem für Viele Lücken abzeichnen, liegt vielmehr daran, dass die Riester-Rente nicht von allen genutzt wird, oder nicht vollumfänglich.

Diejenigen, für die Riester attraktiv ist, haben in der Regel heute einen Riester-Vertrag. Das sind immerhin 16 Millionen Menschen in Deutschland. Einigen tut der Rückgang des Rentenniveaus nicht weh, weil sie beispielsweise über Wohneigentum verfügen, eine Erbschaft erwarten oder die Differenz über eine Betriebsrente ausgleichen. Diese Menschen sagen – durchaus rational: Riester? Brauchen wir nicht. Problematisch ist hingegen die Gruppe derjenigen mit unsteten Erwerbsbiografien und geringen Erwerbseinkommen. Diese Menschen werden sich im Alter am Rand der Grundsicherung bewegen und sie müssen befürchten, dass ihre Riester-Rente auf die Grundsicherung angerechnet wird. Das Stichwort hierzu lautet „Riester-Falle“.


Der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Arbeitnehmerflügel der Union fordern, die Wirkung der Riester-Rente zu überprüfen. Wie hätte sich die gesetzliche Rente denn ohne die Einführung der Riesterrente entwickelt?
Böhmer: Selbstverständlich läge das Rentenniveau heute und in Zukunft höher. Nach heutiger Ausgangslage wird das Sicherungsniveau (netto vor Steuern) von heute gut 48 Prozent auf etwas mehr als 42 Prozent im Jahr 2050 zurückgehen. Ohne die Reformen seit 2001 würde das Sicherungsniveau nur leicht absinken, auf rund 47 Prozent. Die Kehrseite der Medaille zeigt sich aber beim Beitragssatz: Mit den Reformen gelingt es, den Anstieg bis zum Jahr 2050 auf etwa 24 Prozent zu beschränken, ohne Reformen läge der Beitragssatz bei rund 29 Prozent.

Der Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung prognostiziert ein Rentenwachstum von 39 Prozent bis zum Jahr 2028. Auf der anderen Seite sieht der Bericht ein immer weiter sinkendes Rentenniveau. Die Lücke zwischen Arbeits- und Renteneinkommen werde somit immer größer. Was muss Ihrer Meinung nach passieren, um das Rentensystems zukunftssicher zu machen?
Böhmer:Ja, die Lücke wird größer, aber das ist gewollt. Mit der Rentenreform von 2001 hat man sich politisch dazu entschieden, dass sich Erwerbstätige und Rentner – beide – an den Lasten der demografischen Alterung beteiligen sollten. Deshalb ist seitdem die Rentenformel so ausgestaltet, dass das Wachstum des Arbeitseinkommens nicht ’eins-zu-eins‘ an die Rentner weitergereicht wird. Zumindest bis zum Jahr 2030 ist die Rentenversicherung demografiefest, die gesetzlich festgelegten Mindestsicherungsniveaus und Höchstbeitragssätze werden nicht gerissen – wenn man sich an die Rentenformel hält.

Allerdings geben die Leistungsausweitungen, die dieses Jahr durch das Rentenpaket eingeführt wurden, Anlass zur Sorge. Schon heute zeigt sich, dass der Pfad der Beitragssätze höher und der des Rentenniveaus niedriger ausfallen werden. Fatal wäre, wenn das Rentenpaket eine Kehrtwende zurück zu kürzeren Lebensarbeitszeiten markieren würde. Gleichzeitig kommen die Leistungsausweitungen des Rentenpakets gerade nicht denjenigen zugute, die in der „Riester-Falle“ sitzen und für die dringend etwas getan werden müsste.

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