Kli­maan­pas­sung

„Regie­rung sollte den Kli­ma­wan­del in För­der­in­stru­men­ten für den Städ­te­bau ver­an­kern”

Zunehmende Wetterextreme treffen Menschen, Städte, das ganze Land. Anpassung an den Klimawandel ist notwendig, sagt Klimaexpertin Petra Mahrenholz vom Umweltbundesamt. Sie skizziert, was eine gute Strategie ausmacht.

Frau Mahrenholz, warum ist Anpassung an den Klimawandel notwendig?
Weil wir mit weitreichenden klimatischen Veränderungen rechnen müssen; selbst wenn wir die Treibhausgasemission sofort auf null fahren würden. Unser Erdsystem heizt sich auf, die Durchschnittstemperatur in Deutschland hat sich in den vergangenen 130 Jahren um 1,5 Grad erhöht. Die Konsequenzen spüren wir auch noch in Jahrzehnten, denn ein Zurück gibt es nicht. Und ein Weiter-so auch nicht: Alle Szenarien sagen: Wenn wir weiter wie bisher fossile Brennstoffe nutzen, liegt zum Ende des Jahrhunderts die Erwärmung bei drei, vielleicht vier Grad. Deswegen ist einerseits Klimaschutz unabdingbar. Und wir müssen andererseits den Klimawandel mit Anpassungsmaßnahmen begleiten.

Auf welche Wetterextreme müssen wir uns vor allem einstellen?
Auf die Hitze: Wir hatten in den vergangenen 70, 80 Jahren durchschnittlich sieben heiße Tage mit Temperaturen über 30 Grad. Diese Anzahl wird bis 2100 sehr wahrscheinlich um 20 bis 30 Tage steigen. Das ist nicht nur für ältere Menschen, Kranke und Kinder eine Gefahr, auch für gesunde Menschen. Gerade in den Städten.

Ist Hitze das größte Risiko, an das wir uns anpassen müssen?
Das zweite ist Starkregen und seine Schäden an Gebäuden und Infrastruktur durch Sturzfluten und Überschwemmung. Die Herausforderung ist dabei die zunehmende Variabilität zwischen Zuviel und Zuwenig Wasser. Das haben wir in den vergangenen Jahren gesehen: 2015 und 2018 hatten wir Hitze- und Dürrejahre mit insgesamt zu wenig Wasser; 2016 und 2017 vor allem verheerende Starkregen. Damit einher geht die Beeinträchtigung der Wassernutzung. Der Grundwasserspiegel sinkt, die Bodenfeuchte sinkt. Werden wir künftig in allen Regionen Deutschlands genügend Wasser haben? 2018 gab es bereits Knappheit, etwa im Harzer Vorland.

Welche Veränderungen erleben wir noch?
Eine weitere Herausforderung ist die Veränderung der Arten, das Schrumpfen des Artenreichtums. Und der Anstieg des Meeresspiegels bedroht Küstenregionen, zunehmende Flusshochwasser bedrohen ganze Landstriche.

Welche Prämissen muss eine Anpassungsstrategie setzen?
Sie muss umfassend sein, flexibel und alle gesellschaftlichen Bereiche mitdenken, Umwelt, Soziales, Wirtschaft und Verkehr. Der Klimawandel schlägt in allen Feldern zu. Oft gibt es dabei eine Kaskadenwirkung, die zu berücksichtigen ist: Fällt ein System aus, fallen andere mit aus. Dafür braucht es Generalisten, die Maßnahmen in Komplexität denken.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Bei der Elbeflut 2013 fielen die Server eines Rechenzentrums in der Region wegen Überflutung aus. Davon waren überregional mehrere Institutionen betroffen, sie hatten kein Telefon, kein Internet, konnten über ihre Daten nicht verfügen. Obwohl sie weit weg von der Flut waren, spürten sie die Auswirkungen. Wenn wir uns fragen: Was machen wir, wenn bundesweit der Strom ausfällt, der Verkehr zusammenbricht, dann wird relevant, dass wir in Kaskadensystemen quer über die Infrastruktur denken müssen.

Was macht gute Klimaanpassung aus?
Dass sie wie beschrieben sektorenübergreifend denkt und sich die Maßnahmen nicht gegenseitig behindern. Dass sie vorausschauend plant. Zum Beispiel im Hochwasserschutz: Deichbau ist das eine, doch Sie sollten auch hinter dem Deich Flächen für die Renaturierung freihalten. Das wirkt sich einerseits aufs Klima positiv aus, andererseits haben Sie für Extremfälle weitere Überflutungsflächen und schützen die Infrastruktur. Ein weiteres Kriterium ist die Effizienz, dass der Nutzen möglichst höher ist als die Kosten. Dach- und Fassadenbegrünung zum Schutz vor Hitze beispielsweise sind sehr gut, weil der Nutzen auch gesellschaftlich ist. Das Stadtklima verbessert sich, Artenvielfalt kann erhalten werden.

Wie weit sind deutsche Städte in Sachen Klimaanpassung?
Es gibt Städte, die schon sehr weit sind. Wir zeichnen seit drei Jahren gute Beispiele aus und hatten 2018 etwa 100 Bewerbungen, auch von städtischen Unternehmen. Viele Städte haben Klimamanager oder ressortübergreifende Gremien für die Anpassung, andere Städte Maßnahmenpläne. Stuttgart, Hamburg, Berlin beispielsweise setzen Strategien für die Anpassung an Hitze und Starkregen um. Sie verändern Kanalisation und oberirdische Infrastruktur, begrünen Flächen und Gebäude. Berlin stellt öffentlich Trinkwasserbrunnen auf. Solingen hat seine Straßen so gestaltet, dass kein Regenwasser auf Grundstücke fließen kann. Doch so simpel das klingt, es scheitert oft an noch geltenden Vorschriften. Und vielen Kommunen fehlt das Geld.

Wie steht Deutschland im europäischen Vergleich da?
Ich würde Deutschland mit zu den Vorreitern zählen. Wir sind recht weit mit dem Hitzeschutz. Die Niederlande haben sehr gute Schutzkonzepte für Küsten und Flüsse, da sind wir in Deutschland noch nicht so weit. Auch die Schweiz, Dänemark und Frankreich sind sehr gut aufgestellt.

Sie sagten, Klimaanpassung ist eine komplexe Aufgabe für alle. Welche Rolle spielt die Bundespolitik, welche Rolle spielen Städte und Gemeinden?
Die Bundespolitik gibt den gesetzlichen Rahmen vor, schafft Normen und Richtlinien. In der Baugesetzgebung, der Umweltverträglichkeitsprüfung und dem Hochwasserschutz haben wir bereits gute Vorschriften. Damit gibt sie den Kommunen rechtliche Sicherheit und erleichtert die Anpassung. Diese sollte zur Pflichtaufgabe der Städte werden. Die Bundesregierung sollte den Klimawandel in Förderinstrumenten verankern, für den Städtebau beispielsweise. An den Kommunen ist es, entsprechende Maßnahmen umzusetzen.

Wie können sich Bürgerinnen und Bürger schützen?
Die Verantwortung der Einzelnen wird in europäischen Staaten sehr stark diskutiert. Wo hört Vorsorge des Staates auf, wo beginnt Eigenverantwortung? Privatpersonen müssen sich und ihr Eigentum selbst schützen, auch mit technischen Mitteln. Und jegliche Veränderung geht auch mit kulturellem Wandel einher, mit sozialer Fürsorge. Bei Hitze sollten wir mehr aufeinander achten. Alte Leute beispielsweise trinken oft zu wenig. Darauf kann man sie hinweisen – auch darauf, nicht in der Mittagszeit aus dem Haus zu gehen.

Welche Rolle spielt die Versicherungswirtschaft?
Sie spielt zum einen eine große Rolle als Multiplikatorin, um für die Risiken von Extremereignissen zu sensibilisieren. Und natürlich mit ihren Leistungen, Risiken abzusichern. Zum anderen nutzt das Umweltbundesamt auch die Erkenntnisse der Assekuranz. Dass die Schäden mit dem Klimawandel steigen, wissen wir auch aus ihren Daten. Die Zusammenarbeit ist sehr lang und vertrauensvoll.

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