Hoch­tief-Vor­stand im Inter­view

"Öffent­lich-pri­vate Part­ner­schaf­ten ähn­lich sicher wie Staats­an­lei­hen"

Was sind die idealen Rahmenbedingungen für öffentlich-private Partnerschaften? Welche Rolle können Versicherer dabei spielen? Und was ist der dringendste Wunsch an Bundeswirtschaftsminister Gabriel? Hochtief-Vorstand Nikolaus Graf von Matuschka redet Klartext.

Herr Graf von Matuschka, lassen Sie sich bitte auf einen kleinen Perspektivenwechsel ein: Stellen Sie sich vor, Sie wären Oberbürgermeister. Würden Sie sich dann trauen, eine Stadthalle oder eine Umgehungsstraße im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft (ÖPP) bauen zu lassen?
Nikolaus Graf von Matuschka: Ich würde mich bei meinen Kollegen in anderen Städten erkundigen, die entsprechende Erfahrungen gesammelt haben. Sie würden mir sagen, dass sie bei weit über 80 Prozent der Projekte mit der Qualität, den Kosten und der Zeit, in der sie durchgeführt wurden, zufrieden waren. Dann würde ich auch eine solche Partnerschaft eingehen.

Hand aufs Herz: An der Hamburger Elbphilharmonie baut Hochtief doch kräftig mit. Nach den dort gemachten Fehlern, hätten Sie nicht doch Sorge um ihre Wiederwahl, wenn sie bei Bau und Betrieb von Infrastruktur-Projekten auf die Hilfe von Privatunternehmen zählen würden?
Matuschka:Nein, denn statistisch gesehen laufen vier von fünf ÖPPs gut. Über sie wird aber leider nicht annähernd so häufig berichtet wie über wenige Großprojekte, bei denen es Probleme gab oder gibt.

 

Dann ist das jetzt Ihre große Chance: Nennen Sie uns bitte Ihr persönliches Paradebeispiel.
Matuschka:Das ist das Dortmunder U: Um die ehemalige Union-Brauerei errichten wir ein neues Stadtviertel mit Berufskollegs und einem Kreativquartier als ÖPP – absolut reibungslos. Im Übrigen ist die Elbphilharmonie, bei der wir jetzt auf einem guten Weg sind, kein ÖPP-Projekt. Hier ging es um einen der besten Konzertsäle der Welt und ein neues Wahrzeichen. Hier stand die Architektur im Vordergrund und nicht die Kostenoptimierung über den gesamten Lebenszyklus.

Aber wenn so viele ÖPPs erfolgreich sind, warum ist dann ihr Image so schlecht?
Matuschka:Wir schaffen es bisher nicht, die Öffentlichkeit vom Erfolg von ÖPPs zu überzeugen, auch weil Kritiker mit großem Eifer und sachlich falschen Argumenten auftreten. Wir spüren allerdings in der politischen Debatte einen positiven Stimmungswechsel.

Obwohl der Bundesrechnungshof gerade festgestellt hat, dass etliche ÖPP-Autobahnprojekte unter dem Strich klar teurer wurden, als wenn der Staat sie in Eigenregie durchgeführt hätte?
Matuschka:Bis heute halte ich persönlich die Begründung dieser Erkenntnis für alles andere als nachvollziehbar. Wir haben den Rechnungshof aufgefordert, die Berechnungen offenzulegen, damit wir sie widerlegen können.

Dass die Bauindustrie eine andere Position vertritt, liegt auf der Hand. Aber wie belegen Sie denn im Detail die Kostenvorteile?
Matuschka:Ein Privatunternehmen hat bei ÖPP nicht nur die Verantwortung für den Bau, sondern auch für den Unterhalt der nächsten 20 bis 30 Jahre. Ob bei Gebäuden oder Autobahnen – die Betriebskosten betragen immer ein Vielfaches der Baukosten. Wenn eine Firma für beides verantwortlich ist, verwendet sie nicht die billigsten Materialien, sondern baut nachhaltig. So sind die Baukosten vielleicht zunächst höher, aber dafür muss sie viel weniger für den Unterhalt ausgeben – das macht die Projekte insgesamt wirtschaftlicher.

Das ist die Betreiberperspektive. Für solche Projekte müssen Sie aber jedes Mal Milliarden mobilisieren und Investoren überzeugen. Mit Blick auf den Dax: Sollten die nicht lieber in Aktien statt in Beton investieren?
Matuschka:ÖPPs sind auf einen langen Zeitraum planbar. Sie haben einen ganz anderen Wert als Aktien, weil sie ähnlich sicher wie Staatsanleihen sind. Zudem versprechen sie eine Gewinnmarge, mit der man rechnen kann. Das macht sie interessant für private Investoren wie Versicherer. Das Allerwichtigste ist aber: ÖPPs können das Finanzierungsproblem der deutschen Infrastruktur lösen und helfen, den Modernisierungsstau abzubauen. Sonst steuern wir unweigerlich auf einen Verkehrsinfarkt zu. Den können wir uns im Wettbewerb mit anderen Ländern nicht leisten.
Welche Rolle kann die Versicherungswirtschaft dabei spielen?
Matuschka:Wir brauchen die Branche, um Finanzierungslücken zu schließen: ÖPPs bieten gerade für Versicherer eine gute Mischung aus Sicherheit und planbarer Rendite. Dafür sind verlässliche Rahmenbedingungen seitens der Politik natürlich unerlässlich. Was schwebt Ihnen vor?
Matuschka:Wir brauchen einheitliche Standards, statt sie für jede ÖPP immer wieder neu zu erfinden. Die Vergabeprozesse wären kürzer und günstiger. Die Niederlande etwa sind da weiter: Unternehmen, die sich mit viel Kreativität und Geld in eine Ausschreibung stürzen, bekommen einen Teil ihrer Investitionen wieder ausgezahlt, sollten sie den Projektzuschlag nicht erhalten. Außerdem müssen die Risiken klar definiert und zugewiesen werden. Dann weiß jeder, wofür er verantwortlich ist – und es gibt hinterher keinen Streit.

Was wünschen Sie sich von Wirtschaftsminister Gabriel?
Matuschka:Ich glaube, da muss ich mir gar nicht mehr so viel wünschen. Er hat verstanden, dass man privates Kapital braucht, um die marode Infrastruktur wiederherzustellen. Minister Gabriel sollte sich von dem eingeschlagenen Weg nicht mehr abbringen lassen. Mit ÖPP steht ihm ein Produkt zur Verfügung, mit dem er sein Vorhaben umsetzen kann. Er müsste es einfach nur standardisieren. Dabei könnte ihm auch die Industrie helfen.

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