Meteo­ro­lo­gie: Inter­view mit Jörg Kachel­mann

"Nichts kommt über­ra­schend, wenn man alle tech­ni­schen Hilfs­mit­tel nutzt"

Er hat dem Wetterbericht einst zu gehörigen Einschaltquoten verholfen. Jörg Kachelmann arbeitet heute an präziseren Wetterdaten. Er ist überzeugt: In Sachen Unwetterwarnung könnte man heute viel mehr tun.

Herr Kachelmann,  hinter uns liegt ein extrem trockener und warmer Sommer. Erwarten uns künftig öfter solche langen Hitzeperioden? 
Jörg Kachelmann:
Nicht unbedingt. Man wird erst in zehn Jahren rückblickend sehen, ob sich Sommer vom Typ 2018 häufen und wie oft. Haben wir beispielsweise im kommenden Jahr einen kalten, verregneten Sommer, werden sich alle 2018 zurückwünschen. Grundsätzlich gilt, dass mit der Erderwärmung die Temperaturgegensätze zwischen Polar- und subtropischen Gegenden abnehmen. Und dass es dadurch weniger Westwindzonen gibt, dafür aber mehr meridionale Wetterlagen, so wie in den vergangenen Monaten. Dabei verlaufen die Luftströme dann häufiger in Nord-Süd-Richtung oder umgekehrt.

Was heißt das für den Herbst? Drohen uns bald mehr heftigere Stürme?
Kachelmann:
Der Sommer bedeutet nichts für den Herbst, außer dass höhere Wassertemperaturen von Nord- und Ostsee dort mehr Schauer und Gewitter produzieren können. Häufigere meridionale Wetterlagen bedeuten gerade nicht, dass es automatisch mehr Stürme geben wird. Wird die Westwindzone schwächer, weil sich die Polargebiete überproportional erwärmen, muss das in der Konsequenz gleichzeitig seltenere und weniger starke Tiefdruckentwicklungen bedeuten. Genauso würde eine Meridionalisierung der vorherrschenden Windrichtung für die Winter bedeuten, dass sie im Schnitt nicht unbedingt wärmer werden müssen.

Im Gefolge von Gewittern treten mitunter auch gefährliche Tornados auf. Wie genau kann man ihre Schneise inzwischen vorhersagen?
Kachelmann:
Wir sehen in unserem Stormtracking, wenn eine Gewitterwolke rotiert. Das bedeutet noch nicht automatisch, dass sie einen Tornado produziert. Wir werten das Radar in 250x250 Meter Auflösung alle fünf Minuten aus und fügen einen Rotationsmarker hinzu. Wie in den USA kann man aber grundsätzlich erst dann Menschen vor einem Tornado warnen, wenn er wirklich da ist. Morgens um acht weiß man beispielsweise noch nicht, ob es am Abend in Berlin den Müggelsee zerlegt, um mal in Ihrer Region zu bleiben. Aber wenn sich was über dem Fläming bildet, kann und muss man ihn begleiten, um zu prüfen, ob er womöglich die Stadt trifft. Meine Horrorvorstellung ist ein starker Tornado wie der in Pforzheim 1968, der nach einem heißen Tag durch eine deutsche Großstadt zieht.

Was unterscheidet in dem Zusammenhang die Vorabinformation von der Warnung?
Kachelmann:
Bei den Warnungen des DWD weist eine Vorabinformation meist für weite Teile Deutschlands darauf hin, das ein Wetterereignis auftreten kann, aber nicht muss. Medien nehmen dann gern spezifische Städte aus ihrer Region heraus und verkünden die Vorabinformation als Unwetterwarnung, vor allem weil das Klicks bringt. Die Menschen warten dann stundenlang, ohne das ein Ereignis eintritt, was naturgemäß selten der Fall sein wird. Dann gehen sie wieder raus und begeben sich im Zweifel in Gefahr. Deshalb ist es verantwortungslos, die Vorabinformation als Warnung zu verkaufen. Dass Vorabinformationen ja oft nicht in Unwetterwarnungen enden, wird dann am Ende den Meteorologen als „Fehlvorhersage“ angelastet.

Und was setzt eine Warnung voraus?
Kachelmann:
Dass das Unwetter eine konkrete Gefahr ist. Häufig werden aber dann die echten Unwetterwarnungen leider nicht mehr durch Medien verbreitet, weil ja bereits die Vorabinformation fälschlicherweise als eine solche verkauft wurde.

Dafür gibt es ja die Wetter-Apps.
Kachelmann:
Da gibt es so viel Elend. Erfundene Wetterwerte und Radarbilder oder katastrophale Vorhersagen. Wir versuchen das mit unseren Pflotsh-Apps sauber und richtig zu machen.

Können flächendeckende lokale Wetterstationen die Vorhersagen verbessern?
Kachelmann:
Durchaus. Messungen vor Ort sind wichtig, für die Kalbrierung unseres 1x1-km-Modells und für unsere Sturzflut-Hinweise, die wir für das Land Baden-Württemberg entwickeln. Mit den Bodendaten, wir nennen das auch Ground Truth, kann man auch heute in der computerisierten Wettervorhersage große Fortschritte machen, weshalb wir begonnen haben, gemeinsam mit einer Versicherung innerhalb eines Jahres 2000 Wetterstationen aufzubauen mit allen wichtigen Parametern.

Inwieweit eignen sich Wetterstationen auch, um Schäden durch Sturm, Hagel oder Starkregen zu dokumentieren?
Kachelmann:
Manchmal machen wir Obergutachten, wenn so getan wird, als ob die Böe an einem Ort das arithmetische Mittel zwischen zwei 30 Kilometer entfernten Windmessern sei. Es gibt so viel Scharlatanerie. Auch das wollen wir mit den 2000 Wetterstationen für Deutschland beenden, damit immer ein Windmesser in der Nähe war, wenn was passiert.

Sie sind ein eifriger Twitterer. Welchen Nutzen bietet der Dienst für Verbraucher?
Kachelmann:
Mit Twitter erreicht man heute viele Leute und wir können auch den Menschen helfen, Dinge wie Stormtracking oder die Radarbilder zu verstehen. In den USA kann jedes Kind Radarbilder verstehen, bei uns ist das eher noch in den Kinderschuhen. Wir versuchen durch permanente Begleitung von Unwettern Wissen weiterzugeben und Menschen Mut zu machen, selbständige Entscheidungen zu treffen. Vor einer Sturzflut hat man meist 30 bis 45 Minuten Zeit, bevor sie kommt, wie wir aus unseren Sturzflutwarnungen erfahren können. Das reicht, sich selbst und die wichtigsten Dinge zu retten. Man kann heute viel mehr tun, als sich die meisten Leute vorstellen. Wann immer jemand sagt, dass ein Unwetter überraschend gekommen sei, ist das de facto eigentlich nicht wahr. Nichts kommt überraschend, wenn man alle technischen Hilfsmittel nutzt, die es gibt.

 
Mit Twitter lassen sich also auch Schäden vermeiden?
Kachelmann:
Die Werkzeuge, die wir haben, können Schäden vermeiden, aber man muss natürlich auch Menschen erreichen – und eben diesen zeigen, wie man die Werkzeuge anwendet. Heute glauben viele Leute, sie würden auf einer App morgens um acht sehen, ob und wann nachmittags ein Gewitter kommt. Durch die Abwendung von naturwissenschaftlichen Fächern in der Schule haben wir teilweise einen regelrechten Bildungsnotstand, auch was meteorologische Themen betrifft. Viele Menschen glauben im Ernst an Flüsse als Wetterscheiden, Hagelflieger, Wetterfühligkeit, den Einfluss des Mondes und Hokuspokus aller Art. Wie versuchen auch über diesen Kanal der Wissenschaftlichkeit zu ihrem Recht zu verhelfen.

Sie arbeiten unter anderem für die EU an neuen Prognosemodellen. Was untersuchen Sie da genau?
Kachelmann:
Wir haben in einem inzwischen beendeten Projekt untersucht, inwieweit man Fahrzeuge als Wetterstationen nutzen kann. In einem neuen Projekt werden wir für Großstädte ein Modell mit 100x100 Meter Maschenweite entwickeln und für meteorologische und lufthygienische Vorhersagen nutzen und hier Busse und Taxis als fahrende Wetterstationen nutzen, um die Welt der Zukunft besser planbar zu machen und nicht zuletzt auch eine Revolution für die Qualität des Winterdienstes in Deutschland zu schaffen.

Interview: Sara Friedrich 

 


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