Rei­ner Will, Asse­ku­rata

"Lebens­ver­si­che­rungs­re­form war wirk­same Kor­rek­tur"

Die Ratingagentur für Versicherungen, Assekurata, hat in einer Studie die Überschussbeteiligung der Lebensversicherer vorgestellt. Demnach sinkt die laufende Verzinsung im Durchschnitt auf 3,33 Prozent (Vorjahr 3,53 Prozent) und die Gesamtverzinsung auf 3,90 Prozent (Vorjahr 4,04 Prozent). Reiner Will, Geschäftsführer von Assekurata, erklärt im Interview, wie sich die Lebensversicherungsreform auf die Überschussbeteiligung auswirkt und warum das Anlegen von Kapital eine sportliche Herausforderung für die Versicherer bleibt.

Vergangene Woche wurden 5-jährige Bundesanleihen mit 0 Prozent emittiert, das Kapitalmarktumfeld bleibt angespannt. Wie hätte sich die Überschussbeteiligung 2015 Ihrer Meinung nach ohne das Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) entwickelt?
Reiner Will: Die wesentliche Wirkung des LVRG auf die Überschussbeteiligung liegt in der begrenzten Ausschüttung endfälliger Bewertungsreserven von festverzinslichen Wertpapieren. Das LVRG führt im Sinne einer generationengerechten Beteiligung an den Bewertungsreserven zu einer wirksamen und zielgerichteten Korrektur.

Warum?
Will: In unserer aktuellen Marktstudie konnten wir feststellen, dass nur noch wenige Gesellschaften endfällige Bewertungsreserven ausschütten. Lag im Vorjahr der marktweite Durchschnitt noch bei 0,21 Prozent, entfallen 2015 nur noch 0,03 Prozent der Gesamtverzinsung auf diese Komponente. Ohne das LVRG hätten die Lebensversicherer noch höhere Bewertungsreserven als im Vorjahr ausschütten müssen.

Wie hat sich der durchschnittliche Garantiezins im Bestand entwickelt und wie bewerten Sie diese Entwicklung hinsichtlich der Kapitalanlage der Unternehmen?
Will: Die wiederholte Senkung des gesetzlichen Höchstrechnungszinses hat in den vergangenen Jahren zu kontinuierlich rückläufigen Garantiezinsanforderungen geführt. Im Jahr 2014 ist diese im Marktdurchschnitt um drei Basispunkte zurückgegangen. Der arithmetische Durchschnitt liegt damit bei 3,05 Prozent. Da nicht alle Lebensversicherer an unserer Studie teilnehmen, kann die tatsächliche Zinsanforderung marktweit noch etwas höher sein. Ungeachtet der Trägheit von Bestandsgarantien zeigt die mehrfache Absenkung des Höchstrechnungszinses in den vergangenen Jahren nun Wirkung. Hieraus ergibt sich eine gewisse Entlastung für die Kapitalanlage. Gleichwohl ist der Unterschied zwischen dem aktuellen Neuanlagezins und den Bestandsanforderungen noch immens und stellt die meisten Lebensversicherer unverändert vor große Herausforderungen.


Seit 2010 bauen die Lebensversicherer die Zinszusatzreserve auf, per Ende 2014 stehen dort 20 Mrd. Euro für zukünftige Garantieleistungen parat. Wie bewerten Sie dieses Instrument rückblickend und hinsichtlich der Gestaltung in diesem Nullzinsumfeld?
Will: Die Wirkung der Zinszusatzreserve haben wir in unserer aktuellen Studie näher betrachtet. Dazu wurde ein Abgleich der Garantiezinsanforderung im Bestand vor und nach Zinszusatzreserve vorgenommen. Wir konnten feststellen, dass die durchschnittlichen Garantiezinsanforderungen von 3,05 Prozent dank der marktweit gebildeten Zinszusatzreserve um 25 Basispunkte auf 2,80 Prozent zurückgeht. Die Wirkung ist somit beachtlich. Gleichwohl muss man sehen, dass die Berechnungsmethodik der Zinszusatzreserve in den kommenden Jahren zwangsläufig weitere hohe Zuführungen bewirken wird.

Wie wirkt sich das konkret aus?
Will: Allein für 2016 dürften sie bei rund acht bis neun Milliarden Euro liegen. Das belastet folglich die Rohüberschüsse und damit auch die Überschussbeteiligung. Finanzierbar ist das im derzeitigen Niedrigzinsumfeld nur über Auflösung von Bewertungsreserven, was allerdings auf Kosten der Substanz geht. Man muss aufpassen, dass hier der Bogen nicht überspannt wird. Eine zeitlich gestreckte Dotierung der Zinszusatzreserve kann hier durchaus Sinn machen.

Verschiedene Lebensversicherer haben neue Versicherungstarife angekündigt. Wohin geht die Reise bei den neuen Produkten, die verstärkt auf den Markt kommen?
Will: Im Zuge der Diskussionen um das historisch niedrige Marktzinsniveau und die langfristige Finanzierbarkeit klassischer Policen gewinnen Produkte mit modifizierten Garantien im Lebensversicherungsmarkt an Bedeutung. Für Kunden, die auf die harten Garantien der klassischen Lebensversicherung nicht unbedingt Wert legen, aber dennoch eine sicherheitsorientierte Form der Altersvorsorge bevorzugen, können sie eine interessante Alternative darstellen.

Welche Erkennisse haben Sie in Ihrer Marktstudie zu den neuen Produkten gewonnen?
Will: Dieses Thema gewinnt an Bedeutung. Immerhin haben 17 Gesellschaften in unserer Studie Angaben zur Einführung eines neuen Produktes im Bereich „Neue Klassik“ gemacht. Die Produkte sind im Hinblick auf die Ausgestaltung von Garantien und Überschussbeteiligung unterschiedlich konzipiert, was einen unmittelbaren Vergleich erschwert. Alle untersuchten Produkte versprechen eine deutlich positive Beitragsrendite nach Inflation. Gleichwohl ist die Spannbreite der illustrierten Beitragsrendite sichtlich hoch. Insgesamt stellen wir fest, dass kein Anbieter mit seinem Produkt der Konkurrenz in allen von uns betrachteten Eigenschaften überlegen ist.

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