Inter­view zur Zulas­sung von E-Rol­lern

„Kraft­fahr­zeuge gehö­ren grund­sätz­lich nicht auf Geh­wege”

Die Bundesregierung will E-Roller bald in Deutschland zulassen. Laut den Plänen sollen Gefährte bis zwölf Stundenkilometer noch auf Bürgersteigen fahren dürfen. Unfallforscher Siegfried Brockmann hält die Geschwindigkeit für zu hoch.

Herr Brockmann, laut den Plänen des Bundesverkehrsministeriums sollen E-Roller mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu zwölf Stundenkilometern (km/h) künftig auf Gehwegen erlaubt sein. Was halten Sie davon?
Siegfried Brockmann: Gar nichts. E-Roller sind Kraftfahrzeuge, und die haben auf Gehwegen grundsätzlich nichts zu suchen. Fußgänger sollen sich dort sicher bewegen können, das gilt erst recht für Personen mit Beeinträchtigungen, wie etwa Seh- oder Gehbehinderte.

Laut Rechtsprechung gelten selbst zehn Km/h noch als Schrittgeschwindigkeit. Mit dem Argument rechtfertigt auch das Ministerium seine Pläne. Sind Sie nicht also etwas zu streng?
Brockmann: Erstmal sind zwölf Stundenkilometer eben nicht zehn. Und zweitens beziehen sich die Gerichtsurteile auf verkehrsberuhigte Bereiche – also auf Straßen, auf denen man als Fußgänger  Autos erwartet. Das ist auf Gehwegen nicht so. Deshalb lässt sich diese Definition auch nicht übertragen.

Nun dürfen aber auch Kinder bis zehn Jahre mit ihrem Fahrrad noch den Gehweg nutzen. Die schaffen doch auch zehn Km/h und mehr.
Brockmann: In den Fällen werden die Kinder meist von einem Erwachsenen begleitet, der sie beaufsichtigt. Das wäre bei E-Rollern nicht der Fall. Außerdem dient die Regel dazu, Kinder schrittweise an den Straßenverkehr heranzuführen. Es findet also eine klare Gefahrenabwägung statt.

In Österreich sind E-Roller bereits zugelassen. Dort liegt die bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit bei sechs Stundenkilometer, bis zu der die Gefährte noch auf dem Gehweg fahren dürfen. Schnellere Fahrzeuge müssen auf den Radweg. Wäre das aus ihrer Sicht eine geeignete Lösung?
Brockmann: Ja, und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Die Höchstgeschwindigkeit muss gar nicht durch die Bauart beschränkt werden. Denn das würde bedeuten, dass die Hersteller eigens für Gehwege eigene Rollermodelle bauen müssten. Besser wäre aus meiner Sicht eine Taste, mit der sich das Tempo bei sechs Stundenkilometer drosseln ließe. Mein Vorschlag gilt aber unter der Prämisse, dass erst 15-Jährige E-Roller nutzen können und nicht – wie vorgesehen – schon 12-Jährige.

Warum denn nicht?
Brockmann: Wie gesagt, Kraftfahrzeuge gehören grundsätzlich nicht auf Gehwege. Ich verstehe aber das Argument derjenigen, die sagen: Wir brauchen Ausnahmen, wenn wir den Autoverkehr in den Städten reduzieren wollen. E-Scooter erweitern zweifellos unsere Mobilität und können gerade die Lücke auf der sogenannten letzten Meile schließen, also vom ÖPNV-Anschluss zum Arbeitsplatz oder Wohnort. Das Argument gilt aber nur für Pendler, die lange Wege zur Arbeit haben. Bei Schulkindern stellt sich das Problem meist nicht, da ihre Wege nicht so weit sind. Und ich weiß auch nicht, warum wir ihnen die körperliche Bewegung völlig abgewöhnen sollten.

Mal abgesehen davon, ob nun E-Scooter schon ab sechs Km/h Höchstgeschwindigkeit auf Radwege sollten oder erst ab zwölf km/h, wie von der Regierung geplant: Sind sie denn dort wirklich gut aufgehoben? Oder kommen sich die Rollerfahrer dann nicht mit Fahrradfahrern ins Gehege?
Brockmann: Mit Blick auf die Geschwindigkeit und den Verkehrsstrom passen sie eigentlich gut dorthin. Die Frage ist nur: Was passiert, wenn sich die Scooter als Erfolgsmodell entpuppen? Dann käme auf den ohnehin schon anschwellenden Verkehr auf Radwegen noch einiges dazu. Und dann wird’s brenzlig.

Die Infrastruktur für E-Roller ist also gar nicht vorhanden?
Brockmann: Ja, der Ausbau der Radverkehrswege kommt viel zu langsam voran. Da müssen die Kommunen schneller werden. Dennoch sage ich: Selbst schlechte Radwege sind immer noch die bessere Alternative als das Fahren auf den Gehwegen.

Man könnte doch mit der Zulassung von E-Rollern warten, bis die Infrastruktur dafür ausgelegt ist?
Brockmann:
Das funktioniert nicht. Die Politik will die Scooter, die Hersteller und Verleiher ebenfalls. Und vermutlich auch viele Kunden. Es ist unrealistisch zu glauben, man könne die Entwicklung noch für fünf Jahre aufhalten.

Wenn Radwege fehlen, müssen Rollerfahrer auf die Straße ausweichen. Kann das denn gutgehen?
Brockmann:
E-Roller sind aufgrund der geringen Radgröße instabiler und anfälliger für Fahrbahnunebenheiten oder Schlaglöcher. Es macht eben schon einen Unterschied, ob Sie mit einem Fahrrad über einen Ast fahren oder mit einem E-Scooter. Deshalb ja:  Das ist ein zusätzliches Risiko, in dem Fall aber vor allem für den Fahrer selbst.

Gibt es denn schon Statistiken, die eine höhere Unfallgefahr belegen?
Brockmann: Es kursieren Zahlen von Verletzten mit E-Rollern aus den USA, doch die haben keine Aussagekraft. Wenn es mehr solcher Verkehrsmittel gibt, steigt zwangsläufig auch die Zahl der Unfälle mit ihnen. Wichtiger sind sogenannte Expositionsdaten. Das heißt: Wie verändert sich das Unfallgeschehen im Verhältnis zur Fahrleistung? Solche Daten gibt es bislang nicht. Dafür braucht es längere Beobachtungen, E-Scooter sind aber noch ein recht neues Verkehrsmittel.

Interview: Karsten Röbisch

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