Inter­view: Sim­bachs Bür­ger­meis­ter Klaus Schmid

"Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Hoch­was­ser tref­fen könnte"

Heute Wuppertal, vor zwei Jahren Simbach am Inn. Am 1. Juni 2016 trifft eine Starkregenzelle die Kleinstadt an der deutsch-österreichischen Grenze, nachdem es bereits in den Tagen zuvor viel geregnet hatte. Der sonst so zahme Simbach schwillt an zu einem reißenden Fluss und überflutet Teile der Innenstadt. Bis zu 1,70 Meter hoch steht das Wasser, fünf Menschen verlieren ihr Leben. Eine Jahrtausendflut. Viele Schäden wurden seitdem repariert, die Spuren der Katastrophe sind aber noch sichtbar. Im Interview spricht Bürgermeister Klaus Schmid (CSU) über den Stand des Wiederaufbaus und darüber, wie die Flut ihn und die Menschen geprägt hat.

Herr Schmid, am 1. Juni 2016 wurde ihre Stadt von einer verheerenden Sturzflut überrollt. Wie ist der Stand des Wiederaufbaus zwei Jahre später?
Klaus Schmid: Im privaten Bereich sind schon viele der rund betroffenen 500 Häuser saniert worden, einige Baumaßnahmen kommen aber auch erst jetzt in Gang. Die Schäden an den kommunalen Einrichtungen sind fast vollständig beseitigt. Aber auch wir haben noch schwierige Aufgaben vor uns.

Welche sind das?
Schmid: Es geht vor allem um den Hochwasserschutz. Das Ausmaß eines 100-jährigen Hochwasserereignisses wurde nach der Katastrophe neu berechnet. Der Simbach erhält nun ein größeres Bett, der Wasserdurchlauf wird hinterher doppelt so groß sein wie heute. Im Juni wird mit der Rückverlegung des Deichs die erste Baumaßnahme umgesetzt. Es ist gut, dass es nun losgeht, auch um die Furcht der Menschen aus den Köpfen zu bekommen. Dass es bis jetzt gedauert hat, liegt daran, dass wir die neuen Berechnungen erst spät bekommen haben und erst dann mit dem Planfeststellungsverfahren beginnen konnten.

Wie teuer wird der Wiederaufbau insgesamt werden?
Schmid: Wir hatten seinerzeit die Kosten für uns als Kommune mit 25 Millionen Euro kalkuliert, etwa die Hälfte davon haben wir bis heute ausgegeben. Wo wir am Ende landen werden, lässt sich jetzt noch nicht abschätzen. Die große Unbekannte ist die Flussbetterweiterung mit allem, was dazu gehört: neue Brücken, neue Leitungen, ein neues Regenrückhaltebecken. Dafür kann man grob 20 bis 25 Millionen Euro veranschlagen. Das meiste übernimmt das Wasserwirtschaftsamt, doch einen Teil davon tragen auch wir.

Woher nehmen Sie das Geld?
Schmid: Der Freistaat Bayern hatte gleich nach der Katastrophe ein Programm zum Wiederaufbau aufgelegt. Für kommunale Schäden beträgt der Fördersatz 100 Prozent. Im privaten Bereich ersetzt das Land in der Regel 80 Prozent der Wiederaufbaukosten, in Ausnahmefällen auch 100 Prozent. Dieses Geld machte den Großteil der staatlichen Hilfe aus, die meisten Betroffenen waren ja nicht versichert.

Hat die Katastrophe in dieser Hinsicht zu einem Umdenken geführt?
Schmid: Ich denke schon, dass die Sturzflut viele aus der Bevölkerung wachgerüttelt hat. Da spreche ich auch von mir selbst. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Hochwasser treffen könnte. Selbst die Bewohner in höheren Lagen Simbachs waren ja betroffen. Das Regenwasser lief einfach den Berg hinunter direkt hinein in ihre Wohnzimmer.

Ging der Wiederaufbau bei den Versicherten schneller, weil sie nicht erst Wochen auf die staatliche Hilfe warten mussten?
Schmid: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Einige, die versichert waren, sind schon 2017 in ein neu gebautes Haus gezogen, andere haben noch heute mit ihrer Versicherung zu tun. Gleiches gilt für die staatliche Förderung: Es gab diejenigen, die früh alle Dokumente beisammen hatten und Geld bekamen, andere mussten länger darum kämpfen. Es ist immer auch typabhängig. Wer sich mehr engagiert und vielleicht auch mal lästig wird, der bekommt schneller Hilfe. Was man auch nie vergessen darf: Es gibt unter den Betroffenen viele ältere Leute. Die mussten sich auf einmal noch mit Dingen wie Neubau oder Sanierung befassen. Das war für sie nicht leicht.

Die bayerische Landesregierung hat auch als Folge der Katastrophe in Simbach beschlossen, ab Juli 2019 keine Schäden mehr zu begleichen, die versicherbar gewesen wären. Was halten Sie davon?
Schmid: So ein Hilfsprogramm, von dem wir, aber auch der gesamte Landkreis profitiert haben, wird es sicherlich nicht noch einmal geben. Ob es richtig ist, einfach einen Strich zu ziehen, da bin ich mir nicht so sicher. Das könnte bei künftigen Katastrophen zu persönlichen Härten führen.

Wie lange wird es dauern, bis die Spuren der Flut in Simbach beseitigt sind?
Schmid: Zehn Jahre sind aus meiner Sicht eine realistische Annahme. Das wäre also 2026. Da rede ich aber allein von den Sachschäden. Wie lange es dauert, bis die Menschen auch die seelischen Folgen der Katastrophe verarbeitet haben, vermag ich nicht zu sagen. Sachschäden lassen sich reparieren, persönliche Verluste nicht. Das Tragischste an der Flut sind ja die fünf Toten. In einer kleinen Stadt wie unserer zählt der persönliche Kontakt sehr viel, fast jeder kannte die Opfer.

Wie hat Sie die Flut persönlich verändert?
Schmid: Ich bin ein wenig ängstlicher geworden. Wenn am Horizont ein Gewitter aufzieht, dann entsteht so eine innere Unruhe. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis dieses mulmige Gefühl vergeht.

Das Gespräch führte Karsten Röbisch

 

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