Inter­view über digi­ta­les Kri­sen­ma­na­ge­ment

„Gutes Kri­sen­ma­na­ge­ment braucht immer eine gute Metho­dik“

Der Lockdown erschwert die Arbeit von Krisenstäben, wie aktuell auch bei der Bewältigung des Schneechaos. Krisenmanagement-Coach Klaus Bockslaff erklärt, wie digitale Tools Einsatzkräfte unterstützen können – und wo die Grenzen liegen.

Herr Bockslaff, Sie haben für das Krisenmanagement ein digitales System entwickelt. Wie funktioniert es?
Klaus Bockslaff:
Es ist ein Onlinetool und strukturiert die Arbeit von Krisenstäben ab dem Moment, da die Katastrophe eintritt. In solchen Ausnahmesituationen ist ein methodisches Vorgehen, auch unter Zeitdruck, enorm wichtig. Das Tool strukturiert die methodischen Schritte – von der Lageerfassung über Sofortmaßnahmen, Zeitplanungen bis hin zum Abschluss. Es beschleunigt die Arbeitsprozesse des Krisenstabs. 

Eine neue Form der Arbeitsteilung Mensch – IT?
Bockslaff: 
Wenn Sie es so nennen wollen, ja. Die schrittweise Methodik erleichtert die Kommunikation, unterstützt die Krisenorganisation bei der Erteilung von Aufträgen und gibt einen jeweils aktuellen Überblick über die Lage und visualisiert diese am Bildschirm. Der Krisenstab kann sich auf das Erarbeiten von Lösungen konzentrieren.

Wo im Krisenmanagement hat Digitalisierung ihre Grenzen?
Bockslaff: 
Digitalisierung kann ein Krisenmanagement unterstützen, doch kluge Entscheidungen nicht ersetzen. Dafür braucht es menschliche Lösungsfindungskompetenz, die Fähigkeit, in Ausnahmesituationen ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist die Apollo-13-Mission – das Krisenszenario schlechthin. Drei Menschen ohne ausreichend Sauerstoff und Energie in einer instabilen Raumkapsel mitten im Weltraum. Ein Großteil der Technik versagt. Und unten, in Houston, sitzt der NASA-Flugdirektor mit einem kompetenten Team und findet unter extremem Zeitdruck aus den noch vorhandenen Mitteln an Bord einen Weg zur Rettung. 

Sind digitale Tools auch bei anderen Krisen wie etwa Naturkatastrophen hilfreich?
Bockslaff: 
Ja. Zwar ist jede Krise anders und kann trotz gutem und oft erprobtem Risikomanagement eintreten, egal ob in einem Land oder in einem Unternehmen – ob Hochwasser oder Reaktorunfall. Doch gutes Krisenmanagement braucht immer eine gute Methodik, damit der Kopf frei bleibt. Ziel muss es sein, vor die Lage zu kommen – nicht mehr von den Ereignissen getrieben zu werden, sondern selbst Impulse setzen zu können.

 

Digitale Tools halten den Rücken frei und helfen, nichts zu vergessen. Für welche Branchen ist digitales Krisenmanagement wichtig?
Bockslaff: 
Da würde ich alle einschließen – Regierungen ebenso wie Unternehmen oder Behörden. Krisen wird es immer geben, auf ganz unterschiedliche Weise. Und jeglicher Krisenstab muss dann stressfrei und kreativ agieren können. 

Wie funktioniert digitales Krisenmanagement, wenn beispielsweise Strom oder IT ausfallen?
Bockslaff: 
In der Regel über Notstromaggregate und Ersatzleitungen, die jedes Risikomanagement vorhalten muss. Zudem empfiehlt sich immer auch ein gedrucktes Handbuch, das für alle aus dem Krisenstab zugänglich sein sollte. 

Durch die Kontaktbeschränkungen der Corona-Pandemie hat die Digitalisierung des gesamten öffentlichen Lebens und der Arbeitswelt global einen Schub erlebt. Was wird davon bleiben?
Bockslaff: 
Es wird uns in Zukunft leichter fallen, mit digitalen Techniken umzugehen. Sie gehören heute zum Alltag. Möglicherweise verzichten wir auf die eine oder andere klimaschädliche Reise, weil digitale Meetings zeitsparender sind. Doch ich bin da eher pessimistisch. Wir Menschen sind nur begrenzt lernfähig und verzichten ungern auf einmal besessene Bequemlichkeiten.

Interview: Katharina Fial

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