Leh­ren aus der Corona-Krise

„Gesund­heits­schutz ist Natur­schutz“

Abstandhalten ist das Mittel im Kampf gegen Corona. Und lässt sich ebenso als Strategie im Kampf gegen den Klimawandel nutzen: Mehr freie Flächen machen Städte nicht nur widerstandsfähiger gegen Wetterextreme, sie erhöhen auch die Lebensqualität.

Abstand halten. Das große, vorbeugende Gebot der Corona-Zeit. Ein Meter fünfzig zwischen den Menschen Raum lassen, damit das Virus keine Chance hat, überzuspringen. „Bitte halten Sie Abstand!“, steht seit März 2020 an jedem Supermarkteingang, an jedem Café, an den Rolltreppen und auf den Bahnsteigen von Bus und Bahn. „Bitte, bitte Abstand halten.“, klingt gar der Refrain eines Popsongs. Die Formel der Pandemie.

Raum lassen, ein wesentliches Element der Klimaanpassung. Im Hochwasserschutz lassen naturnahe Ufer Bächen, Flüssen und Seen Raum zum Fluten, damit diese nicht Menschen, Gebäude und Infrastruktur überschwemmen. Starkregenangepasste Städte halten begrünte Flächen und Mulden im urbanen Raum für ein Zuviel an Wasser vor. Für Hitze-Resilienz wird selbst der bebaute Raum genutzt: Dächer erhalten Pflanzen. Dieses kühlende frische Grün ist zudem gut fürs Klima. Es schluckt Kohlendioxid, verwandelt es in Sauerstoff.

Der Natur Raum lassen – und den Menschen

Die Schwammstadt, jenes Modell, das dem Wasser Raum gibt und die Hitze mindert, eignet sich auch für eine pandemieangepasste Lebensweise. Freiflächen dienen dem menschlichen Abstandsgebot. Das wird in Corona-Zeiten ausgiebig genutzt. Die Menschen entdecken den natürlichen Raum: für Sport, für Begegnung, für Kultur. „Draußenstadt“ betitelt etwa die Hauptstadt Berlin das öffentliche Leben, das sich auch in vielen Regionen Deutschlands in den Sommermonaten verlagert: Theater, Kino, Konzerte, Ausstellungen finden outdoor statt. 

Da, wo das Virus weniger Chancen hat als drinnen. Gastronomen erobern sich Parkplätze und den Straßenraum, damit sie ihre Gäste an ausreichend Tischen mit ausreichend Distanz bewirten können. In vielen deutschen Städten entstehen temporäre Radwege auf Fahrbahnen, damit die Menschen mehr Platz für gesunde Mobilität bekommen. Straßen werden auch zeitweise gesperrt, damit Kinder darauf spielen können.

Grüne Städte steigern Wohlbefinden und Klima-Resilienz

„Stadtgrün in unmittelbarer Wohnungsnähe ist enorm wichtig für das Wohlbefinden der Menschen – besonders in Krisenzeiten, aber auch jenseits von Ausgangsbeschränkungen“, postuliert das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, das sich mit zahlreichen wissenschaftlichen Programmen klimaresilienten, nachhaltigen Städten widmet. Im freien Grün besteht nicht nur geringere Infektionsgefahr. „Leistungen der Natur, sogenannte Ökosystemleistungen, mindern auch Stress und Ängste, das Gefühl der Einsamkeit und Depressionen.“ 

Die Forschenden erproben dafür unter anderem eine App, mit der sich Grün in Wohnortnähe je nach individuellen Bedürfnissen finden und erkunden lässt. Wie das Leibniz-Institut sind derzeit viele WissenschaftlerInnen dabei, ein Leben mit der Pandemie zu definieren. Und werden in Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzepten fündig.

Nähe zu Flüssen oder Wildnis birgt größere Gefahren

„Gesundheitsschutz ist Naturschutz“, sagt auch Petra Mahrenholz, Klimaanpassungsstrategin des Umweltbundesamtes (UBA). Für ein Leben mit Pandemien brauche es keine neuen Modelle: „Das Wissen ist da. Es muss nur angewandt werden.“ An erster Stelle steht das Wissen um die Ursachen. Mahrenholz: „Wer natürliche Ressourcen ausbeutet, muss damit rechnen, dass sich die Resilienz der Welt verändert.“ 

Je näher die Menschen der Wildnis und Wildtieren rücken, umso größer die Gefahr, dass tödliche Viren überspringen – das Coronavirus stammt vermutlich von Fledermäusen. Je näher Menschen an Flüssen bauen, desto höher ihr Überschwemmungsrisiko. Durch die globalisierte Wirtschaft, durch Handel und Tourismus verbreiten sich Erreger, Tier- oder Pflanzenarten weltweit. In der neuen Lebenswelt sind dann die Menschen nicht auf sie vorbereitet, es gibt auch keine natürlichen Feinde. Das Ökosystem gerät aus dem Gleichgewicht. Das birgt neue Risiken.

Corona wird nicht das letzte globale Virus bleiben, so viel scheint sicher. Die entsprechende Risikoanalyse von Robert Koch-Institut und Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rechnet mit einer – statistischen – Wiederkehr ähnlicher Pandemien alle 100 bis 1.000 Jahre.

Vier Strategien, um Katastrophen zu begegnen

Mahrenholz zählt vier Faktoren auf, die Voraussetzung für ein Leben mit jeglichem Risiko sind, ob Naturgefahr oder globale Krankheit. 

  1. „Wir müssen das Risiko verstehen“ – durch Analysen, die das Ausmaß der Gefährdung zeigen; durch Information und Bildung. 
  2. „Öffentliche Institutionen müssen gestärkt und vernetzt werden“ – von der Stadtplanung bis hin zu Gesundheitsämtern und ÄrztInnen. Für eine angepasste, und das heißt immer auch nachhaltige Lebensweise, „braucht es kein Denken von A nach B. Es braucht integrierte Lösungen.“ 
  3. „Es muss vorab in Vorsorge investiert werden, nicht erst, wenn die Katastrophe bereits im vollen Gang ist.“ Dafür bietet diese Pandemie nach ihrer Weltpremiere nun die Chance: Was kann vorausschauender gemacht werden? 
  4. „Katastrophenfälle müssen auch in Nicht-Katastrophen-Zeiten geprobt werden.“ Wie bei der Klimaanpassung sollte auch für eine Pandemie-Resilienz nicht nur auf technischen Schutz gesetzt werden – wie etwa auf Hochwasserschutztore oder eben einen Impfstoff und Intensivstationen. Es braucht, so Mahrenholz, für eine angepasste Lebensweise auch eine lernfähige Gesellschaft: auf Händeschütteln verzichten; die Maske tragen; monatelanges Homeoffice. Freiwillig verzichten Millionen Deutsche auf tradierte kulturelle Werte.

Es braucht naturbasierte Lösungen – im Großen wie im Kleinen

Es braucht zudem und vor allem „naturbasierte“ Lösungen. Der Natur ihren Raum lassen. Mit einer globalen Biodiversitätsstrategie, wie sie Bundesumweltministerin Svenja Schulze plant. Natürliche Lebensräume und ihre Artenvielfalt sollen erhalten beziehungsweise neu geschaffen werden, damit Abstand zu gefährlichen Erregern bleibt. Damit zudem die grüne Lunge der Welt weiter für uns alle atmen kann. Die Wildnis global, das ländliche und städtische Grün national. 

Zwei solcher naturbasierten Lösungen empfiehlt das UBA aktuell. Zum einen: das Wiederaufforsten von Wäldern, die von Sturm oder Dürre zerstört sind, zu sogenannten „klimaplastischen“ Wäldern. Einheimische Bäume sollen zu widerstandsfähigen Mischwäldern wachsen statt zu verletzbaren Monokulturen. Das zweite: „Wasser in der Fläche halten“, also Moore, Feuchtgebiete erhalten. Als natürliche Räume für Artenreichtum und Klimaschutz, die wiederum widerstandsfähiger gegen Klimaextreme sind.

Freie Flächen in den Städten kommen dem Klimaschutz zugute

Raum geben, das Corona-Gebot des Abstands. Auch Forschende des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) knüpfen die Pandemie-Formel an mehr freie Flächen in Städten, die wiederum Klimaschutz und -anpassung zugutekommen. „Zu lernen aus der Corona- Krise“, so die Difu-WissenschaftlerInnen Anne Roth, Jens Hasse und Jan Walter, wäre nun „die Sensibilisierung und Eigenvorsorge von Bevölkerung und Unternehmen sowie eine integrierte Hitze-, Starkregen- und Trockenheitsvorsorge“. Dafür müssten zum Beispiel auch die Gesundheitsämter „dringend mit mehr Kapazitäten und ausreichend umweltmedizinischer Expertise ausgestattet werden“.

Möglicherweise gibt es gar eine Flucht aufs Land, weil die Pandemie die Sehnsucht der GroßstädterInnen nach Freiraum verstärkt. Befördern könnte dies das Digitale, seit Corona das Arbeitsmittel schlechthin über jegliche Distanzen hinweg. Orte in sogenannten strukturschwachen Regionen in Brandenburg, Mecklenburg oder Bayern werben seit Jahren mit freien Flächen, günstigem Wohnraum und guter sozialer Infrastruktur – und eben der digitalen Anbindung. 

„Es wird viele ländliche Gemeinden geben, die sich als Alternative zur dicht bevölkerten Stadt etablieren und dabei mit neuen Antworten auf die Fragen des täglichen Lebens punkten“, prognostiziert etwa Difu-Stadtplaner Stefan Schneider, „für einige Großstädte könnte sich dadurch der Wachstumsdruck verringern – der Beginn einer umfassenden Transformation.“ Für diese ist dann das „integrierte Denken“ von kommunalen Köpfen, Stadt- und Verkehrsplanenden gefragt. Damit das Wachstum von Gemeinden nicht Freiräume frisst, damit es die vorhandenen vorausschauend nutzt.

Erfahrungen der Corona-Krise im Kampf gegen Klimawandel nutzen

Wie weiter mit und nach Corona? Die Antworten von Difu und UBA lauten: mit den Erfahrungen dieser Krise nun die größere Krise angehen, den Klimawandel. Alle staatlichen, wirtschaftlichen und bürgerschaftlichen Bestrebungen darauf fokussieren. Nachhaltig.

Das UBA verweist die Bundesrepublik mit seinem Programm „Nachhaltige Wege aus der Wirtschaftskrise“ erneut auf das Pariser Klimaschutzabkommen. Der 15-Punkte-Aktionsplan reicht vom forcierten Ausbau erneuerbarer Energien über Steuern auf umweltschädliche Technologien bis hin zu Investitionen in grüne Jobs und grüne Wirtschaft. Einer der Punkte: „die gezielte Förderung von Maßnahmen des Klimaschutzes, zur Anpassung an den Klimawandel und zum Ausbau der grünen Infrastruktur“.

Von der Schwammstadt zur „essbaren“ Stadt

Raum geben. Der Natur, den Menschen. Die Leibniz-Forschenden haben für eine angepasste Lebensweise mit Mehrwert für Gesundheit und Klima noch ein weiteres, lokales Konzept ausgemacht: die essbare Stadt. Der natürliche Raum von Streuobstwiesen, Beerensträuchern oder Gemüseflächen in und um Städte ist zudem ein kleiner Vorrat heimischer Ressourcen – sollten in Krisenzeiten Lieferketten unterbrochen oder Lebensmittel knapp werden.

Text: Katharina Fial

 

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