Inter­view mit UDV-Lei­ter Brock­mann zu Unfall­bi­lanz

„Gereizt­heit und Aggres­si­vi­tät haben zuge­nom­men“

2021 gab es so wenige Verkehrstote wie noch nie. Das liege vor allem am coronabedingt gesunkenen Verkehrsaufkommen, sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann. Mit Abflauen der Pandemie dürfte die Opferzahl wieder steigen.

Herr Brockmann, die Zahl der Verkehrstoten ist im vergangenen Jahr um sechs Prozent auf 2569 gesunken, den niedrigsten Stand seit Einführung der Statistik. Wir beurteilen Sie die Zahl? 
Siegfried Brockmann: Ich würde die Entwicklung nicht überbewerten. 2021 war wie auch das Jahr zuvor stark von Corona geprägt. Es gab weniger Möglichkeiten für lange Urlaubsfahrten, dazu kommt die Home-Office-Pflicht. Dadurch ist das Verkehrsaufkommen gesunken, sowohl in der Stadt als auch auf den Autobahnen und Landstraßen. Insofern ist es kein Wunder, dass die Verkehrsopferzahlen ebenfalls zurückgegangen sind. 

Das heißt, die Zahlen werden wieder steigen, wenn sich die Corona-Lage entspannt? 
Brockmann:
 Das werden sie bestimmt. Klar, jedes Opfer ist bedauerlich, in den 1970er-Jahren hatten wir aber noch 20.000 Verkehrstote, die Entwicklung seitdem ist eine große Erfolgsgeschichte. Je kleiner die Zahlen werden, desto schwieriger wird es einfach, weitere Erfolge zu erzielen. Schon in den Jahren vor Corona stagnierten die Opferzahlen.

Wie ließe sich aus ihrer Sicht die Verkehrssicherheit noch weiter verbessern?  
Brockmann: Es gibt noch einige Möglichkeiten bei allen drei Stellschrauben: Fahrzeugtechnik, Infrastruktur und Verkehrserziehung. Jeder vierte Verkehrstote im PKW ist beispielsweise nicht angeschnallt gewesen. Das zeigt, wie wichtig es ist, Manipulationsmöglichkeiten beim Angurten zu unterbinden und Gurtkontrollen zu verstärken. Für Fußgänger brauchen wir bessere Querungsmöglichkeiten – mit Fußgängerampeln, Zebrastreifen oder Verkehrsinseln –, gerade auch mit Blick auf den demografischen Wandel. Auch im Radverkehr gibt es noch Luft nach oben: Die meisten Radfahrer sterben bei Abbiegeunfällen. Diese ließen sich in vielen Fällen durch separate Ampelphasen für Rechtsabbieger verhindern.

 

 

Apropos Radfahrer: Hat Corona zu Veränderungen bei der Wahl der Verkehrsmittel geführt? 
Brockmann:
 Der Radverkehr hat nicht so dramatisch zugenommen, wie viele meinen. Einen nennenswerten Wechsel vom Auto zum Fahrrad hat es jedenfalls nicht gegeben. Und ob die Menschen vermehrt von den öffentlichen Verkehrsmitteln auf das Fahrrad umsteigen, wenn das Fahren in Bus und Bahn wieder angstfrei möglich ist, wird man erst noch sehen.  

Sie erwähnten den Einfluss von Corona auf das Verkehrsaufkommen. Wirkt sich die Pandemie auch auf das Fahrverhalten der Menschen aus? Für die meisten ist Corona ja ein großer Stressfaktor. 
Brockmann: Die Gereiztheit und Aggressivität haben zugenommen, aber das beobachten wir unabhängig von Corona. Es gibt den generellen Trend in unserer Gesellschaft zu mehr Individualismus. Und dieser zeigt sich eben auch im Straßenverkehr. Die Bereitschaft, Regeln zum eigenen Vorteil auszunutzen, wächst. Und leider nehmen dabei viele auch billigend in Kauf, dass andere dadurch zu Schaden kommen könnten.

Zeigt die Bußgeldreform noch keine Wirkung? Regelverstöße wie Falschparken oder überhöhte Geschwindigkeit werden seit November 2021 ja strenger geahndet. 
Brockmann:
 Es kann bis jetzt niemand sagen, ob das was gebracht hat. Das hängt auch mit der Wahrscheinlichkeit zusammen, erwischt zu werden. Mehr Kontrollen gibt es ja nicht, eher weniger. Wir werden im nächsten Jahr mit einer eigenen Studie versuchen zu ermitteln, ob die höheren Bußgelder einen Einfluss auf das Fahrverhalten haben. 

Interview: Karsten Röbisch

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