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„Fast die Hälfte der Opfer fühlt sich noch 12 Monate nach der Tat unsi­cher“

Die Einbruchzahlen sind im vergangenen Jahr weiter angestiegen. Die Opfer müssen nicht nur den Verlust ihre Wertgegenstände verkraften, ihnen kommt schlicht das Gefühl der Sicherheit in den eigenen vier Wänden abhanden. Die GDV-Studie des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen „Wohnungseinbruch: Tat und Folgen“ hat das Phänomen Einbruch untersucht. Wie sich die Opfer nach einem Einbruch fühlen, welche Konsequenzen sie aus dem Erlebten ziehen und wie man sich schützen kann – der stellvertretende Direktor des Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Dirk Baier, gibt Antworten.

Herr Baier, sie haben das Phänomen Einbruch in fünf verschiedenen Städten untersucht. Wann und um welche Zeit muss man am ehesten mit Einbrechern rechnen?
Dirk Baier: Die Hauptsaison für Einbrecher ist von Oktober bis einschließlich Januar. Fast die Hälfte der von uns untersuchten Einbrüche fand in dieser Zeit statt. Einbrecher kommen also eher in der dunklen Jahreszeit und vor allem dann, wenn die Chance groß ist, dass niemand zu Hause ist – also in der Zeit von 10 bis 18 Uhr.

Welche Gebäude sind aus Sicht der Täter besonders für einen Einbruch geeignet?
Baier: Einfamilienhäuser und Erdgeschosswohnungen haben ein überdurchschnittliches Einbruchsrisiko – jeder dritte Einbruch fand in einem Einfamilienhaus statt. Bei Mehrfamilienhäusern war meist die Erdgeschosswohnung das Einbruchsziel. In Einfamilienhäuser wurde dabei vorwiegend über Fenster bzw. Fenstertüren eingebrochen, in Wohnungen von Mehrfamilienhäusern über die Eingangstür.


Wohnung lassen sich relativ leicht mit mechanischer Sicherungstechnik gegen Einbrecher sichern. Hat das überhaupt eine Wirkung auf die Täter?
Baier: Eine gute Sicherung von Wohnungen verhindert nachweislich Einbrüche. Täter gelangten nur zu 65 % in die Wohnung, wenn diese mit Sicherheitstechnik ausgestattet war; wenn sie es nicht war, war dies zu 81 % der Fall. Zudem haben die Betroffenen von versuchten Einbrüchen mehrheitlich angegeben, dass das Scheitern auf die Sicherungen von Türen und Fenstern zurückzuführen ist.

Die Hausratversicherung ersetzt die materiellen Schäden nach einem Einbruch – was haben die Befragten zu den Erfahrungen mit ihrem Versicherer gesagt?
Baier: Fast 90 Prozent der Betroffenen gaben an, dass sie im Allgemeinen mit ihrem Hausratversicherer zufrieden waren. Auch mit der Höhe der Entschädigung nach einem Einbruch waren knapp 80 Prozent zufrieden – obwohl der Schaden nicht immer vollständig reguliert wurde. Für die hohe Zufriedenheit mit dem Versicherer dürfte auch verantwortlich sein, dass die Zahlungen relativ schnell, im Schnitt innerhalb von sechs Wochen, erfolgten. Ein Viertel der betroffenen Haushalte verfügte jedoch über keine Hausratversicherung.

 

Was bedeutet es für Menschen, wenn sie Opfer eines Einbruchs werden?
Baier: Es sind weniger die finanziellen als die psychischen Folgen, die die Einbruchsopfer lange Zeit belasten. Unsere Studie hat gezeigt, dass Einbrüche den Charakter eines traumatisierenden Erlebnisses annehmen können. Fast die Hälfte der Opfer fühlt sich auch noch 12 Monate nach der Tat unsicher in der eigenen Umgebung. Hinzu kommen Gefühle der Macht- und Hilflosigkeit bzw. der Angst sowie Schlafstörungen. Von diesen Folgen sind Frauen häufiger betroffen als Männer und jüngere und ältere Befragte häufiger als Befragte mittleren Alters.

Wie wirkt sich ein Einbruch auf das tägliche Leben aus?
Baier: Die Opfer von Einbrüchen verändern ihre Alltagsroutinen. Sie lassen das Licht häufiger brennen, wenn sie das Haus verlassen. Sie achten stärker darauf, wer sich in der Nachbarschaft aufhält. Sie teilen die eigene Abwesenheit seltener anderen Personen mit. Zudem gaben immerhin zwei Drittel der Befragten an, dass sie nach dem Einbruch die Wohnung aufgerüstet und neue Sicherungstechnik eingebaut haben.

Bei manchen Opfern spitzt sich die Lage noch weiter zu…
Baier: Die Ängste und die Verunsicherung gehen soweit, dass die Betroffenen sich in ihrem Zuhause nicht mehr sicher fühlen. Jeder vierte Betroffene ist wegen des Einbruchs umgezogen oder hätte dies gerne getan. Jüngere Opfer gehen diesen Schritt häufiger als ältere Opfer, was unter anderem damit in Zusammenhang steht, dass Ältere eher Wohneigentum haben. Bei denen, die gerne umgezogen wären, scheiterte die Umsetzung meist an den Umzugskosten. Ein verhinderter Umzug scheint dabei die psychischen Belastungen zu verstärken. Vergleicht man diejenigen, die gerne umgezogen wären, mit denen, die tatsächlich umgezogen sind, zeigen sich deutlich höhere psychische Belastungen.

Sie haben auch die Arbeit der Polizei aus der Sicht der Betroffenen unter die Lupe genommen. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
Baier: Fast alle Betroffenen äußern einerseits, dass die Polizeibeamten freundlich und hilfsbereit gewesen sind. Andererseits gab nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie mit der Ermittlungstätigkeit zufrieden waren. Hier spiegelt sich wider, dass es der Polizei nur sehr selten gelingt, die Täter des Einbruchs zu ermitteln. Der Bereich der Polizeiarbeit ist zugleich der einzige, in dem es größere Unterschiede zwischen den Städten gibt: In einigen Städten müssen die Opfer zum Beispiel länger auf das Erscheinen der Polizei warten als in anderen Städten; die Polizei findet je nach Stadt mal mehr, mal weniger Spuren und die Beamten sind mal mehr, mal weniger dazu bereit, den Opfern hilfreiche Informationen etwa zur besseren Sicherung der Wohnung zu geben.

Gab es für Sie bei dieser Studie eine Überraschung – also ein Ergebnis, mit dem Sie so überhaupt nicht gerechnet haben?
Baier: Ja, das ist tatsächlich der Fall. Ich war überrascht, dass jedes zehnte Opfer einen konkreten Verdacht hatte, wer der Täter gewesen sein könnte. Der Verdacht bezog sich in mehr als der Hälfte der Fälle dann auf eine Person aus der Nachbarschaft. Anscheinend sind es also nicht nur, wie häufig kolportiert, die „osteuropäischen Banden“, die für Wohnungseinbrüche verantwortlich sind, sondern nicht selten völlig andere Tätergruppen. Interessant in diesem Zusammenhang ist dann der zusätzliche Befund, dass die Polizei in über der Hälfte der Fälle dem Verdacht aus Sicht der Opfer nicht ausreichend nachgegangen ist. Wenn sich das bewahrheitet wirft das doch ein ganz anderes Licht auf unsere Nachbarschaft.

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