Inter­view mit dem Risi­ko­ex­per­ten Alex­an­der Esser

„Ein unsicht­ba­rer Geg­ner“

Ein Virus lässt die ganze Welt erkranken. Nahezu gleichzeitig, nahezu ohne Unterschiede. Was ist diese Corona-Pandemie für eine Katastrophe? Was unterscheidet sie von Naturkatastrophen wie Hochwasser oder Sturm? Definitionen des Risikoexperten Alexander Esser vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Eine rot-gelb reflektierende Kristallperle, mit stachelförmigen Auswüchsen. Das Coronavirus ist ein bizarres Etwas, das erst millionenfach vergrößert sichtbar wird. Und seit Jahresbeginn 2020 millionenfach gezeigt und gesehen wird. Ein Erreger, der – unsichtbar und oft unspürbar – den Tod bringen kann. Von Wildtieren auf Menschen übertragen.

Herr Esser, was ist Corona für ein Risiko?

Grundsätzlich ist Corona eine Gefahr, die in der Natur lauert. Zum Risiko wird sie erst, wenn sie auf den Menschen trifft. Die weltweite Pandemie ist ein Risiko, mit dem wir bisher in Deutschland kaum Erfahrung haben, anders als mit extremem Hochwasser oder Stürmen.

Worin unterscheiden sich Pandemien wie Corona von Naturkatastrophen wie Hochwasser oder Erdbeben?

Erstens durch die räumliche Auswirkung. Pandemien haben das Potenzial, größere Weltregionen oder gar die ganze Welt zu treffen. Naturkatastrophen treten eher kleinräumiger auf. Zweitens durch den Zeitfaktor. Durch die Geschehnisse im Frühjahr in Italien war absehbar, dass es wahrscheinlich eine Frage der Zeit ist, bis die Pandemie sich auch im restlichen Europa weiter ausbreitet. Diese Vorlaufzeit ist bei Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Starkregen, die trotz Vorhersagen eher ad hoc eintreten, nicht gegeben. Drittens: Pandemien dauern länger. Wir reden bei Corona wahrscheinlich über mehrere Jahre, bei Naturkatastrophen über einige Minuten, Tage oder Wochen. Damit unterscheiden sich auch die Auswirkungen.

 

Inwiefern?

Naturkatastrophen haben physische, sichtbare Auswirkungen. Sie zerstören Gebäude, Infrastruktur, Landschaften. Corona ist ein unsichtbarer Gegner. Die Auswirkungen einer Pandemie sind komplexer und nicht unmittelbar absehbar, insbesondere wenn es sich um ein neuartiges Virus handelt. Die Gesellschaft ist als Ganzes betroffen, etwa durch Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Die Folgen sind im Gegensatz zu denen des Sturms oder des Hochwassers kaum abschätzbar.

Menschenleben sind in allen Fällen gefährdet.

Bei Pandemien sind potenziell mehr Menschen betroffen. Das Phänomen der Unsichtbarkeit, die Komplexität der Symptome erschwert den Menschen auch den Umgang mit der Gefahr.

Worin liegen die Gemeinsamkeiten von Pandemien und Naturgefahren?

Neben der Gefahr für Menschenleben besteht ein Risiko für die kritische Infrastruktur: Krankenhäuser, Energie- und Wasserversorgung. Bei Naturgefahren durch Zerstörung von baulichen Elementen, bei Pandemien durch den Ausfall von Personal wegen Krankheit oder Quarantäne. Da sind neben einem staatlichen Katastrophenmanagement auch die betreffenden Unternehmen gefragt, dafür Strategien zu entwickeln.

Sie sagten, mit Pandemien hat Deutschland bisher kaum Erfahrungen. Gibt es weitere bisher unbekannte Risiken?

Die Dürre und Hitze zum Beispiel, die wir 2018 und 2019 erlebten. Wer hätte gedacht, dass in Deutschland einmal Trinkwasser knapp wird, wie es in einigen Regionen geschehen ist? Oder Erdbeben. Es gibt zwar immer wieder leichte Beben in Risikogebieten wie der Niederrheinischen Bucht, doch mit katastrophaleren Beben haben wir noch keine Erfahrung machen müssen.

 

Interview: Katharina Fial

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