Inter­view zu Dür­re­schä­den

„Ein kras­ser Aus­rei­ßer nach oben“

Die Bauern hierzulande müssen mit Dürreschäden von rund zwei Milliarden Euro rechnen, sagt GDV-Landwirtschaftsexperte Rainer Langner im Interview. Was sich in der Agrarversicherung ändern muss und wie wir von anderen EU-Staaten lernen können.

Herr Langner, angesichts der aktuellen Hitzewelle sorgen sich viele Bauern um die Ernte. Wie hoch schätzen Sie die Schäden, auf die sich die Landwirte einstellen müssen?
Rainer Langner: Natürlich kann ich das im Augenblick nur grob schätzen. Wie sich die Lage derzeit darstellt, müssen die Landwirte wohl mit Schäden von mindestens zwei Milliarden Euro rechnen. 

Das hört sich dramatisch an.
Langner: Das ist es auch. Im Durchschnitt der letzten 25 Jahre haben Wetterrisiken – also Sturm und Starkregen, Hagel, Trockenheit oder Überschwemmungen – jährliche Ernteausfälle von gut 500 Millionen Euro in Deutschland verursacht. Dieses Jahr ist also ein krasser Ausreißer nach oben. Einen ähnlich hohen Schaden mit fast zwei Milliarden Euro gab es zuletzt 2003. 

Kann man wirklich von einem Ausreißer sprechen oder lässt sich angesichts des Klimawandels nicht eher ein Trend nach oben ablesen?
Langner: 
Von einem Trend will ich noch nicht sprechen. Allerdings steigt die klimabedingte Schadensumme in den vergangenen Jahren an. Und Dürre verursacht die höchsten Schäden.

Viele Landwirte beklagen, dass sie ihre Ernte zwar gegen Hagelschäden versichern können, nicht aber gegen Trockenheit. Warum ist das so?
Langner: Das können sie sehr wohl. Nur sind die Prämien und Selbstbehalte tatsächlich so hoch, dass sich diesen Versicherungsschutz im Augenblick kaum ein Landwirt leisten kann. 

Woran liegt das?
Langner: 
Trockenheit ist ein sogenanntes Kumulrisiko. Das bedeutet, sie kommt zwar nicht allzu häufig und regelmäßig vor. Wenn es dann aber mal für längere Zeit nicht regnet, sind davon gleich mehrere Regionen betroffen und der Schaden ist entsprechend groß. Und zwar sowohl beim einzelnen Landwirt als auch für die gesamte Volkswirtschaft. Das macht es für die Versicherer sehr schwer, ausreichend Risikokapital vorzuhalten. Ganz im Unterschied zu Hagelschäden: Die treten zwar häufiger auf, sind jedoch meist regional begrenzt. So kommt es, dass drei Viertel der Ackerflächen oder fünf Millionen Hektar gegen Hagelschäden versichert sind, aber nur rund 5000 Hektar gegen Dürreschäden. 

Bauern in anderen EU-Ländern können sich doch einen Schutz gegen Dürreschäden sehr wohl leisten. Was machen die deutschen Versicherer falsch?
Langner: 
Ganz so einfach ist es nicht. Drei Viertel der EU-Staaten – etwa Frankreich, Italien, Spanien, Polen, Österreich oder Niederlande – bezuschussen Mehrgefahrenpolicen, die alle Wetterrisiken einschließen, also auch Trockenheit. Die Förderung liegt teilweise bei 70 Prozent, und dadurch werden die Policen für die Bauern erschwinglich. 

Wären solche Zuschüsse auch eine Lösung für Deutschland, um die Nachfrage nach Allwetterpolicen anzukurbeln?
Langner: Ich denke schon. Die Folgen des Klimawandels zu bewältigen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Insofern sehe ich auch die Politik in der Verantwortung. Man kann auch hinterfragen, warum der Gesetzgeber zwar die Versicherungssteuer für Policen gegen Hagel, Sturm, Starkregen, Überschwemmung und Frost gesenkt hat, nicht aber bei Versicherung gegen Trockenheit. Wir Versicherer wären jedenfalls in der Lage, eine erhöhte Nachfrage an Mehrgefahrenversicherungen zu bedienen.

Interview: Simon Frost

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