Ver­si­che­rungs­his­to­ri­ker Peter Koch

"Die Ver­si­che­rungs­kun­den wur­den damals nicht bera­ten"

Versicherungsmonopol versus Wettbewerb, Ost versus West: Mit der Wiedervereinigung fielen auch in den unterschiedlichen Versicherungsystemen die Klassenunterschiede weg. Im Interview beschreibt der Versicherungshistoriker Peter Koch, wie der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft für Versicherer und deren Kunden abgelaufen ist und warum im Osten die Lebensversicherung nicht für die Altersvorsorge gedacht war.

Was waren die zentralen Unterschiede zwischen den Versicherungssystemen Ost und West?
Peter Koch: Im Westen konnten die Bürger ihren Versicherer unter mehr als 600 beaufsichtigten Gesellschaften wählen. Im Osten gab es die Staatliche Versicherung der DDR, die mit dem staatlichen Versicherungsmonopol ausgestattete sozialistische Versicherungseinrichtung für die Sozial- und Privatversicherung. Wegen der monopolisierten Versicherung fand kein Wettbewerb zwischen Preisen, Leistungen und Ausgestaltung der Bedingungen statt, ebenso wenig wurden Kunden beraten, da es den Berufsstand des Versicherungsvermittlers nicht gab. Sie waren auf den einheitlichen, genormten Versicherungsschutz angewiesen.

Was waren konkrete Unterschiede zwischen den Versicherungsprodukten Ost und West?
Koch: Die Fahrzeuge waren kraft Gesetzes automatisch gegen Haftpflicht versichert. Steuer und Beiträge hatte man durch den Erwerb und das Einkleben von Wertmarken in eine Karte zu entrichten. Der Lebensversicherung fehlte die Funktion der zusätzlichen Altersvorsorge, weil die Rentenansprüche aus der Sozialversicherung als ausreichend angesehen wurden.


Wie vollzog sich vor 25 Jahren der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft? Wie lange dauerte der Prozess?
Koch: Der rechtliche Übergang vollzog sich dadurch, dass mit Schaffung der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zum 1. Juli 1990 das staatliche Versicherungsmonopol der DDR aufgehoben und westdeutschen Versicherungsunternehmen die Tätigkeit in der DDR genehmigt wurde. Der Betrieb der Versicherungsgeschäfte stand unter der westdeutschen Versicherungsaufsicht, die zum Schutz der unerfahrenen Bürger zahlreiche Sonderregelungen traf, insbesondere ein 10-tägiges Widerrufsrecht anordnete. Diese Sonderregelung endete 1992.

Wie bewerten Sie als Versicherungshistoriker den Übergang?
Koch: Die Aufbauleistung der Versicherungswirtschaft in der ehemaligen DDR und den neuen Bundesländern ist überaus positiv zu bewerten. Trotz gewisser Anlaufschwierigkeiten gelang es ihr, innerhalb kurzer Zeit unter Ausschaltung unsolider Vermittler ein effektives Vertriebs- und Servicenetz aufzubauen. Bis Ende 1992 wurden 33.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Insgesamt entstanden im Innen- und Außendienst der Assekuranz rund 46.000 Stellen. Zur Einrichtung eines marktwirtschaftlich organisierten Versicherungswesens in den neuen Bundesländern erbrachten die westdeutschen Versicherer einen Nettotransfer von 10 Milliarden DM.

 

Bleiben Sie auf dem Laufenden: Der GDV-Newsletter

Der GDV-Newsletter bietet einen aktuellen Überlick über die wichtigsten Themen der Versicherungswirtschaft – immer mittwochs in Ihrem E-Mail-Postfach. >> Hier abonnieren

  Aus ihrer Sicht ist die Wiedervereinigung der Versicherungssysteme also eine Geschichte mit Happy End?
Mit dem auf diese Weise in Ost- und Mitteldeutschland neue entwickelten und bewährten Vorsorge- und Versicherungssystem hat der Wirtschaftszweig einen wesentlichen Beitrag für die Grundlagen zur Schaffung der deutschen Einheit geleistet. Insofern kann man ohne Bedenken von einer Erfolgsgeschichte für die Versicherungswirtschaft sprechen.

zurück zum Schwerpunkt:
>> 25 Jahre Mauerfall: Die Versicherungswirtschaft zur Wendezeit
Zur Startseite