Fuß­ball-Bun­des­liga in Zei­ten von Corona

„Die Ver­si­che­rer haben exor­bi­tant hohe Leis­tun­gen erbracht“

Bis zum Lockdown konnten Klubs pandemiebedingte Einnahmeausfälle absichern, jetzt nicht mehr, sagt der Ex-Profi und heutige Spezialmakler Dieter Prestin im Interview. Das ist nicht die einzige Auswirkung von Corona auf den Sportversicherungsmarkt.

Herr Prestin, als Spezialmakler für Sportversicherungen sind Sie nah dran an der Bundesliga, die nun ganz im Schatten von Corona steht. Wie hat sich dadurch auch ihr Berufsalltag verändert?
Prestin:
Unser Unternehmen hat durch Covid-19 jetzt deutlich mehr Aufwand als in den Jahren zuvor. Unter anderem auch, weil die Versicherer mehr Informationen haben wollen als früher.

Inwiefern?
Prestin:
Eine große Rolle im Profisport, insbesondere in der Fußballbundesliga, spielen beispielsweise die sogenannten Marktwertversicherungen, mit denen die Vereine einen Bilanzschutz betreiben oder einen Transferwert absichern. Sie sichern also den finanziellen Wertverlust ihrer Spieler ab, sei es wegen Sportinvalidität oder Tod. Früher reichte es den Versicherern aus, wenn für den Spieler der von der Deutschen Fußball Liga (DFL) geforderte Nachweis der Sporttauglichkeit vorlag, also der bestandene Medizincheck. Das ist nun anders. Die Versicherer benötigen heutzutage deutlich mehr Gesundheitsinformationen.

Demnach ist das Risiko Corona noch abgedeckt?
Prestin:
Bei Marktwertversicherungen gibt es vereinzelt noch einige Versicherer, die Covid-19 versichern, wobei die Prämien jetzt aufgrund Corona gestiegen sind. Für die Spielerseite gilt: Eigenständige Krankentagegeldversicherungen (Lohnfortzahlung), mit denen sich die Profis gegen eine längere Verletzungspause oder Invalidität absichern, enthalten generell den Pandemieschutz.

Und was ist mit den entgangenen Zuschauereinnahmen, weil die Stadien nicht mehr voll besetzt sind? Lässt sich das auch versichern?
Prestin:
Vor dem Lockdown gab es für Fußballspiele – wie für jedes andere Event auch – Ausfallversicherungen, die das Pandemie-Risiko einschlossen. Darauf haben wir speziell bei unseren Deckungen auch geachtet. Die Versicherer haben dann im Zuge von Corona exorbitant hohe Leistungen erbracht. Inzwischen haben sie die Klappe zu gemacht.

Wir gehen die Vereine mit der neuen wirtschaftlichen Situation um?
Prestin: Sie passen vor allem ihre Ausgaben an. Die Bundesliga-Klubs haben in dieser Saison durchschnittlich 30 Mio. Euro weniger zur Verfügung aufgrund geringerer Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten oder dem Sponsoring. Und das tut ihnen schon weh. Die Vereine agieren daher sehr vorsichtig und überlegen sich genau, ob sie etwa noch für 10 Mio. Euro einen neuen Spieler holen. Transfers in dem Rahmen werden häufig nur getätigt, wenn man den ein oder anderen Spieler verkauft. Der Spardruck zeigt sich auch bei den Gehältern. Wenn ein neuer Spieler in der vergangenen Saison 3 Mio. Euro als Gehalt bekam, dann sind es jetzt vielleicht noch 2 Mio. Euro.

Führt die Vorsicht auch umgekehrt dazu, dass die Klubs vermehrt ihre sportlichen Ziele absichern, also beispielsweise das Erreichen der Champions League? Immerhin hat jetzt, da nur noch wenige Zuschauer in die Stadien dürfen, die Abhängigkeit von den Fernsehgeldern zugenommen.
Prestin: Das stimmt, aber jeder Klub weiß, dass er wegen Covid-19 nicht mehr mit den Einnahmen der Vergangenheit rechnen kann, und plant entsprechend. Da wird überall mit spitzem Bleistift gerechnet. Neue Versicherungen stehen weniger im Vordergrund, da geht es eher um Einsparungen, die sich zum Teil aufgrund der Marktentwicklung automatisch ergeben. Aber natürlich sind wir in der Lage, auch heute noch Versicherungsschutz für das Erreichen oder Nichterreichen von sportlichen Zielen anzubieten.

Automatische Einsparungen: Können Sie das erklären?
Prestin:
Die Tendenz in den Vereinen geht ja dahin, den Buchwert oder möglichen Transferwert der Spieler abzusichern. Das bedeutet, dass wenn wie jetzt die Transfersummen sinken, die Versicherungssummen ebenfalls fallen, und somit auch die Prämien. Es gibt aber Ausnahmen: Manche Vereine warten ab, insbesondere dann, wenn einer ihrer Spieler das Interesse englischer Vereine weckt. Die Einnahmesituation könnte in ein paar Monaten auch wieder anders aussehen.

Die Transfersummen sinken nicht nur, immer öfter werden auch erfolgsabhängige Ablösen gezahlt. Wie lässt sich das versicherungstechnisch abbilden?
Prestin: Die Fälle nehmen zu, das stimmt. Ein prominentes Beispiel ist Kai Havertz, der für circa 80 Mio. Euro von Leverkusen zu Chelsea gewechselt ist, wobei der Betrag nachträglich durch das Erreichen von vereinbarten Erfolgen noch steigen kann. In solchen Fällen gibt es in der Regel eine Grunddeckung in Höhe des Sockelbetrags. Dazu kommt eine erfolgsabhängige Versicherung, bei der viele Faktoren reinspielen. Geht es um das Erreichen einer bestimmten Zahl an Einsätzen, steht das Verletzungsrisiko des Spielers im Vordergrund. Ist die Platzierung des Klubs am Saisonende mitentscheidend, bewertet man auch das Potenzial der Mannschaft – und die Konkurrenz in der Liga.

Wegen Corona wurde die vorige Saison zunächst ausgesetzt und dann über das ursprüngliche Ende hinaus verlängert. Viele Verträge waren da bereits abgelaufen. Wie wurde das versicherungstechnisch gelöst?
Prestin: Die DFL und auch die UEFA hatten ja großes Interesse, dass die Spieler über das eigentliche Saisonende hinaus unter Vertrag bleiben. Und so ist es in Deutschland auch gekommen. Für uns war das kein Problem. Der Zeitraum ließ sich einfach nachversichern.

Zum Abschluss noch eine Frage zum 1. FC Köln, bei dem Sie ihre gesamte Karriere verbracht haben. Was trauen Sie ihrem Verein in dieser Saison zu?
Prestin:
Wenn ich mir die letzten Spiele der Vorsaison ansehe und den Start in die neue, muss ich sagen: Der FC geht ganz schweren Zeiten entgegen. Leistungsträger wie Cordoba wurden verkauft, ohne adäquat ersetzt zu werden. Wegen vieler Altlasten ist der finanzielle Spielraum ohnehin sehr begrenzt. Köln muss deshalb aufpassen, in dieser Saison nicht abzusteigen. Hier ist das Präsidium sowie das sportliche Management gefordert. Es ist mal wieder an der Zeit, den 1. FC Köln strategisch, perspektivisch und sportlich neu auszurichten. Hierzu benötigt man die Kompetenz, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. 

Interview: Karsten Röbisch

Zur Startseite
Auch inter­essant